Rostock : Herkulesaufgabe Volkstheater

Der langjährige Generalintendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin, Joachim Kümmritz
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Joachim Kümmritz

Der scheidende Schweriner Intendant Joachim Kümmritz wagt sich an die schwierigste Aufgabe, die die Kulturszene in MV gerade bietet

svz.de von
07. Juni 2016, 20:45 Uhr

Joachim Kümmritz hat als Intendant des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin manchen Sturm er- und überlebt. Er gilt als einer der herausragenden Theatermacher in Mecklenburg-Vorpommern. Nun wartet auf den 66-Jährigen nach dem Ende seiner regulären Schaffensperiode eine Herkulesaufgabe.

Er soll nach dem Wunsch der Stadt Rostock das Volkstheater vom momentanen Schlingerkurs mit Abwärtstendenz dorthin bringen, wo es hingehört: in die Mitte der Stadtgesellschaft, mit einem ansprechenden Angebot und der Perspektive, eines Tages den geplanten Theaterneubau zu beleben.

Joachim Kümmritz weiß, was ihn erwartet. Das zeigen seine ersten Worte am Tag nach der fristlosen Kündigung des Rostocker Intendanten Sewan Latchinian: Er wolle den „Krieg zwischen allen Beteiligten“ beenden.

Die Träger der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, die der Schweriner an zwei Tagen in der Woche seit 2014 leitet, hätten dem Engagement in Rostock zugestimmt, sagte Kümmritz gestern.

Zwei Jahre lang war das Klima im Volkstheater, in dem zu DDR-Zeiten glanzvolle und über die Grenzen hinaus beachtete Uraufführungen und Premieren gefeiert wurden, von Streit geprägt. Zunächst ging es vor allem um die finanzielle Zukunft des Theaters. Denn Latchinian war 2014 angetreten, wie er sagte, in dem Glauben, ein Vier-Sparten-Haus zu führen. Doch die umstrittene Theaterreform der rot-schwarzen Landesregierung machte dem oft impulsiv auftretenden Latchinian schnell klar, dass dies ein Irrglaube war.

Er stand unter dem Druck, massiven Sparvorgaben und den Wünschen nach einer Fusion mit dem Schweriner Staatstheater folgen zu müssen.

Das konnte nicht gut gehen, denn schnell waren die Fronten zwischen ihm und Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling sowie Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) so verhärtet, dass an eine gedeihliche Weiterentwicklung des Theaters nicht mehr zu denken war. Es folgten viele Provokationen, die letzten Endes in einer ersten Kündigung Ende März vergangenen Jahres endeten.

Diese wurde zwar zurückgenommen. Doch spätestens seitdem sei der Glaube an eine gute Entwicklung vorbei gewesen, sagt ein Theater-Mitarbeiter. „Er hätte nicht wiederkommen dürfen.“ Auch Latchinians Begeisterung sei weg gewesen. Gestern, dem Tag nach der jüngsten Kündigung, sei es sehr ruhig im Haus. „Es gibt Hoffnung, aber man weiß ja nie.“

Das Volkstheater steht nun vor einer völligen Neuorientierung. Denn außer Latchinian wird auch der kaufmännische Geschäftsführer des Volkstheaters, Stefan Rosinski, Rostock verlassen und nach Halle an der Saale wechseln.

Der Chef der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, Jörg Löwer, betont: „Es geht um die Künstler, es geht um die Kunst. Das geht in diesen ganzen Querelen unter.“ Die Politiker in Land und Stadt würden nur noch „in Geld denken“. Sie dächten nicht daran, was sie für die Stadt erreichen wollen. „Es geht um finanzielle Fallbeile und nicht um Konzepte.“

Zwar sage Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) stets, er wolle eine Strukturreform – „aber hier ist keine Strukturreform. Hier wird einfach eine Kürzungsorgie veranstaltet.“

Auch die Chefin der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock, Susanne Winnacker, setzt Hoffnungen auf den Neustart. „Die Desorientierung kann ja nicht schlimmer werden.“ Wenn dieser Neuanfang erreicht wird, inklusive des Vorantreibens der Neubaupläne, dann sei das für die HMT sicher gut. „Es muss nun reiner Tisch gemacht werden.“ Denn die Ausbildung ihrer Schauspielstudenten hänge direkt vom Volkstheater ab.

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