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Mecklenburg-Vorpommern

19. August 2017 | 03:35 Uhr

Helmut Schmidt wärmt Seele der SPD

vom

Berlin | Sie springen von den Stühlen, stehende Ovationen, minutenlanges rhythmisches Klatschen - ganz so, als würde hier der SPD-Kanzlerkandidat per Akklamation gekürt. Doch der Jubel gehört keinem der drei potenziellen SPD-Kandidaten, sondern einem Altkanzler. Helmut Schmidt neigt kurz den Kopf zum Dank Richtung des Plenums, lässt sich schnell links von der Bühne rollen und greift zur unvermeidlichen Zigarette. Mehr als eine Stunde lang hat er zuvor über Europa philosophiert, aber auch die Koalition für "deutsch-nationale Kraftmeierei" attackiert. Eine Mischung aus Weltökonom und Wutbürger, 92 Jahre und kein bisschen leise.

In einem ehemaligen Postbahnhof in Berlin-Kreuzberg ist Schmidts Rede gestern Morgen erster Programmpunkt noch vor dem offiziellen Startschuss für den dreitägigen SPD-Bundesparteitag - gewissermaßen außer Konkurrenz. Doch für SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der am Nachmittag als Erster der drei potenziellen Kanzlerkandidaten seinen Auftritt absolviert, liegt die Latte hoch. Und dann ist da noch ein anderer SPD-Altkanzler, der sich von Ferne in den Parteitag einmischt, grollend: Gerhard Schröder erklärt per Interview, mit der Ablehnung seiner Reformpolitik habe die SPD "die historische Chance versiebt" erfolgreichste Partei Europas zu werden.

Das dreitägige Ringen um den Parteikurs, eine Parteireform und die inoffizielle "Casting-Show" für die Kanzlerkandidatenkür haben der SPD Rekordzulauf gesichert: 900 Anmeldungen, die Halle ist bereits um zehn Uhr morgens voll und stickig. Helmut Schmidt rollt an einen Plexiglastisch vor der purpurfarbenen Wand und stellt sein europäisches Panorama vor. Die europäische Integration als Friedenswerk. Einst geschaffen, auch um Deutschland einzuhegen, liege sie längst im deutschen Interesse. Deutschland dürfe sich nicht als Lehrmeister aufspielen. In der Euro-Krise werde es "zwangsläufig" zu einer Vergemeinschaftung der Schulden kommen, ist er überzeugt. "Wir Deutschen dürfen uns dem nicht national-egoistisch versagen", mahnt er in Richtung der Bundesregierung, die gemeinsame Staatsanleihen - Eurobonds - strikt ablehnt. Immer wieder Zwischenapplaus für den Elder Statesman. Und "Schmidt Schnauze", der mit seiner SPD keineswegs immer auf einer Linie lag, streichelt die Seele der Partei, preist die drei Grundwerte des "legendären" Godesberger Programms: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Die Genossen sind begeistert. Selbst Parteilinke klatschen frenetisch - womöglich auch, weil Schmidt sich hütet, seine Empfehlung für Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten zu wiederholen. "Die Kanzlerkandidatur ist entschieden - Schmidt!", witzeln Delegierte.

Ist das Vorprogramm in Gestalt von Schmidt der eigentliche Höhepunkt des Tages? Schwierig ist es für SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Er wirkt ein wenig nervös. Auch Steinmeier weiß, dass Delegierte Attacken erwarten - gerade von einem, der in der Dreier-Liga der potenziellen Kanzlerkandidaten mitspielt. Und er liefert. Mit lautem tiefem Röhren nimmt er sich die Kanzlerin und ihre Europapolitik vor: "Penetrante und doppelzüngige Schulmeisterei" wirft er Merkel vor. Steinmeier schlägt sich tapfer und die Delegierten unterstützen ihn immer wieder mit Applaus. Nach einer knappen Stunde auch für ihn Standing Ovations.

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von
erstellt am 04.Dez.2011 | 10:31 Uhr

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