Hier entstehen 450 neue Arbeitsplätze

<strong>Moderne Industriearchitektur auf altem Russen-Truppenübungsplatz:</strong> das neue 220 Millionen teure Nestlé-Kaffeewerk in Schwerin mit 450 neuen Arbeitsplätzen
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Moderne Industriearchitektur auf altem Russen-Truppenübungsplatz: das neue 220 Millionen teure Nestlé-Kaffeewerk in Schwerin mit 450 neuen Arbeitsplätzen

svz.de von
07. Juni 2012, 11:31 Uhr

Schwerin | Das ist selbst für Ulrich Walter außergewöhnlich. Seit 20 Jahren stellt der Bauingenieur für den weltweit agierenden Lebensmittelkonzern Nestlé überall in Deutschland Fabriken in die Landschaft - neue oder erweiterte, in Biessenhofen im Allgäu, in nordrhein-westfälischen Herten. 70 000 Kilometer fährt er in jedem Jahr von einem Bau zum nächsten. Doch das, was Walter ab kommenden Montag aus seinem Containerbüro in den nächsten eineinhalb Jahren im Schweriner Industriepark hochziehen wird, sprengt auch seine Vorstellungen. "Das ist das Größte, was Nestlé, nach dem Krieg gebaut hat", meint der 63-Jährige. "Das ist außergewöhnlich." Ob Fabriken für 20 oder 70 Millionen Euro: "Der Bau ist eigentlich überall gleich", meint Walter. Das, was in Schwerin gebaut wird, bringt den Projektchef aber ins Schwärmen: neueste Werkstoffe, modernster Wärmeschutz, ein ressourcenschonendes Standortkonzept, energieeffiziente Anlagen mit geringem Verbrauch, umweltfreundlicher Innenausbau. "Das ist der Höhepunkt meiner Arbeit", sagt Ulrich Walter, der Mr. Nestlé von Schwerin.

In zwei Monaten gehts los: Baustart für das Projekt "Gemini". Am 20. August solle mit den Erdarbeiten, am 1. Oktober mit dem Rohbau begonnen, erklärte Walter gestern den rund 300 Unternehmern bei dem von den Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern in MV organisierten Auftragsgipfel in Schwerin, bei dem der Konzern erstmals sein Projekt detailliert vorgestellt hatte.

Das kann sich sehen lassen: Mit der neuen Fabrik in Mecklenburg holt Nestlé Industriearchitektur in den Norden, die bereits in der Autofabrik Wolfsburg oder Gläsernen Autofabrik Dresden für Aufsehen gesorgt hat. Ein hochwertiger Industriebau solle entstehen, erklärte Walter, konzipiert vom Münchner Architekturbüro Henn, das sich auf Projekte wie in Wolfsburg und Dresden spezialisiert hat. Nestlé sucht in seinem Werk die Offenheit: Viel Glas, viel Licht, viel Transparenz, freie Sichtachsen - der Milliardenkonzern klotzt für 220 Millionen Euro ein Werk in die mecklenburgische Weite, das für Abwechslung in der schnöden Industriearchitektur sorgen wird. Lichtdurchflutete Eingangshalle, verglaste Wände zwischen Verwaltung und Produktion, Lichtbänder im Dach, eine bepflanzte Dachterrasse, baumgesäumte Magistrale auf dem Weg ins Werk, ein Außengelände rund um das Werk, das dem Ostseeufer nachempfunden werden soll, ein Werk mit 50 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche und einem Personalwarenshop mit der gesamten Nestlé-Produktpalette, zugänglich für jedermann: Das Werk sei transparent und offen konzipiert, zeigte Walter Detailplanungen. Kontakt ohne Barrieren, offene Fassaden: So solle Glas für ständige Sicht zu den Produktionsstraßen sorgen und den Mitarbeiter ermöglichen, die Außenwelt wahrzunehmen. "Alle sollen einen engen Kontakt zum Produkt haben", erklärte Walter.

Doch bis ab Oktober 2013 Grünkaffee in Schwerin angeliefert, gesäubert, geröstet, gemahlen, portioniert, die ersten Kaffeekapseln das Schweriner Werk verlassen und an Kunden in Deutschland und Europa geliefert wird, drückt die Zeit. Eineinhalb Jahre für eines der modernsten und produktivsten Kaffeewerke in Europa: Ein sportlicher Zeitplan, meinen Bauexperten.

Bis dahin winken Millionenaufträge für die heimische Wirtschaft und 450 neue Arbeitsplätze im Kaffeewerk: Der Konzern habe sich entschlossen, nicht auf einen Generalauftragnehmer zu setzen, sondern auf Firmen aus der Region, erklärte Walter. Tiefbauer, Zimmerer, Anlagenbauer, Metallbearbeiter, Trockenbauer, Fassadenbauer, Estrich- und Fliesenleger, Tischler, Landschaftsbauer, Elektriker, Straßenbauer - 33 verschiedene Positionen reiht die Gewerkeliste auf. Das kann sich lohnen: Walter rechnet damit, dass Aufträge im Wert von rund 60 Millionen Euro bei Firmen aus MV für Eingänge in den Orderbüchern sorgen können.

Hunderte Firmen wollen davon profitieren: Eine Chance für neue Aufträge, meinte Mario Lehnicke von der Firma Gebrüder Karstens Bauunternehmung in Waren, der sich in Schwerin gestern über Auftragsdetails informierte. Allerdings: Der Wettbewerb sei groß. Ein so großes Interesse wie am Bau des Nestlé-Werkes gebe es nicht alle Tage, sagte Lehnicke.

Nestlé in Schwerin: Für Mecklenburg-Vorpommern ist es die bisher größte Investition in der Ernährungswirtschaft, die der Weltkonzern auf etwa einem Zehntel des 350 Hektar großen Industrieparks in Schwerin errichtet wird. Das sorgt nicht nur für Zustimmung: Nestlé und sein weltweites Engagement als Lebensmittelkonzern bringt in MV inzwischen auch Kritiker auf die Straße. Erst vergangene Woche hatten drei Öko-Aktivisten Protestparolen gegen einen in der Schweiz ansässigen, international agierenden Lebensmittelkonzern angebracht - Nestlé. Damit sollte gegen die Trinkwassernutzung der Firma protestiert werden. Doch auch die Kaffeekapseln, die ab 2013 in Schwerin produziert werden sollen, bringen Umweltschützer auf. Ihre Kritik: Der Portionskaffee sorgt für wachsende Müllberge - tausende Tonnen jährlich.

Der Weltkonzern wiegelt ab: Wie andere Verpackungsstoffe auch, gehören benutzte Dolce Gusto Kapseln in die gelbe Tonne, um dort zu Rohstoffen für beispielsweise Blumentöpfe oder Autoteile verarbeitet zu werden, meint Firmensprecher Alexander Antonoff gestern in Frankfurt. Auch würden die Kapseln als Ersatzbrennstoffe in der Zement- und Stahlindustrie eingesetzt, das Aluminium in den Kapseln vom Kunststoff getrennt und sachgerecht recycelt. Auch nehme der Konzern den Umgang der Ressource Wasser "sehr ernst", so Antonoff. Seit 2001 habe Nestlé die Gesamtwasserentnahme in seinen Fabriken um 28 Prozent reduziert.

In Schwerin muss sich der Konzern erst noch beweisen. Die Region freut es schon jetzt: Die Ansiedlung des Weltkonzerns sei "ein Paukenschlag" für Mecklenburg, meint Edgar Hummelsheim, Chef der Handwerkskammer Schwerin - vor allem weil Nestlé angekündigt habe, die Unternehmen der Region an den Aufträgen gewerkeweise zu beteiligen und den Bau nicht an einen Generalauftragnehmer zu geben. Allerdings: Gleich beim ersten Millionen-Auftrag scheint der Nestlé-Plan nicht ganz aufgegangen zu sein. Karrié Bau-Service GmbH aus Mainz prangt am Baustellenschild auf dem neuen Werksgelände. Erst die Unteraufträge gingen an mehrere Firmen aus der Region.

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