Besuch einer Selbsthilfegruppe : Hemmers Jungs

Die Selbsthilfegruppe in Rostock ist Mitglied des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.  Fotos: Volker Bohlmann
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Die Selbsthilfegruppe in Rostock ist Mitglied des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. Fotos: Volker Bohlmann

Einmal im Monat treffen sich in Rostock Männer, um über ihren Prostatakrebs zu sprechen. Ein Besuch bei einer Selbsthilfegruppe

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27. November 2017, 12:00 Uhr

In dem kleinen Raum des Ortsamtes West in der Goerdelestraße können sie sich öffnen. Sie müssen sich nicht erklären. Meist reicht das eine Wort oder die eine Zahl und schon werden sie verstanden. Wie sie dorthin gekommen sind? Durch den Prostatakrebs. Und die Frauen. Die nämlich, sagt Holger Hemmer, sind meist der Auslöser, dass ihre Männer, sonst oft so verschlossen, seine Selbsthilfegruppe besuchen. Sie stellen den ersten Kontakt her. Übel nimmt er das keinem. Männer seien nun mal komische Wesen. Und waren sie erst einmal da, kommen sie meistens wieder. Dann gehören sie dazu. Seine Jungs, so nennt er sie. „Oder ich sage: meine Boygroup.“ Er lacht.

In ein paar Minuten beginnt das nächste Treffen. Sie machen das an jedem dritten Dienstag im Monat, immer zu einem anderen Thema. Heute geht es um neue Therapieformen bei metastasierendem Prostatakrebs. Zu Gast ist Oliver Hakenberg, Professor für Urologie an der Uni-Klinik Rostock. Einige der Patienten hat er schon einmal auf Station gesehen. Etwa 50 Männer aus Rostock und Umgebung sind in der Selbsthilfegruppe dabei, schätzt Hemmer. Meist kommen um die 20. Heute muss er aus dem Foyer des Ortsamtes, das ihnen den Raum stellt, Stühle heranschaffen. Dicht gedrängt sitzen sie um zusammengerückte Tische, auf denen lose verteilt Fachzeitschriften ausliegen: „Befund Krebs“ oder das „Magazin für Prostatakrebserkrankte und Angehörige“. Fast jeder hat einen Notizblock mitgebracht, manche ganze Hefter. Und sie sind alle grau. Das mag despektierlich klingen, aber der Krebs der Prostata ist eine Krankheit, die mit dem Lebensabend kommt. In Deutschland zählt der Krebsinformationsdienst pro Jahr rund 64 000 Neuerkrankungen. Der Preis der fortgeschrittenen Medizin: Wir werden älter. Und durch bessere Diagnostik wird Prostatakrebs oft im frühesten Stadium erkannt. Nicht immer wäre eine Behandlung notwendig, weil der Krebs keine Beschwerden hervorruft und Patienten an etwas anderem sterben. Wissenschaftler nennen das Überdiagnose. Beim Befund sind die Männer im Schnitt 71 Jahre alt.

Nach dieser Rechnung fällt Hemmer, heute 66 Jahre alt, aus dem Raster. Erkrankt ist er mit 57. Eine Prostata hat er nicht mehr. Dazu bekam er 32 Bestrahlungen und eine Hormontherapie. „Die war aber scheiße“, sagt er und erzählt mit einer Stimme, die einen mit ihrer Tiefe durchdringt, von den Nebenwirkungen: Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Gefühlsschwankungen. Ihm wurden Spritzen gesetzt, die die Bildung des Testosterons unterdrückten. Das männliche Geschlechtshormon lässt Prostatatumoren schneller wachsen. Er, der an die zwei Meter reicht und ein bisschen aussieht wie Helmut Kohl, weiß jetzt, wie sich Frauen in den Wechseljahren fühlen. „Ich bin zum Frauenversteher geworden.“

Eigentlich hat Professor Hakenberg eine Präsentation mitgebracht. Aber der Beamer funktioniert nicht. Was er verkünden will, ginge aber auch so. Als er seinen Vortrag am Ende noch einmal zusammenfasst, wird er von einer Sensation sprechen. Er lehnt an der Wand, die Arme hat er hinter dem Rücken verschränkt. Vor ihm die Betroffenen, Blöcke und Stifte gezückt. Als spräche der Lehrer zu seinen Schülern. Ist der Prostatakrebs fortgeschritten, beginnt er, und hat sich bereits im Körper verteilt, könne man neu kombinieren. Hormonentzug plus Chemotherapie. Oder Hormonentzug plus Abirateron, ein vergleichsweise neues Medikament, das verabreicht wird, wenn die Patienten die Chemotherapie nicht gut vertragen. Die Ärzte könnten so nicht mehr nur Monate schenken, sondern eher ein Jahr, vielleicht sogar mehr. „Hmm“, stößt jemand hervor. Andere nicken. Hakenberg umschreibt das so: „Medikamentöse Kastration.“ Eine normale Kastration ginge aber auch. „Ist einfacher mit der Kastration, ne?“, fragt Harald*. „Ich weiß das von meinem Hund. Ruckzuck.“ „Ja“, antwortet Hakenberg, „und wenn ich 85 bin und nichts mehr geht, dann würde ich das auch machen.“

Nicht jeder im Raum will sich mit der Sensation beschäftigen. Einige haben ihre eigenen Fragen mitgebracht. „Ich hatte letztes Jahr Bestrahlung und jetzt einen PSA von 0,25. Ist das gut?“ „Das ist super!“ – „Ich habe Knochenmetastasen. Ich bekomme von meinem Doktor das Medikament Bisphosphonat. Ist das richtig?“ „Das wird bei Knochenmetastasen verabreicht, ja.“

Dann spricht Günther*, ein Mittsechziger mit asketischen Zügen, der von sich selbst sagt, er hätte durch die Umstellung auf vegetarische Kost so viel Energie, dass er über den Tisch springen könnte. Er habe im Internet und in den Zeitungen gelesen: die Sache mit Methadon und Cannabis, Rauschmittel, die zumindest die Schmerzen bei Krebs lindern könnten. Wenn nicht sogar mehr. Stimmt das? Hakenberg verzieht das Gesicht. Den Krebs mit Methadon oder Cannabis besiegen, nein, das ginge nicht. Zumal noch keine Studien vorlägen. Aber: Zur Schmerzlinderung, warum nicht? „Ich habe Patienten, die haben sich ihr Cannabis am Hauptbahnhof in Schwerin besorgt. Das macht das Leben leichter.“

Holger Hemmer lehnt in seinem Stuhl, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Bislang war er Beobachter. „Jungs, ihr sollt nicht immer den ganzen Tag im Internet herumsuchen!“ Für einen Moment ist es still. Dann aber fragt Gerhard* den Professor, wie die Chancen stünden: seine Frau hat zwei Tumoren in der Lunge. Eine Antwort kann Hakenberg ihm nicht geben. „Es gibt noch kein Allheilmittel gegen Krebs“, sagt er. „Aber das kommt bald“, erwidert Hemmer. „Nur das erleben wir beide nicht mehr“, antwortet Hakenberg.

Nach einer guten Stunde ist es vorbei. Hemmer macht noch einige Bemerkungen. Ein bisschen Geld für die gemeinsame Kaffee- und Kuchenkasse sollen seine Jungs noch springen lassen, bald sei ja Weihnachten. Und im nächsten Jahr, kündigt er an, „gehen wir schön alle Eisbein essen“, er kümmere sich. Wie aber könne er wissen, dass im nächsten Jahr noch alle dabei sind? Hemmer sagt nicht dieses Wort, Sterben. Sondern: Die Gruppe unterliegt der natürlichen Auslese. Ihr Motto, das gleich auf der ersten Seite ihres Internetauftritts prangt, heißt: „Wir sterben nicht am Prostatakrebs, sondern mit ihm.“

Hemmers Vorstellungen der Selbsthilfegruppe gehen über den Krebs hinaus. Er will Lebenshilfe sein. Mal einen Tipp für ein gutes Restaurant, ein schönes Ausflugsziel, noch vor ein paar Minuten erzählte er den Jungs, gerade bekämen sie gutes Wildschwein.

Mittlerweile, erzählt Hemmer, haben sich sechs aus der Gruppe einen künstlichen Schließmuskel einsetzen lassen. Sie wollten nicht länger Vorlagen tragen müssen wegen der quälenden Inkontinenz. Hemmer lässt sich dafür im nächsten Jahr operieren. Den Ratschlag dazu gaben ihm seine Jungs.

Sie reden

Auf einmal redeten sie. Sprachen über PSA, das prostataspezifische Antigen, ein Marker, der Rückschlüsse zulässt, ob der Prostatakrebs wieder aktiv geworden ist oder nicht. Sie fragten nach Behandlungsmethoden, nach der Ernährung, nach Methadon und Cannabis. Ob Bisphosphonat auch das richtige Medikament wäre. Erstaunt saß ich da und beobachtete, wie Männer, im Schnitt über 70 Jahre, ohne Scheu und mit großem Mut über ihre Krankheit sprachen. Dabei heißt es doch, Männer seien verschlossen, vor allem dann, wenn es um Probleme geht. Vielleicht liegt es wirklich nur daran, dass die Selbsthilfegruppe von Holger Hemmer eine Atmosphäre schafft, die sie ein Stück befreit. Die sie auffängt. Die sie trägt. Die sie unterstützt. Ein gemeinsames Schicksal schafft Vertrauen, über das man nicht reden muss und das man nur schwer erklären kann. Deshalb, so formulierte es Hemmer, wolle er nicht nur Selbsthilfe, sondern auch Lebenshilfe leisten. Nur über den Krebs sprechen, das geht nicht. Selbst dann nicht, wenn man dem Ende näher ist als dem Anfang.

Noch am Morgen vor dem Termin telefonierte ich mit Oliver Hakenberg, dem Professor von der Uni-Klinik Rostock. Auf meine Frage, warum Männer ungern zum Arzt gingen, antwortete er: Sie gehen halt erst dann, wenn es brennt. Frauen seien da anders, schon seit dem Jugendalter beim Frauenarzt und daran gewöhnt. Kein 17-Jähriger ginge zum Urologen.

Muss er ja auch nicht. Aber vielleicht ist das ja Teil des Problems. Dass Mann es nicht gewohnt ist.

Ein Vorwurf ist das nicht. Denn wer beschäftigt sich schon mit einer Krankheit wie Prostatakrebs, wenn er gesund ist? Alles Ballast. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir Männer mehr reden könnten. Es hilft. Die Jungs von Holger Hemmer haben es mir gezeigt.

*) Name von der Redaktion geändert









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