zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 11:25 Uhr

Herbststürme im Winter

vom

svz.de von
erstellt am 04.Jan.2012 | 07:17 Uhr

Berlin/Schwerin | "Ist bis Dreikönig kein Winter, folgt keiner mehr dahinter." Die Bauernregel zum Wetter zwischen Weihnachten und dem 6. Januar passt zur Prognose des Agrarmeteorologen Falk Böttcher vom Deutschen Wetterdienst in Leipzig. "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" sagt der Experte voraus, dass der klassische Winter mit längeren Schneeperioden in den kommenden Wochen buchstäblich ins Wasser fallen wird.

Ungewöhnlich mild, regnerisch und stürmisch - das ist bislang das Bild, das der Winter statt dessen abgibt. "Die ganze Witterung ist herbstlich", stellt auch Thomas Endrulat vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam fest. Für die Jahreszeit sei es schon eine besondere Wetterlage - wenn auch keine vollkommen ungewöhnliche. "Etwa alle fünf bis sechs Jahre verzeichnen wir zum Jahreswechsel eine milde Phase", sagt der Meteorologe. Herbststürme im Januar seien da eine normale Folge.

Umgestürzte Bäume, beschädigte Autos

Sturmtief "Ulli" war der erste - heute soll Orkan "Andrea" folgen. Während seine Kollegen für den Südwesten Deutschlands heute vor Böen bis Stärke zwölf warnen, prognostiziert Endrulat für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, dass "Andrea" bis dahin etwas die Puste ausgeht. "Die meisten Sturmböen werden hier zwischen 75 und 85 Stundenkilometern erreichen - das ist weit weg von einem Orkan mit Windgeschwindigkeiten ab 120 Stundenkilometern."

Vergleichsweise gering blieben die Schäden im Nordosten auch bei "Ulli". Das Sturmtief hatte seit Dienstagabend in Mecklenburg-Vorpommern zwar 30 Bäume umstürzen lassen und mehrere Autos beschädigt. Menschen wurden aber nicht verletzt, wie Polizei und Katastrophenschutz bilanzierten.

Starke Böe erfasste Kinderwagen

Viel Glück hatten die Insassen eines Autos auf der Bundesstraße bei Neustrelitz: Eine besonders starke Windböe schleuderte ihren Wagen von der Straße. Er überschlug sich. Fahrer und Beifahrer kamen mit dem Schrecken davon.

Im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte gab es mehrere Verkehrsunfälle mit umgestürzten Bäumen und herumfliegenden Ästen. Auch bei Techentin, Warsow und Gammelin (Landkreis Ludwigslust-Parchim) sowie in Greifswald fuhren Autos gegen umgestürzte Bäume.

In mehreren Orten Mecklenburg-Vorpommerns kam es außerdem zu zeitweiligen Verkehrsbehinderungen durch umgefallene Bäume oder abgerissene Äste. Gestern Morgen fiel zudem eine Fährverbindung von Rostock ins dänische Gedser aus.

Brandenburg blieb von "Ulli" unterdessen fast komplett verschont. Die Polizei verzeichnete lediglich einen umgestürzten Baum in Falkensee (Havelland).

In Niedersachsen sorgte der Sturm dagegen für einen Schockmoment. In Hannover erfasste eine Windböe einen Kinderwagen und trieb ihn zum Mittellandkanal. Kurz vor dem Wasser kippte der Wagen um, das drei Monate alte Baby fiel in den Kanal, wie die Polizei gestern berichtete. Die Mutter sprang sofort hinterher und rettete ihre kleine Tochter. Die 45-Jährige hatte sich kurz ihrem kleinen Sohn gewidmet, als die Windböe kam. Eine Spaziergängerin alarmierte die Rettungskräfte. Vermutlich mit einer leichten Unterkühlung kam der Säugling in eine Kinderklinik.

Namensgeber für Hochs und Tiefs

Das für heute erwartete neue Sturmtief kommt vom Nordatlantik her. Sein Name stammt allerdings aus Sprockhövel, der nordrhein-westfälischen Geburtstadt von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Denn hier wohnt die 34-jährige Andrea Stefan, deren Freund das Orkantief nach ihr benennen ließ, so das Institut für Meteorologie der Freien Universität (FU) Berlin. Hier können Privatleute seit 2002 Vornamen für Hochs und Tiefs buchen.

"Im letzten Jahr hatten die Hochs weibliche Namen und die Tiefs männliche, in diesem Jahr ist es umgekehrt", erläutert Katrin Krüger von der FU. Die Namen werden in alphabetischer Reihenfolge vergeben. Auf "Andrea" würden demnach das Tief "Bibiana" folgen - oder "Axel" als erstes Hoch. "Ulli" stammt noch aus 2011. Bei den Tiefs komme man pro Jahr auf etwa fünf Durchgänge des Alphabets, bei den Hochs auf zwei. So gibt es bei den Wetter-Patenschaften für Hochs in diesem Jahr kaum noch freie Buchstaben. Wer ein Hoch oder Tief kaufen möchte, muss einen standesamtlich anerkannten Vornamen nennen. Das kann ein deutscher, aber auch ein ausländischer Name sein. Die Wetter-Patenschaft hat allerdings ihren Preis: 199 Euro für ein Tief und 299 Euro für ein Hoch.

Ausgeglichene Kosten-Bilanz

Günstig ist die derzeitige Wetterlage unterdessen für die Kommunen. "Wenn das Wetter so bleibt, werden wir Kosten beim Winterdienst einsparen können", sagt Doreeen Duchow, Pressesprecherin der Stadt Neubrandenburg. Auch Ilka Wilczek, Werkleiterin der Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen Schwerin (SDS), zeigt sich erleichtert. Bilanziert wird hier zum 31. Dezember. Nach den teuren Anfangsmonaten des vergangenen Jahres hätten die milden Monate November und Dezember dafür gesorgt, dass das Budget von 560 000 Euro gehalten werden konnte.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen