Musik an Schulen in MV : Herr Birke gibt den Ton an

Taktgefühl: Die Schüler der Regionalen Schule in Lüdersdorf spielen gemeinsam mit ihrem Lehrer Jörn Birke auf den Cajónes.
Taktgefühl: Die Schüler der Regionalen Schule in Lüdersdorf spielen gemeinsam mit ihrem Lehrer Jörn Birke auf den Cajónes.

In Mecklenburg-Vorpommern mangelt es an Musiklehrern, doch die Regionale Schule in Lüdersdorf hat Glück

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13. März 2018, 12:00 Uhr

„Welche Sänger kennt ihr mit hoher Stimme?“ Eben noch hat Jörn Birke seine Schüler bei der Schlottersteinhymne auf dem E-Piano begleitet, jetzt wechselt der Musiklehrer von der Praxis zur Theorie. Es geht um Männerstimmen. Die Finger der Kinder schnellen in die Höhe. „Mark Forster?“ – „Die Prinzen?“ – „Michael Jackson?“ Herr Birke nickt und klickt auf seinem I-Pad ein Youtubevideo für die elektronische Tafel an. „Ich möchte euch einen der bekanntesten Tenöre der Welt vorstellen, er lebt leider nicht mehr, er war sehr kräftig und hatte oft ein Handtuch um. Wer könnte das sein?“ Ein Schüler ist sich sicher: „Bud Spencer!“ Jörn Birke muss schmunzeln und lässt Luciano Pavarotti mit „Nessun dorma“ erklingen. In der Klasse wird es mucksmäuschenstill. Die gesamte 5a lauscht gebannt der berühmten Opernarie.

Wenn man die Kinder fragt, was sie am Musikunterricht mögen, dann ist es genau diese Mischung. „Ich finde es toll, dass man auch etwas über die Musik von früher erfährt“, sagt Emma (11). Arne (10) macht es vor allem Spaß, mit den anderen gemeinsam auf den Cajónes zu trommeln – und dabei auch mal so richtig schön laut sein zu dürfen. „Unser Lehrer gestaltet den Unterricht super“, meint Emily (11).

Die Kinder der Regionalen Schule in Lüdersdorf-Wahrsow (Landkreis Nordwestmecklenburg) haben Glück. An vielen Schulen des Landes ist Musik in der Regel eines der ersten Fächer, das ausfällt. Lehrer unterrichten oft fachfremd, weil der Nachwuchs ausbleibt. Jörn Birke dagegen ist Musiklehrer aus Leidenschaft. Der ehemalige Quereinsteiger hat inzwischen die volle Lehrbefähigung und unterrichtet die Klassen 5 bis 10 an den Regionalen Schulen in Lüdersdorf und Schönberg. Als Diplom-Musikpädagoge hatte er nach seinem Studium in Rostock zunächst als Honorarkraft an einer Musikschule gearbeitet. Dann hörte er davon, dass an Schulen Musiklehrer gesucht werden und rief beim Schulamt an. „Dort hieß es, ich können übermorgen anfangen“, erinnert sich der 42-Jährige. Nach zwei Vertretungsstellen in Dorf Mecklenburg und Wittenburg landete er vor zwölf Jahren schließlich bei seinen jetzigen beiden Schulen. Mittlerweile unbefristet, in Vollzeit – und glücklich: „Ich fühle mich superwohl in diesem Beruf“, sagt der Familienvater aus Dechow.

Nach Angaben des Bildungsministeriums in MV liegt der Anteil für fachgerecht erteilten Musik-Unterricht etwa in Grundschulen aktuell bei 59 Prozent. Das heißt im Umkehrschluss: In 31 Prozent der Fälle steht kein klassischer Musiklehrer vor den Schülern – sofern der Unterricht überhaupt regelmäßig stattfindet. Zum Ausfall liegen der Behörde keine fächerbezogenen Daten vor. Um dem Mangel an Musiklehrern entgegenzuwirken, hat das Ministerium unter anderem die Mittel für die Musiklehrerausbildung an der Hochschule für Musik und Theater Rostock aufgestockt. Seit dem Wintersemester 2017/2018 werden dort 48 Musiklehrer ausgebildet – etwa doppelt so viele wie zuvor.

Doch auch diese Zahl reiche bei Weitem nicht aus, um den Bedarf an Lehrern im Land zu decken, sagt Daniela Albrecht-Frommann, Präsidentin des Landesverbandes im Bundesverband Musikunterricht. Zum einen müsse noch mehr ausgebildet werden und zum anderen müsse es für die Studenten auch lukrativ sein, nach dem Studium in Mecklenburg-Vorpommern zu bleiben.

Der Landesmusikrat in MV fordert in diesem Zusammenhang schon seit Längerem einen Musikreferenten im Bildungsministerium. Die musikalische Bildung in der Schule müsse ein größeres Gewicht bekommen, so die Präsidentin Prof. Dagmar Gatz. Sie sei eine Voraussetzung, um sozialen Zusammenhalt, Kreativität und Teamgeist heranzubilden.

Das erlebt Jörn Birke jeden Tag. Im Unterricht würden Kinder gemeinsam singen und musizieren, die sich sonst im Alltag vielleicht nicht immer so gut verstehen, weiß der Pädagoge. Aufführungen stärkten das Gemeinschaftsgefühl. Zudem würden kognitive Fähigkeiten mit ausgebildet.

Das bestätigt der Lüdersdorfer Schulleiter Jochen Tiedje. „Musikunterricht betrifft etwas Ganzheitliches“, sagt er. Die Schüler würden auf vielen Ebenen gefordert und könnten auch mal in andere Rollen schlüpfen. So wie in der Musical-AG von Jörn Birke, die am 21. März „Das geheime Leben der Piraten“ vor bis zu 250 Besuchern aufführen wird.

„Für die Schüler ist es eine wichtige Erfahrung, auf der Bühne zu stehen, die Aufregung zu spüren, aber auch die Freude, wenn man gemeinsam etwas Tolles geschafft hat“, meint der Lehrer. Schöner Nebeneffekt: Musikalische Aufführungen sorgen für eine gute Außenwirkung der Schule. Das führt wiederum dazu, dass der Musikunterricht bei den Eltern eine Aufwertung erfährt.

Nicht alle Kinder kommen Zuhause mit Musikgeschichte oder Instrumenten in Kontakt. Viele Eltern können es sich auch nicht leisten, einen Instrumentalunterricht zu finanzieren. Gesang, Schlagzeug, Gitarre, Klavier – Jörn Birke versucht, seine Schüler für verschiedene Klänge zu begeistern. Besonders beliebt: Die gemeinsamen Trommelrunden auf den Cajónes. Auch diesmal endet die Stunde damit, dass die Fünftklässler einen Kreis bilden und ihre Hände im Takt auf die Kistentrommeln sausen lassen. „We Will Rock You“ von Queen – damit können sich selbst die stillen Schüler Gehör verschaffen.

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