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Mecklenburg-Vorpommern

24. Oktober 2017 | 00:54 Uhr

Herrenhäuser vor dem Verfall

vom

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erstellt am 29.Aug.2010 | 06:57 Uhr

Anklam | Denkmalschützer warnen vor dem endgültigen Verlust von etwa 250 denkmalgeschützten Herrenhausensembles in MV. Auf einer Konferenz zum Erhalt historisch wertvoller Guts- und Parkanlagen am Samstag in Schlatkow (Landkreis Ostvorpommern) forderten Vertreter von Kommunen, Landkreisen und Vereinen gemeinsam mit Besitzern und Nutzern entsprechender Immobilien ein Umdenken in der Förderpolitik der Landesregierung und eine stärkere Konzentration auf die ländlichen Kulturgüter.

Der Berliner Professor für Kulturgeschichte, Diethart Kerbs, bezeichnete es als eine "Kulturschande", dass weniger als zehn Prozent der Fördermittel gegenwärtig für die Instandhaltung und Sanierung der ländlichen Herrensitze in Kommunal- oder Privatbesitz bereitgestellt würden. Während in dem Land mit der europaweit größten Herrenhausdichte reihenweise Gutsanlagen verfielen, gehe der Großteil der Gelder in die Instandsetzung der ohnehin schon gut erhaltenen Schlösser in Landesbesitz, kritisierte Kerbs.

Die Verteilung der Mittel sei falsch und ungerecht, sagte Rolf Reeckmann, der sein Gutshaus Liddow auf Rügen in Eigenregie instand gesetzt hatte. Das Land schenke sich die Mittel selbst und vernachlässige gleichrangige Kulturgüter im ländlichen Raum.

Nach einer von Denkmalschützern vorgestellten Roten Liste wurden allein seit 1995 im Nordosten mindestens 30 Herrenhäuser abgerissen oder zerschreddert. Fünf weitere Anlagen wurden Opfer von Brandstiftungen. Damit seien in den vergangenen 20 Jahren fast ebenso viele historische Herrensitze vernichtet worden wie in 40 Jahren DDR, sagte Kerbs. Die Geschäftsführerin des Regionalen Planungsverbandes Vorpommern, Christiane Falck-Steffens, betonte, es bestehe hinsichtlich der Förderpraxis des Landes Gesprächsbedarf.

Hälfte der 2000 Herrschaftssitze steht unter Denkmalschutz

Nach Angaben des Landesministeriums für Verkehr, Bau und Landesentwicklung stehen in der aktuellen Förderperiode von 2007 bis 2013 insgesamt 68,6 Millionen Euro Landes- und EU-Mittel für die Sanierung ehemaliger Herrensitze zur Verfügung. Davon gingen 60 Millionen Euro in die landeseigenen Schlösser Schwerin, Güstrow, Ludwigslust, Wiligrad, Neustrelitz, Hohenzieritz, Mirow und Bothmer, sagte Peter Hajny, Referent für Landesentwicklung. Von den übrigen, für kommunale Gutsanlagen vorgesehenen 8,6 Millionen Euro seien bislang erst 1,9 Millionen Euro gebunden.

Hajny teilte mit, dass im Nordosten Deutschlands seit 1991 mit rund 160 Millionen Euro Schlösser, Herrenhäuser und Gutsanlagen gesichert und saniert worden seien. Auf Unverständnis der fast 100 Konferenzteilnehmer stieß Hajnys Feststellung, dass davon allein 111,3 Millionen Euro in die Sanierung des Schlosses und Schlossgartens in Schwerin investiert wurden.

Der Leiter des Vineta-Museums Barth, Gerd Albrecht, appellierte an Politiker, Hausbesitzer und Bevölkerung, "augenblicklich zu handeln". Mit jedem Tag gehe ein Teil des gemeinsamen Erbes auf dem Lande verloren, warnte er. Konferenzteilnehmer forderten die Schaffung einer interministeriellen Stabsstelle, die Betroffene bei der Beantragung der bislang auf vier Fachministerien verteilten Fördermittel unterstützen soll.

Landesweit gibt es derzeit 2000 ehemalige Herrschaftssitze und 800 Parks. Etwa die Hälfte von ihnen steht unter Denkmalschutz. Bislang wurden davon etwa 500 Immobilien baulich gesichert. Die Hälfte von ihnen wird touristisch genutzt und verfügt über etwa 4000 Betten.

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