Jugendliche in Anklam : Heimatgefühle, angetrunken

Viele feiern das Hansefest als Höhepunkt des Jahres, viele Weggezogene fahren weite Strecken, um mitzufeiern.  Fotos: Hannes Jung
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Viele feiern das Hansefest als Höhepunkt des Jahres, viele Weggezogene fahren weite Strecken, um mitzufeiern. Fotos: Hannes Jung

Jeder Sechste in Anklam ist ohne Job. Die NPD bekommt bei den Wahlen zehn Prozent. Doch viele Jugendliche haben nur einen Wunsch: dableiben.

svz.de von
25. August 2016, 12:00 Uhr

Der DJ dreht den nächsten Hit auf, packt das Mikrofon, brüllt: „Jetzt nochmal alle Hände in die Höhe“, und die Leute auf der Tanzfläche beim Hansefest recken die Arme ins pinkfarbene Scheinwerferlicht und wiegen die Köpfe. Das Hansefest in Anklam. Ein Highlight. Von weither kommen sie an diesem Abend.

1990 lebten 19 000 Menschen in Anklam, heute sind es knapp 13 000, auf den Dörfern sieht es noch düsterer aus. Und bei der Landtagswahl 2011 wählten überdurchschnittlich viele Menschen unter 34 die NPD. Die Jungen hauen ab, heißt es. Aber dann hören wir immer wieder, von Jungs, die in weiten Shirts am Autoscooter rumstehen, von Mädels mit blondierten Haaren, dass sie auf dieser Welt nur eines möchten: in Anklam bleiben.


Dana: Anklam ist toll


In Jeansjacke kommt Dana Schultz die Menge entlang gelaufen und schaut mir ins Notizbuch: „Was schreibst Du da?“, platzt sie los. „Wir schreiben eine Reportage über das Leben junger Leute in Anklam. Hast du Lust, mir etwas zu erzählen?“, sage ich. Wir gehen weg von den Lautsprechern und setzen uns zwischen eine Cocktail-Bar und eine Bratwurstbude auf zwei Bierbänke. „Anklam ist einfach eine tolle Stadt“, sagt die 29-Jährige und zählt die Vorteile auf: Monatlich gibt es einen Flohmarkt, es wird immer sauberer, der Marktplatz wurde saniert.

Sie verkaufte drei Jahre lang Tabak in einem kleinen Laden und liebte ihre Arbeit. Doch vor Kurzem trennte sie sich von ihrem Ehemann, das Geld ist knapp. „Jetzt kellnere ich in Neubrandenburg in einem Eiscafé“, sagt sie mit Bedauern. „Aber da verdiene ich mehr. Man will seiner Tochter ja auch was bieten.“ Ehe wir uns verabschieden, sagt sie nochmal: „Ich bin so gerne in Anklam, einfach, weil ich jeden hier kenne.“


Manuel: Autos verkaufen


Manuel Köhn sitzt mit seinen Freunden etwas abseits der Technobühne, die mit ihren hohen Traversen und Boxentürmen den Potsdamer Platz in Berlin bespielen könnte. Der DJ remixt das Beste der 80er, 90er und 2000er. Vor einem Monat, erzählt Manuel, habe er seine Ausbildung zum Automobilkaufmann abgeschlossen und schreibe seitdem Bewerbungen. „20 Stück bis jetzt, aber ist noch nichts zurückgekommen“, sagt er. Er bekam 300 Euro Ausbildungsgehalt, weiterbeschäftigen konnte sein Chef ihn nicht. Ein eigenes Auto hätte er gerne, kann es sich aber nicht leisten. Doch weggehen will er auch nicht. Im Umkreis seines Dorfes lebten so wenige Kinder, dass sie in seiner Klasse nur zu zwölft waren. „Von meinen Mitschülern arbeiten jetzt sechs im Westen und fünf sind zur Bundeswehr gegangen“, sagt er. Die Bundeswehr sei beliebt, weil sie ihre Rekruten übernimmt.

Was er über den Westen erzählt, klingt nach den Verlockungen, die sich junge Männer in Afrika angeblich über das gelobte Europa erzählen: „Alle, die woanders sind, haben eine eigene Wohnung von der Arbeit, kriegen den Führerschein bezahlt und ein Auto gestellt.“ Aber noch ist der Sog der Heimat stärker. Gern erinnert er sich daran, wie er mit seinen Kumpels im Jugendtreff rumhing, alle seine Verwandten wohnen im Umkreis. „Ich will nicht so einer sein, der in den Westen abhaut. Wir brauchen ja auch Jugendliche, die hier arbeiten.“


Georg: Bei den Kumpels


Georg Reddemann ging einst weg und kommt nun fast jedes Wochenende wieder. Es ist halb zwei Uhr morgens, Partygäste klopfen immer noch Schnäpse auf den Tischen, auf dem Boden glitzert Konfetti. Georg hält eine Büchse Energydrink in der Hand, auf dem Tisch steht eine Flasche Fruchtwein, der Aschenbecher quillt über.

Georg studiert Forstwirtschaft in Eberswalde, doch statt im nahegelegenen Berlin feiern zu gehen, fährt er lieber die doppelte Strecke, um in der Heimat mit Kumpels zu grillen. Einmal im Jahr trifft sich seine alte Schulklasse in An-klam. „Und Dreiviertel der Leute, die weggegangen sind, wollen dauerhaft wiederkommen“, sagt der 21-Jährige. „Doch wegen der Arbeit können sie nicht.“

Während er gerade beschreibt, dass alle Kleinstädte in Vorpommern an den gleichen Problem leiden, hetzt Fotograf Hannes Jung an den Tisch: „Die beiden Rechten sind mir gerade hinterhergelaufen.“


Hannes: Stress mit Rechten


Vorhin, Hannes und ich standen gerade mit dem Rücken an der Wasserkante, stellte sich ein stämmiger Typ vor uns. Kopf rasiert, Wikingerbart, Thorhammer um den Hals. „Was schreibst du denn da? Kann ich da auch unterzeichnen?“ Als ich meinte, dass wir Journalisten sind, sagte sein Kumpel: „Wenn ihr so Links-Grüne seid, dann gibt’s hier aber gleich Probleme.“ Mit zwei schnellen Schritten verschwanden wir und sie hatten zu viel drin, um zu reagieren.

Wir waren dann jedoch zu unbedacht und sie folgten uns unbemerkt. Während ich mit Georg sprach, fotografierte Hannes vor der Hauptbühne ein paar Tanzende. Einer der beiden Rechten stellte sich neben ihn, streckte die Hand vor die Kamera, rempelte ihn an. Dann griff der andere zu, versuchte seinen Arm um Hannes Hals zu legen, ihn in den Schwitzkasten zu nehmen. Hannes zog den Kopf weg und lief zu einem Sicherheitsmann, dann weiter zu uns.

Ich frage Georg, wie es denn in Anklam mit den Rechten sei. „Klar kenne ich auch welche“, sagt er. „Mit manchen bin ich schon in den Kindergarten gegangen. Da trennen die politischen Ansichten, aber man teilt den Lebensweg. Es gibt Gaststätten, da weiß man ganz genau, die gehören einem Rechten, aber ich kriege da ein leckeres Essen serviert, die Bedienung stimmt. Man kann die jetzt boykottieren und gar nicht essen gehen. Oder man sagt: ‚So lange es schmeckt, ist es mir egal, wer da kocht.’“

Auch Dana meinte, dass viele ihrer Freunde bei der NPD mitlaufen. Aber so lange sie ihr nichts tun, sei ihr das egal.

In einem Landstrich, der sich leert, muss man mit denen leben, die da bleiben. Und es scheint, dass man nur lange genug zusammenleben muss, im gleichen Laden stehen, im gleichen Restaurant essen, dass sich die Ansichten ein bisschen vermischen.

Georg sagt: „NPD und AfD sprechen die Probleme wenigstens an, auch wenn sie keine funktionierenden Lösungen haben.“ Dass Hannes gerade an den Tisch gehetzt kam, weil Nazis ihn jagten – geschenkt. Nach dem Studium rechnet er sich gute Chancen aus, nach Anklam zurückzu- kommen. Im öffentlichen Dienst würden gerade Stellen frei. Viele Beamte gingen gerade in Rente. Und Manuel, der Autohändler, wird er in An-klam bleiben? „Ich gebe mir noch bis Ende September. Dann muss ich mir etwas einfallen lassen.“

Die Reportage
Die Reporter Raphael Thelen (Text) und Thomas Victor (Fotos) machen ihre Tour durch Mecklenburg-Vorpommern mit Hilfe eines Crowdfundings durch das Recherchezentrum Correctiv, mit  dem unsere Zeitung kooperiert. Die Redaktion finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge.  Wenn Sie Correctiv unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter correctiv.org
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