35 Grad und deutscher Heringssalat : Heiligabend am anderen Ende der Welt

Unser Autor, einst  Volontär unserer Zeitung,  mit seiner Familie an der Altantikküste. Seit drei Jahren leben die Wesemanns in Buenos Aires.
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Unser Autor, einst Volontär unserer Zeitung, mit seiner Familie an der Altantikküste. Seit drei Jahren leben die Wesemanns in Buenos Aires.

Thomas Leonhardt wanderte 1948 im Alter von vier Jahren nach Argentinien aus – und eine mecklenburgische Familie nimmt langsam Abschied von Buenos Aires

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24. Dezember 2014, 16:00 Uhr

Thomas Leonhardt ist froh, dass es noch geklappt hat mit dem Weihnachtsbaum. Verkaufsstände an der Straße gibt es am anderen Ende der Welt nicht, und in diesem Jahr war es schwierig wie nie: keine Bäume in und um Buenos Aires. Standard ist in Argentinien die Plastik-Tanne, und selbst die nadelt dann, aber es gibt Schlimmeres: Deutsche wünschen sich eine weiße Weihnacht – Argentinier wünschen sich, dass nicht wieder stundenlang der Strom ausfällt, wenn alle auf einmal ihre Klimaanlage einschalten.

Ein Freund hat ihm schließlich eine Tanne besorgt – ausgegraben, nicht abgesägt. Ein hübscher Baum mit vielen Kugeln und einer Spitze. Wäre nur nicht diese neue Lichterkette. Thomas Leonhardts Frau hat sie aus London mitgebracht, wo die Tochter lebt. Der Besucher wird vorab gewarnt.

Stecker rein. Blau, rot, grün, gelb, die Birnchen wechseln sekündlich die Farbe. „Ist eher etwas für einen Schulhort, oder?“, fragt Leonhardt. Stecker raus. Das Fest wird trotzdem schön werden, und er hat ja in den vergangenen 65 Jahren gelernt, Abstriche zu machen. „Seit meinem fünften Lebensjahr feiere ich Weihnachten bei 35 Grad mit Heringssalat.“

Wenn meine Frau und ich mit unseren drei Kindern in einem Jahr zurück nach Deutschland gehen, wird die Jüngste so alt sein wie Thomas Leonhardt, als er den umgekehrten Weg ging. Manchmal bitten wir sie, mit uns Deutsch zu sprechen, und geben auf, weil es zu lange dauert, bis sie sich verständlich gemacht hat. Zweieinhalb ihrer drei Jahre hat sie mit uns in Argentinien verbracht, das hinterlässt Spuren. Unsere Mittlere, die im Februar eingeschult wird, hat in der Vorweihnachtszeit ihre Schweriner Großeltern besucht, endlich mal wieder gefroren und sogar am Esstisch eine Mütze tragen wollen. Der Achteinhalbjährige liest gern – aber auf Deutsch nur Meldungen aus der Bundesliga.

1948 steigt Thomas Leonhardt, vier Jahre alt, mit seinen Eltern und dem älteren Bruder aufs Schiff. Der Vater, ein Marineoffizier, Soldat schon im Ersten Weltkrieg, ist aus der englischen Gefangenschaft entlassen. Nach Liegnitz aber führt kein Weg zurück, denn die niederschlesische Heimatstadt gehört nun zu Polen. Auch ihre Textilfirmen hat die Familie verloren. Wohin also?

Es gibt einen Onkel, der seit den zwanziger Jahren in Buenos Aires lebt. Einen Unternehmer. Argentinien war nach den USA das Einwanderungsland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Auch wegen der 5,5 Millionen Menschen, die zwischen 1857 und 1924 kamen, wurde die einstige spanische Kolonie zum großen Getreidespeicher und einem der wohlhabendsten Länder der Welt. „Reich wie ein Argentinier“, dieses längst überholte Sprichwort, lockte vor allem Italiener, aber auch Spanier, Niederländer und Deutsche. Für Europäer ist Argentinien, das seit 70 Jahren Krisen bewältigt, um bald darauf neue zu erschaffen, heute kaum noch attraktiv.

Thomas Leonhardt, geboren 1944, sagt „Ich habe keine Erinnerungen an die schlechten deutschen Jahre. Wir haben gehungert, aber ich weiß es nicht mehr.“ In seinem Gedächtnis beginnt die Kindheit erst auf den Straßen von Buenos Aires, wo er immer mit einem Jungen spielt, der noch heute sein bester Freund ist. Der Vater, mit 51 Jahren zum Argentinier geworden, macht aus einer Wachstuch- eine Kunststofffabrik. Der Sohn liest Karl May, um die Sprache der alten Heimat nicht zu vergessen, studiert Jura, fängt 1972 in einer deutschen Kanzlei an und gründet vier Jahre später eine eigene. Bis heute arbeitet er als Anwalt und berät argentinische Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen. Seine drei Söhne leben in Buenos Aires und Wien, die Tochter hat einen Engländer geheiratet und ist ihm gefolgt. Der Bruder lebt in Karlsruhe, plant aber schon die Rückkehr.

Meine Frau freut sich auf Deutschland, ich versuche, nicht daran zu denken, und für die Kinder liegt der Dezember 2015 beneidenswert fern in der Zukunft. Erst einmal sind zweieinhalb Monate Sommerferien, es kommt der Familienurlaub – mit dem Auto quer durchs Land, dann über die Anden bis nach Santiago de Chile und zurück. Danach besuchen uns Oma und Opa aus Schwerin. Weiter lässt sich das Leben hier ohnehin nicht planen.


Zwölf Jahre ist Leonhardt Präsident des Deutschen Klubs von Buenos Aires, einem Treffpunkt für Unternehmer. Er hat das Bundesverdienstkreuz am Bande und das 1. Klasse verliehen bekommen. Die Urkunden, unterschrieben von den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Joachim Gauck, hängen in seinem Arbeitszimmer. Im Regal stehen Hölderlin, Marcel Reich-Ranickis „Mein Leben“, Herders Großer Bildatlas. Von der Wand schaut der Alte Fritz, es ist kein wertvolles Bild, aber Leonhardt hängt daran. Sein Vater brachte es aus der Gefangenschaft mit.

„Ich kann mich ohne Probleme jeder Disziplin unterwerfen, aber die Gesetzeshörigkeit der Deutschen habe ich nicht aufgenommen“, meint Leonhardt. Die argentinische Gesellschaft schätzt „die Täuschung als Kunst“, wie der Fußballphilosoph Jorge Valdano, 1986 Weltmeister mit Diego Maradona, einmal sagte: „Wer es durch Tricks und Schläue zu etwas bringt in seinem Leben, genießt größeren Respekt als jemand, der durch Fleiß und Ehrlichkeit soweit gekommen ist.“ Las leyes son para los tontos, heißt ein hiesiges Sprichwort, die Gesetze sind für die Idioten. Vergehen werden kaum bestraft, und falls doch, kauft man sich frei oder kennt einen, der einen kennt, und der kennt dann auch noch einen, der helfen könnte. Leonhardt lacht. „Ich habe versucht, meinen Kindern das nicht beizubringen.“

Meine Frau behauptet, ich würde beim Autofahren mittlerweile fluchen wie ein Argentinier. Es sind aber auch unheimlich viele boludos, hijos de puta und pelotudos, Schwachköpfe, Hurensöhne und Vollidioten, unterwegs. Wenn ich die Gesten und Grimassen der anderen (und meiner Frau) richtig deute, bin ich mitunter einer von ihnen.

Deutschland kennen die meisten Argentinier nur aus den Nachrichten oder ihrem Volkswagen, den sie allerdings „Wollwágen“ nennen. Ordentlich, zuverlässig, ein bisschen langweilig, aber ehrlich, überpünktlich und überwiegend blond, so stellt man sich los alemanes vor. Einerseits wäre man gern wie sie, auch, damit es mal vorangeht. Andererseits wird schon Pünktlichkeit als unhöflich empfunden. „Wenn du erzählst, dass du von einem Deutschen betrogen wurdest, schauen dich alle erstaunt an. Das ist etwas Besonderes“, sagt Leonhardt. „Passiert dir das mit einem Argentinier, hörst du nur: Tja, hättest du besser aufpassen müssen.“

Vielleicht kommt unser Abschied genau zur richtigen Zeit. Der Alltag ist ein Chaos, irgendeine Berufsgruppe streikt immer; wenn die Bankangestellten arbeiten, streiken die Busfahrer, wenn die Polizisten arbeiten, streiken die Ärzte, die Lehrer oder die Müllmänner, wobei der Müll auch sonst herumliegt. Generalstreiks gibt’s obendrauf. Ich werde für solch ein Leben allmählich zu alt. Andererseits: Kinderlärm ist ausdrücklich erwünscht, und zwar überall, was bei unserem Nachwuchs ein klarer Standortvorteil ist. Und gibt es in Deutschland auch diese alten Frauen, die dem Herrgott danken, dass sich unsere Wege kreuzen und sie sich an der roten Ampel ein paar Sekunden erfreuen dürfen an „deinen bezaubernden Kindern, mein Sohn“? Auch Papst Franziskus, der Argentinier in Rom, umarmt und lacht, er guckt nicht nur Fußball, sondern hat auch eine Lieblingsmannschaft (die seit seinem Amtsantritt wie durch ein Wunder wieder erfolgreich ist).

Thomas Leonhardt wird am Heiligen Abend mit seiner Familie den Gottesdienst besuchen. Die Straße vor der Kirche ist gesperrt, jeder trägt einen Stuhl bei sich, und 2000 Argentinier singen „Noche de paz, noche de amor“, die spanische Variante von „Stille Nacht, heilige Nacht“. Danach kommt die Familie zusammen, die Schwestern seiner Frau bringen ihre Familien mit, Freunde schauen vorbei. „Und ein paar einsame Deutsche, die in der Stadt sind, sammeln wir auch immer noch ein.“ Leonhardt rechnet mit 20 bis 30 Gästen. Jeder bringt etwas fürs kalte Buffet mit, seine Söhne grillen ein Spanferkel, nur beim Heringssalat vertraut man dem Feinkosthändler. „Es weiß ja keiner mehr, wie der gemacht wird.“ Beschert wird auch, aber es gibt nur ein Geschenk für jeden.

Wie früher werden sie leise den Schnee rieseln lassen, obwohl alles, ja wirklich alles dagegen spricht. Und jeder, der kein Deutsch kann, wird leise mitsummen.

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