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Mehr Übergriffe in DDR-Heimen gemeldet : Heim-Opfer warten auf Hilfe

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Fast täglich klingelt in der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau das Telefon. Aus ganz Deutschland rufen Menschen an, die in DDR-Heimen Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Der Stein ist 2010 ins Rollen gekommen.

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erstellt am 28.Feb.2012 | 12:15 Uhr

Torgau | Nahezu täglich klingelt in der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau das Telefon. Aus ganz Deutschland rufen Menschen an, die in DDR-Heimen Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. "In der Woche melden sich bei uns mindestens zehn Betroffene", sagte die Vorsitzende der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Gabriele Beyler. Der Stein sei 2010 ins Rollen gekommen, nachdem zahlreiche Skandale über sexuellen Missbrauch in Heimen und Internaten für Schlagzeilen sorgten.

Seitdem haben sich mehr als 100 Menschen an die zentrale Anlaufstelle für Betroffene gewandt. Die Anrufer seien nicht nur Männer und Frauen, die zu DDR-Zeiten in Torgau oder anderen Jugendwerkhöfen untergebracht waren, sondern auch frühere Insassen aus ganz "normalen" DDR-Kinderheimen. "Wir haben zwar immer schon vermutet, dass es in den Heimen einen Missbrauch gegeben hat, aber diese Dimension hat uns doch überrascht." Die Palette der Übergriffe reiche von sexueller Nötigung bis zur Vergewaltigung. Oft mussten die Kinder nackt vor ihren Erziehern duschen oder hätten andere Schikanen über sich ergehen lassen müssen. Die meisten Betroffenen waren damals zwischen 6 und 18 Jahre alt. Viele hätten das Erlebte mehr als 20 Jahre mit sich herumgetragen, geprägt von Scham und Schuldgefühlen. "Bis vor Kurzem war das Problem noch weitgehend unbekannt, viele dachten, das ist nur ihnen passiert", so Beyler.

Im vergangenen Jahr nahmen Beyler und ihre Kollegen Kontakt zur Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung auf. "Wir wollten, dass die Opfer von ehemaligen DDR-Heimen nicht vergessen werden." Und tatsächlich wurde der bisher oft vernachlässigten Opfergruppe im Abschlussbericht des Runden Tisches zum Kindesmissbrauch ein eigenes Kapitel eingeräumt. Der Bericht sieht schnelle Hilfen, Entschädigungen und auch einen Hilfsfonds vor.

Getan hat sich bisher nichts. Die Gedenkstätte hat deshalb eine Selbsthilfegruppe gegründet. Wegen des großen Interesses wurde jetzt eine zweite Gruppe ins Leben gerufen. Das Problem: "Viele kommen aus ganz Deutschland, haben aber kein Geld, um die Fahrtkosten zu tragen", berichtet Beyler. Zudem müssten Psychologen und Kinderbetreuung für die Zeit der Beratung bezahlt werden. Bisher betreuen Gedenkstätten-Mitarbeiter die Betroffenen ehrenamtlich.


Wie werden Opfer unterstützt?
Missbrauchsopfern soll zum Beispiel bei Therapien geholfen werden, wenn die „sozialen Leistungssysteme“ wie die gesetzliche Krankenversicherung nicht alle Kosten übernehmen. Hierfür stellt der Bund 50 Millionen Euro zur Verfügung, weitere 50 Millionen Euro sollen die Länder stellen. Ein neues Gesetz regelt, dass Schadenersatzansprüche in Zukunft erst nach 30 Jahren, frühestens mit dem 51. Lebensjahr des Opfers verjähren. Der Opferschutz im Strafprozess soll weiter gestärkt werden.

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