Rostocker in Libyen : Helfen ist eine Sucht

Eine Ärztin von Sea-Eye. Sie will namentlich nicht genannt werden. Einige Mitglieder erhielten Morddrohungen.
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Eine Ärztin von Sea-Eye. Sie will namentlich nicht genannt werden. Einige Mitglieder erhielten Morddrohungen.

Der Rostocker Johann Pätzold half im Mittelmeer Flüchtlingen, die zu ertrinken drohten – und schrieb danach einen Brief an Angela Merkel und Thomas de Maizière.

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20. September 2017, 05:00 Uhr

Johann Pätzold beginnt im Juli einen Brief zu schreiben, von dem er insgeheim glaubt, dass er nicht gelesen wird. Wer ist er schon, schießt es ihm durch den Kopf, als er die Anrede in seinen Computer tippt. Das Schreiben, adressiert an den Innenminister Thomas de Maizière, die Bundeskanzlerin Angela Merkel. In dem es nicht um ihn geht, sondern um Menschen, deren Flucht vor Krieg und Hunger oder ihrer Suche nach dem Glück dort endet, wo es Europa nur noch erahnen kann: im südöstlichen Mittelmeer, vor der Küste Libyens. Ein Brief, der nach 1346 Wörtern verteilt auf 129 Zeilen vor allem eines geworden ist: ein flammender Appell eines Helfers an die Politik.

Gut sechs Wochen später sitzt Johann Pätzold, 30, in einem Rostocker Straßencafé und breitet auf dem Tisch vor ihm Tabak, Filterpapiere und Feuerzeug aus. Er hat viel zu erzählen. Eigentlich ist er Komponist, ein Freigeist, der im Hochsommer zur langen Jeans und zum Pullover eine zerschlissene Lederjacke trägt. Künstler zu sein entschuldigt noch jedes eigenwillige Verhalten. Künstler, das sind aber auch oft Menschen, die getrieben sind, die sich auf der nie endenden Suche nach Ideen zu verlieren drohen, manchmal so lange, bis sie leer und blockiert sind. Pätzold kennt diese Leere. Wenn ihm kein Ton einfällt, keine Melodie, wenn Körper und Geist leiden, wie er es ausdrückt. Doch selbst wenn die Musik sein Leben ist, mehr noch macht er den Eindruck, dass es ihm am meisten gibt, wenn er etwas geben kann. Er formuliert die Sache mit dem Helfen so: „Man muss irgendwie gestehen: Es ist auch ein bisschen Sucht.“
 

Johann Pätzold, 30 Jahre alt, ist gebürtiger Rostocker, Komponist und Gründer des Musikprojekts „Secret of Elements“. Er verficht die europäische Idee und die Menschenrechte.

Im Herbst 2015, als Deutschland nur dieses eine Wort zu kennen schien, hat Pätzold angefangen, sie zu unterstützen, die Flüchtlinge. Damals fuhr er sie vom Rostocker Hauptbahnhof hoch zum Hafen, besorgte ihnen Lebensmittel, die er anfangs vom eigenen Geld bezahlte, manchmal hörte er nur zu. Pätzold berichtet von einer intensiven Zeit, während er sich eine Zigarette dreht, von dem abrupten Ende Anfang 2016, das seinen Tagen mit einem Mal die Struktur nahm. Ähnlich dem Entstehen einer Sucht, da ist nicht dieser eine Moment, ein markanter Punkt, den Pätzold im Nachhinein benennen könnte. Die Übergänge sind fließend, still. Er bekam das Gefühl, dass es nicht länger reichte, nur denen zu helfen, die es längst geschafft hatten.

Vor anderthalb Jahren, im Frühjahr 2016, stieg Pätzold in Malaga erstmals auf die „Sea Eye“, ein Schiff der gleichnamigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Flüchtlinge auf dem Mittelmeer im Notfall vor dem Ertrinken zu retten. Dieses Jahr war er noch einmal mit, insgesamt waren es vier Wochen. „Mir sind immer ein paar Wörter..., das ist als Deutscher schwer zu sagen..., aber das hat schon was von...“ Er pausiert für wenige Sekunden. Dann schiebt er nach: „KZ-mäßig.“

Auch Kinder werden auf der Flucht mitgenommen.
Foto: Sea Watch e.V.
Auch Kinder werden auf der Flucht mitgenommen.
 

Bei seinen Einsätzen, erzählt Pätzold, fand die Sea Eye pro Tag bis zu drei gekenterte Schlauchboote, die nicht markiert waren. Das machen die Hilfsorganisationen, damit sie den Überblick behalten: Wer hat wen gerettet? Ein leeres Boot, von ihnen gefunden und ohne Markierung heißt: Höchstwahrscheinlich sind alle ertrunken. In Libyen werden die Schlauchboote mit 150, 180, manchmal sogar 200 Menschen losgeschickt, sagt er. Rechnet man diese Zahlen hoch, alleine während seiner vier Wochen auf der „Sea Eye“ könnten 4650 bis 18  600 Menschen gestorben sein; andere Schiffe, die helfen, ausgenommen. Nachweisen könne er das nicht, sagt er. Keine sichtbare Leiche, kein Eintrag in der Statistik. Seine Erklärung: falsche Schwimmwesten, die den Flüchtlingen vor ihrer Fahrt für vergleichsweise wenig Geld verkauft werden. Sie sind anstelle von Styropor mit Schaumstoff gefüllt, der sich innerhalb weniger Minuten mit Wasser vollsaugt und dann keinen Auftrieb mehr gibt. Niemand zählt Leichen auf dem Meeresgrund. Die Internationale Organisation für Migration schreibt, dass in diesem Jahr bis zum 19. September 2556 Menschen ertrunken sind.

Je mehr er redet, je mehr er an seine Einsätze zurück denkt, desto kürzer werden die Pausen zwischen seinen Zigaretten. „Du hast nur billige Gummihandschuhe und musst dort Menschen körperlich nah versorgen. Wenn du in diesem Gestank bist, weißt du: Das ist nicht gesund, was ich hier mache.“ Er spricht über die libysche Küstenwache, deren Einsatzkräfte er schon mal „Desperados“ nennt, weil einige selbst bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit mit der Kalaschnikow drohten. Über die Identitäre Bewegung, jenen Rechtsextremen, die auf dem Schiff „C-Star“ im Mittelmeer herumschipperten und den allgemeinen Notrufkanal 16 blockierten – damit der Notruf, ausgehend von den Schlauchbooten mit den Flüchtlingen, erst gar nicht gehört werden konnte.

<p>Der Gründer der Sea-Eye-Organisation, Michael Buschheuer, sagt: „Menschen ertrinken zu lassen bedeutet moralisches Versagen und ist durch nichts zu rechtfertigen.“</p>
Foto: Sea Watch e.V.

Der Gründer der Sea-Eye-Organisation, Michael Buschheuer, sagt: „Menschen ertrinken zu lassen bedeutet moralisches Versagen und ist durch nichts zu rechtfertigen.“

 

Es ist zu spüren, wie zerrissen Johann Pätzold ist. Er half, weil er davon überzeugt ist, dass Menschenrechte geachtet werden müssen, ob nun in Deutschland, Libyen oder auf dem Mittelmeer. Und gleichzeitig denkt er laut darüber nach, er und sieben weitere Freiwillige auf einem Schiff, das beendet keinen Krieg, gibt nicht denen Nahrung, die Hunger leiden, hält niemanden davon ab, fernab der Heimat nach dem persönlichen Glück zu suchen. Diese Zerrissenheit war es, die ihn den Brief schreiben ließ, die 1346 Wörter verteilt auf 129 Zeilen. Und Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Der nämlich kritisierte im Juli einzelne Hilfsorganisationen. Der Vorwurf: Sie stellen die Peilsender ihrer Schiffe aus, drängen in libysche Hoheitsgewässer und geben den Schleppern Lichtzeichen, um die Flüchtlinge nach kurzer Fahrt aufnehmen zu können. Auf diese Weise würden Helfer zu Schleusern – und begingen eine Straftat. Bislang gibt es Verdachtsmomente italienischer Behörden, allerdings nicht gegen die „Sea Eye“, dem Schiff, auf dem Pätzold half.

Traumatisiert, ohnmächtig und alleine gelassen, so würde er sich fühlen, schreibt Pätzold in dem Brief: Wie kann es sein, als Helfer beschuldigt zu werden, ohne dass de Maizière jemals mit ihnen gesprochen hat? Warum reagiert die Politik nicht, nicht Deutschland und nicht die EU, spielen sich auf dem Mittelmeer Szenen ab, die den Schluss zulassen: dort passiert eine der größten Katastrophen in der jüngeren europäischen Geschichte?

Doch erstmal kam nichts. Mehrfach fragte er telefonisch nach, nie bekam er eine zufriedenstellende Antwort, nur Sätze, die sich schnell in einen Hörer sprechen lassen: das Bundeskanzleramt sagte, es sei nicht zuständig, das Innenministerium, der Brief läge beim Minister de Maizière auf dem Schreibtisch.

Traumatisiert, auf der Suche nach einem besseren Leben, wagen sich die Flüchtlinge auf die Reise über das Mittelmeer.
Traumatisiert, auf der Suche nach einem besseren Leben, wagen sich die Flüchtlinge auf die Reise über das Mittelmeer.
 

Wochen später, Mitte August, er hatte den Glauben schon verloren, griff er noch einmal zum Telefon. Er hielt einer Sekretärin im Bundesinnenministerium einen nach eigenen Angaben fast 45-minütigen Monolog. Überfordert von Pätzolds Worten gab sie ihm eine direkte Durchwahl zur Abteilung E, E wie Europa. E wie endlich. Pätzold bekam einen Termin für den 23. August 2017.

Alles sei wie im Film gewesen, sagt Pätzold. Er, der Helfer, zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der Organisation Sea Eye, im Bundesinnenministerium in Berlin-Mitte, das Areal 70 000 Quadratmeter groß, Platz für 1400 Mitarbeiter; das ihnen den Zutritt nur freigab nach Sicherheitsprotokollen und mehrerer Schleusen. Das Gespräch dauerte rund zwei Stunden, das Ministerium hatte zwei Mitarbeiter aus der Abteilung E 2 geschickt, die zuständig ist für Grundsatzfragen der EU. Innenminister Thomas de Maizière ließ sich entschuldigen.

Pätzold ist bei seiner siebten und letzten Zigarette angekommen. „Wir haben festgestellt, dass wir prinzipiell einer Meinung sind.“ Er sagt den Satz in einem Ton, der irgendwo zwischen Erstaunen und Enttäuschung liegt. Dass Sterben nicht schön ist, dass Menschenrechte zu achten sind, auch auf dem Mittelmeer, darüber waren sie sich einig. Viel Spielraum bliebe allerdings nicht, da Deutschland gerade mit Libyen in Verhandlungen steckte, so erklärten sie es ihnen: Jeder Aufruhr, jedes Beschweren von deutscher Seite, könnte einen Abbruch zur Folge haben. Denn die Bundesregierung will vor allem eines: dass die Flüchtlinge erst gar nicht auf das Mittelmeer hinausfahren. Das aber hat sie nicht in der eigenen Hand. Sie ist abhängig.

Abhängig zu sein, das kennt Johann Pätzold. Von der Musik, den Zigaretten, womöglich sogar davon, anderen zu helfen. Eigentlich wollte er im August oder September wieder auf ein Schiff gehen, das Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken rettet. Er blieb. Im September erwartet er mit seiner Frau das zweite gemeinsame Kind.

Hintergrund: Die Flucht

Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, unterteilt die Flüchtlingsrouten im Mittelmeer in drei Teile: die westliche Route über Afrika nach Spanien, die mittlere Route in Richtung Italien sowie die östliche über die Türkei nach Griechenland. Die gefährlichste der Routen ist nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) die mittlere via Tunesien, Libyen oder Ägypten. Alleine auf dieser starben nach Angaben der IOM bis zum 19. September 2373 der insgesamt 2556 der in diesem Jahr registrierten Toten. Dabei ist laut IOM die Zahl der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen wollen, im Vergleich zum letzten Jahr zurückgegangen: Waren es 2016 bis zum September 304  009 Flüchtlinge, sind es im Vergleichszeitraum in diesem Jahr 128  863.



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