Waren : Heilsames Singen in der Klinik

Musiktherapeut Matthias Hübner übt mit Mitarbeitern der AHG-Klinik in Waren das Singen.
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Musiktherapeut Matthias Hübner übt mit Mitarbeitern der AHG-Klinik in Waren das Singen.

Ein Verein befördert das „heilsame Singen“ bundesweit an Krankenhäusern. Nun bekommt erste Einrichtung im Norden das nötige Zertifikat

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14. Januar 2018, 05:00 Uhr

„Salam Elfriede salam“, schallt es durch die Aula der psychosomatischen AHG-Klinik in Waren an der Müritz. Ein Lächeln huscht über das Gesicht dieser Frau, die mit 15 anderen Patienten zum „Heilsamen Singen“ gekommen ist. Musiktherapeut Matthias Hübner lässt mit der Gitarre „Salam Bernd salam“ und „Salam Jessica salam“ folgen.

„Wo gibt es das schon, dass einen so viele Menschen begrüßen“, sagt der 41-Jährige. Erst wippen nur wenige mit den Zehen mit. Am Ende der Stunde klatschen alle Frauen und Männer, wiegen sich im eingängigen, sich wiederholenden Rhythmus und haben ein Lächeln im Gesicht. „Singen macht frei“, sagt der Therapeut. Für das „Heilsame Singen“ in Verbindung mit der Behandlung wird die Klinik am 17. Januar als „Singendes Krankenhaus“ ausgezeichnet. Die Warener Reha-Klinik mit 200 Betten ist die erste „Singende Klinik“ nördlich von Berlin. Die ungewöhnliche Zertifizierung vergibt der Verein „Singende Krankenhäuser“ aus Maisch in Baden-Württemberg unter der Schirmherrschaft von Gerlinde Kretschmann, der Frau des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne). Im Süden und Westen Deutschlands gibt es 32 solcher „singenden“ Kliniken und ähnlich viele Altenheime. Zuletzt wurde in Thüringen eine Klinik zertifiziert. Zehn weitere sollen 2018 folgen.

Die Initiative war 2009 aus einer Patientensingegruppe von Wolfgang Bossinger an einer psychiatrischen Klinik in Göppingen entstanden, wie Vera Kimmig vom Vorstand des Vereins erzählt. „Singen unterstützt auf spielerische Art und Weise die Selbstheilungskräfte“, sagt die Fachfrau. Bossinger schrieb Liedbücher und leistete die Aufbauarbeit, inzwischen ist er Ehrenvorsitzender und will auch nach Waren kommen, wo es zudem ein großes Mitsingkonzert in der St. Marienkirche gibt.

Heilsames Singen ist international. So erklingen kraftvolle afrikanische Lieder, indische Mantren, melancholische israelische Weisen und auch lebensbejahende deutsche und englische Lieder.

Sie werden ohne Text- oder Notenblatt oft mit vielen Wiederholungen gesungen. „Patienten brauchen etwas, was ihr Selbstwertgefühl stärkt“, erläutert Kimmig. Nach etwa 20 Minuten des Singens würden Glückshormone produziert.

Das sieht man beim Singkreis von Hübner, der dreimal die Woche 30 bis 50 Leute versammelt. „Ich bin schön, wenn ich singe, denn dann lacht mein Gesicht und mein Herz fängt an zu glühen“, heißt ein Lied, „Ich finde meinen Weg“, ein anderes.

„Manchmal kommen den Leuten auch die Tränen“, erzählt der Musiktherapeut. Das sei aber nicht schlimm, weil alles in einem geschlossenen Kreis passiert. „Manche Leute lernen erst durch diese Musik wieder, ihre Emotionen zuzulassen.“

Gerade dieser Aspekt ist in einer Reha-Klinik besonders wichtig, findet Chefarzt Otmar Kristof. „Ohne Emotionen ist es schwer, etwas zu verändern.“

Die Therapeuten sind nur Begleiter, die dafür sorgen sollen, die Kraftquellen der Menschen zu aktivieren. Das gelinge mit dieser Musik sehr gut.

Rund 1900 Patienten werden im Jahr in dem Haus zwischen Müritz und Feisnecksee „behandelt“. Sie kommen aus dem ganzen Bundesgebiet, aber vor allem aus Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

„Manche Leute trauen sich auch erst hier wieder mitzusingen, weil sie in der Schule oder an anderer Stelle negative Erfahrungen gemacht haben“, erklärt Hübner. Es gebe aber keine falschen Töne, sondern nur Variationen und genau diese seien willkommen, betont der Musiktherapeut.

Am Ende stimmt er einen Kanon an, mit dem die ganze Gruppe in das Treppenhaus zieht. Hier hallt der Gesang besonders toll und fast alle wollen wiederkommen – außer diejenigen, die abreisen müssen.

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