"Hauptsache Arbeit"

Auf Jobsuche: Ursula Klabunde Foto: Hans-Dieter Hentschel
Auf Jobsuche: Ursula Klabunde Foto: Hans-Dieter Hentschel

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27. November 2008, 09:41 Uhr

Hagenow | Aufgeben will sie auch nach den jahrelangen Rückschlägen nicht. Routiniert bedient Ursula Klabunde die Maschine in der Nähstube des Arbeitslosenzentrums in Hagenow und bessert eine Hose aus. Reißverschlüsse einnähen, Kleider reparieren, Knöpfe annähen: "Ich will nicht, dass die Nähstube kaputtgeht, nachdem unsere Chefin wegen eines Unfalls nun schon seit Monaten ausgefallen ist", meint die gelernte Täschnerin. Ehrenamtlich arbeite sie deshalb in diesen Wochen in der Nähstube, in der wie in der benachbarten Kleiderkammer viele aus dem "immer größer werdenden Heer der Hartz-IV-Empfänger" nach Hilfe suchen, meint die engagierte Hagenowerin. Der Ehrenamtsjob ist alles, was Ursula Klabunde nach jahrelanger Jobsuche vorerst geblieben ist. Und doch steht für sie fest: "Ich will nicht zu Hause sitzen. Es ist egal welcher Job, ich will einfach nur arbeiten. Ob Teilzeit, ob als Putzfrau, in der Küche oder sonst wo - ich mache alles: Hauptsache Arbeit."

Doch die zu bekommen ist eben doch schwieriger, als es Politiker oder Branchenlobbyisten angesichts der noch günstigen Arbeitsmarktlage, des drohenden Fachkräftemangels und des Mit arbeiterbedarfs angesichts des demografischen Wandels nur zu gern darstellen. "Man kann sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt auch schön reden," kommentiert die couragierte 50zigerin die gestern vorgestellte Arbeitslosenstatistik. Drei Millionen Arbeitslose in Deutschland: "Da sind ja die auch nach einem Job suchenden Hartz-IV-Empfänger noch nicht mal mitgezählt."

Dutzende Bewerbungen habe sie nach dem Ende der Erziehungszeit für ihre Kinder in den 90ziger-Jahren geschrieben. In Hamburg, Schwerin, selbst bei einem Arbeitsvermittler in Bayern habe sie sich für einen Saisonjob in Österreich beworben: "Dann wäre ich eben für vier Monate in den Süden gefahren - Arbeit ist Arbeit." Daraus wurde nichts.

Mit 40 Jahren schon schwer in einen Job zu vermittelnDiverse 1-Euro-Jobs, eine weitere Berufsausbildung zur Floristin, Aushilfsjobs, Bewerbungstraining, andere Fördermaßnahmen für Langzeitarbeitslose: "Ohne Eigeninitiative findet man sowieso nichts", meint Klabunde. "Gelohnt hat es sich trotzdem nicht" - außer einem dreijährigen Job in einer 80 Kilometer entfernt liegenden Baumschule und ein paar Aushilfsstellen. "Wenn du mit 40 schon beim Arbeitsamt gesagt bekommst, dass du eigentlich zu alt bist, um vermittelt zu werden, dann deprimiert das total."

Heute ist Ursula Klabunde 50. Doch selbst mit zwei abgeschlossenen Berufsausbildungen haben sich ihre Chancen nicht gebessert. "Aber ich kann doch nicht einfach auf die Rente warten", sagt die Hartz-IV-Empfängerin. Inzwischen habe sie eine Putzstelle in einem Supermarkt angenommen. So könne sie wenigstens 100 Euro dazuverdienen. Der Rest werde ohnehin auf die Hartz-IV-Bezüge angerechnet. Wenn sonst schon keine Geld übrig bleibe, um "mal etwas für die Reparatur der Waschmaschine zu sparen, sind 100 Euro viel Geld." Ursula Klabunde hat es gelernt, mit wenig auszukommen. Eines macht sie aber immer noch sauer: "Die Abgeordneten sollten nur mal ein halbes Jahr mit dem Hartz-IV-Satz auskommen, den sie uns aufs Auge drücken", ärgert sie sich über die an der Realität vorbeigehenden Hartz-IV-Debatte. Und trotzdem bewahrt sie sich ihren Traum: "Irgendwann einmal einen Job zu finden und sich von der Arbeitsverwaltung abzumelden - das ist mein größter Wunsch."

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