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Serie: Mein Verein : Herzensbilder für Aimée

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Verein „Tapfere Knirpse“ ermöglicht Eltern von schwerkranken und behinderten Kindern auf Wunsch ein kostenloses Foto-Shooting

Ein Mann liegt mit dem Bauch nach unten auf dem Boden. Seine Ellenbogen bohren sich in den Rasen. Er versucht die richtige Position für seine Kamera zu finden, die er in den Händen hält. Stück für Stück robbt er an einen Sandkasten heran. Dort spielt gerade Aimée. Die Vierjährige füllt mit einer kleinen Schaufel einen rosafarbenen Eimer. Eine große Sandburg möchte sie bauen. „Lächle mal für mich!“, ruft der Mann. Aimée schaut auf, blickt in Richtung Kamera und zeigt ein breites Grinsen.

Der Mann, der Aimée ablichtet, ist Frank Salomo. Für den 45-Jährigen sind Kinder- und Familienporträts eine Leidenschaft. Doch heute ist kein alltäglicher Fototermin. Salomo fotografiert im Namen des Vereins „Tapfere Knirpse“. Die Vereinigung von mehr als 300 Fotografen aus ganz Deutschland wurde im Mai 2013 gegründet. Das Ziel: Familien mit behinderten und schwerkranken Kindern kostenfreie Foto-Shootings ermöglichen. Die Bilder sollen den Angehörigen Mut machen, Kraft schenken und Hoffnung geben. „Es geht darum, die schönen Momente, trotz aller Widrigkeiten des Alltags, professionell in Fotos festzuhalten, die später einmal gute Erinnerungen wecken“, verdeutlicht Salomo das Anliegen des Vereins.

Auch Aimées Eltern haben sich Andenken an die schönen Augenblicke mit ihrer Tochter gewünscht. Von denen hatte die Familie aus Grevesmühlen bislang nicht allzu viele. Denn Aimée kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt. So schwer, dass Lebensgefahr bestand. Ärzte konnten das Mädchen nur durch eine Operation, wenige Tage nach ihrer Geburt, retten. Weitere Eingriffe folgten. Erst im Alter von vier Monaten konnte Aimée die Klinik verlassen.

Geheilt ist die heute Vierjährige aber nicht. Ihr Herz ist noch immer schwächer als das gesunder Kinder. Das wirkt sich auf ihren Alltag aus. „Sie ist nicht so belastbar wie andere Kinder. Sie ist schneller erschöpft, weil ihr Körper nicht genug Sauerstoff bekommt“, erklärt ihre Mutter, Katja Flemming. Aimée tobe dennoch gern mit den Mädchen und Jungen ihrer Kita und der Nachbarschaft. „Sie weiß aber, wann sie eine Pause machen muss. Dann bekommen ihr Gesicht und ihre Lippen eine bläuliche Färbung und sie wird ruhiger“, sagt Flemming.

Davon ist beim Shooting mit Frank Salomo nichts zu erkennen. Unbeschwert erobert das aufgeweckte Mädchen den Spielplatz. Sie klettert mithilfe ihres Vaters, Torsten Müller, die Gerüste hinauf, schaukelt und rennt dem Nachbarshund hinterher. Frank Salomo hat Mühe mit ihr mitzuhalten. Aber das kennt er schon von anderen Shootings. „Wenn man mit Kindern arbeitet, braucht man viel Geduld. Man muss ahnen können, wann ein guter Moment kommt, um auf den Auslöser zu drücken. Das kann ganz schön anstrengend sein, aber es macht auch Spaß.“

Der hauptberufliche Sozialpädagoge legt bei seiner Arbeit als Fotograf einen hohen Wert auf Natürlichkeit. Gekünstelte Bilder im Studio sind nicht sein Ding. „Ich möchte das Kind zeigen, wie es ist“, sagt er. Deshalb finde das Shooting fast immer in einer für das Kind alltäglichen Situation statt. „Das kann bei der Familie zu Hause sein, im Krankenhaus oder an dem Lieblingsplatz des Kindes“, so Salomo. Das entspreche auch dem Grundsatz des Vereins.

Auch Katja Flemming und Torsten Müller wollten ihre Tochter in ihrem gewohnten Umfeld ablichten lassen. „Das bedeutet für uns alle weniger Stress“, begründet Flemming, die mit ihrem Mann noch Aimées jüngeren, gesunden Bruder Kimi (1) betreut. Außerdem habe sie schlechte Erfahrungen mit einem anderen Fotografen gemacht. „Als Aimée zwei Jahre alt war, haben wir Bilder in einem Fotostudio machen lassen. Mit denen waren wir aber nicht wirklich zufrieden. Die Fotos wirkten total gestellt“, erläutert die 29-Jährige. Diesmal sei alles viel ungezwungener.

Das liegt vor allem an Aimées fröhlicher, sorgloser Art. Sie mag es, vor der Kamera zu stehen. Außerdem geht es ihr verhältnismäßig gut. So viel Glück haben leider nicht alle Kinder, die der Verein besucht. Einige Mädchen und Jungen sind so schwer erkrankt oder beeinträchtigt, dass sie permanent auf Hilfe angewiesen sind. Andere kämpfen sogar ums Überleben. Eine Herausforderung für jeden Fotografen. „Man muss lernen mit den aufkommenden Gefühlen während eines und vor allem nach einem Shooting umzugehen. Das ist nicht immer ganz einfach“, erzählt Salomo. „Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Kind nur wenige Stunden nach einem Shooting verstorben ist. Damit muss man erst mal klarkommen.“

Umso mehr schätzen auch Aimées Eltern das Engagement der „Tapferen Knirpse“. „Wir ziehen den Hut vor den Fotografen, dass sie das alles ehrenamtlich machen: die Fahrten, die Zeit für das Shooting und die Bildbearbeitung. Das bedeutet uns wirklich viel“, verdeutlicht Katja Flemming, die auch anderen Eltern Mut machen möchte, sich für ein Shooting zu entscheiden.

Das Verfahren ist einfach: Auf der Internetseite des Vereins unter www.tapfere-knirpse.de können sich Interessierte informieren und über ein Kontaktformular bewerben. Ein Team an Koordinatoren, zu dem auch Salomo gehört, sucht dann nach einem Fotografen unter den Mitgliedern, der möglichst aus der Nähe des künftigen Einsatzortes kommt. Ist ein Fotograf gefunden, nimmt dieser umgehend Kontakt zur Familie auf und bespricht alle weiteren Modalitäten des Shootings. Am Ende bekommt die Familie mindestens 15 Herzensbilder überreicht. „Da sind die Fotografen sehr einfallsreich. Manche gestalten liebevoll ganze Fotobücher“, erzählt Salomo.

Auf die Übergabe freut sich der Schweriner schon jetzt. „Das ist immer emotional“, sagt er. „Kein Fotograf lässt sich diesen Moment entgehen.“ So wird er auch die Fotos von Aimée persönlich übergeben. Und dann wird er sich erinnern, wie er mit dem Bauch nach unten auf dem Boden lag und seine Ellenbogen sich in den Rasen bohrten bei dem Versuch, die richtige Position für sein Motiv zu finden.


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erstellt am 24.Jun.2014 | 11:59 Uhr

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