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Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 01:37 Uhr

Hartz IV ist ihr Alltag

vom

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erstellt am 16.Aug.2012 | 11:20 Uhr

Bad Kleinen | Wie es geht nach zehn Jahren Hartz-Reform? Die Frage soll in Bad Kleinen beantwortet werden. Eine Gemeinde am Westufer des Schweriner Sees, acht Ortsteile in Nordwestmecklenburg, rund 3600 Einwohner. Zwei Terroristen der RAF machten den Bahnhof von Bad Kleinen Anfang der 1990er-Jahre bekannt. Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein, wuchs im Ortsteil Wendisch Rambow auf. Mehr Grund zur Berühmtheit besteht nicht.

Der Arbeitslosenverband Deutschland hat in Bad Kleinen einen seiner landesweit 20 Orts- und Kreisvereine. "Es ist schlimm, dass es uns gibt", heißt es an diesem Vormittag im Büro. "Schlimm, dass es uns geben muss, um genau zu sein. Gut, dass wir da sind." Wie es geht nach zehn Jahren Arbeitsmarktreform? Gudrun Künz, die muss es wissen. Hartz IV ist ihr Alltag. Seit Jahren. "Was soll ich sagen? Ich hab keine Schulden." Und: "Ich komme aus mit dem Geld. Aber einfach ist es nicht." - "Ich bin ein sehr sparsamer Mensch."

Mit Glück und Schürze

Von den neun Geschäftsstellen der Schweriner Arbeitsagentur hat die in Nordwestmecklenburg die niedrigste Arbeitslosenquote, nur wenig mehr als sieben Prozent. Man profitiert hier von den benachbarten Ballungszentren, heißt es zur Erklärung. Die Schwerinerin Gudrun Künz, Jahrgang 1963, hat nichts davon, nie etwas davon gehabt. Kein einziges Arbeitsangebot hat sie erhalten in den vergangenen fünf Jahren, seit sie 2007 nach Bad Kleinen gezogen ist. "Es sieht traurig aus auf dem Arbeitsmarkt. Sehr traurig", sagt sie und gestattet sich einen etwas wehmütigen Blick zurück.

Nach der Schule hatte sie in Schwerin eine Lehre in der chemischen Reinigung abgeschlossen. Den Betrieb gibt es längst nicht mehr. 1984 und 1987 kamen ihre ersten beiden Kinder auf die Welt. 1992 und 1998 Nummer drei und vier. In diesen und den nächsten Jahren arbeitet sie bei ihrem Mann, einem selbstständigen Handwerker in Ratzeburg. Als er stirbt, ist die Firma insolvent und das Eigenheim weg.

Gudrun Künz kehrt nach Mecklenburg-Vorpommern zurück. Sie will arbeiten und für ihre Kinder sorgen. "Jeder versucht doch sein Möglichstes", sagt sie. Gudrun Künz wagt sogar das Unmögliche: Sie macht sich als Maklerin selbstständig. Ohne Führerschein. Mit einer Augenkrankheit. Der gute Wille reichte nicht, nun ist sie eine Kundin der Arbeitsagentur. "Für viele ist es aussichtslos, Arbeit zu bekommen", sagt sie. Derzeit hat sie einen Ein-Euro-Job beim Arbeitslosenverband. Sie kümmert sich um die Tafel, nimmt Lebensmittel entgegen, verteilt sie montags, mittwochs und freitags an eine wachsende Schar von Bedürftigen. Bedürftig wie sie selbst. Gudrun Künz hat den Ein-Euro-Job schon zum zweiten Mal. Weil sie Glück hatte, weil sie zuverlässig ist und freundlich und ihre Schürze aussieht wie frisch vom Bügelbrett. Sie kann bis Oktober bleiben. "Und vielleicht, wenn ich Glück hab, noch weiter bis April."

"Zementierte Armut"

Zehn Jahre Hartz IV klingen bei Gudrun Künz in Bad Kleinen auch so: Gut, dass es überhaupt noch Ein-Euro-Jobs gibt: "Viele wurden ja einfach gestrichen." Gut, nette Kollegen zu haben. Gut, etwas Sinnvolles zu tun. Um 120 Euro im Monat bessert sie so das Familienbudget auf: Etwas über 370 Euro Hartz IV bekommt sie und das Kindergeld für ihren Sohn, den Jüngsten, der noch zu Hause ist. Zudem hat Gudrun Künz die Familienpflege für ihre zwei Enkelinnen übernommen. "Meine große Tochter ist Lkw-Fahrerin", erklärt sie. "Wenigstens eine, die Arbeit hat." Bei ihrem großen Sohn sieht es nicht so rosig aus. Die Maurerlehre hat er mit 2 beendet, "aber Arbeit hat er nicht gefunden".

Hartz IV hat die Armut zementiert - so hört es sich an, wenn ein Linkspolitiker wie wie Steffen Bockhahn, Landesvorsitzender der Partei in Mecklenburg-Vorpommern, über das Thema spricht. Von dem Slogan "Fördern statt Fordern" sei fast nur das Fordern übrig geblieben, so kritisierte er. Und: Für Langzeitarbeitslose gebe es kaum Qualifikationsmöglichkeiten. Gudrun Künz war vor Jahren einmal acht Wochen lang in "einer Art Weiterbildung im kaufmännischen Bereich". Verbessert hat sich nichts. "Wenn ich meinen Bruder nicht hätte, würde ich manchmal alt aussehen", sagt sie. Er hilft ihr, zum Beispiel, um nach Schwerin in den Garten zu kommen. "Kartoffeln und Zwiebeln hab ich da, nichts Aufwendiges."

Was sich eine Frau wie Gudrun Künz von Hartz IV wünschen würde? "Dass das Kindergeld angerechnet wird, das finde ich nicht richtig", sagt sie. "Kindergeld sollte doch ganz den Kindern zugute kommen." Obwohl es schwer fällt, zahlt sie ihrem Sohn ein schmales Taschengeld. Er soll lernen, damit umzugehen. Sparsam zu sein. "Ich habe Kinder, die nicht anspruchsvoll sind." Und die doch genau wissen, wann ein neues Computerspiel rauskommt. Oder auf den überdimensionalen Werbetafeln am Straßenrand von den Attraktionen im Hansapark lesen. "Wenn ich mal ein bisschen was gespart habe, können wir in Wismar in den Zoo gehen", sagt Gudrun Künz. Wie viel ein bisschen ist? "Naja, vielleicht mal zwei Euro." Fünf Euro nur ganz selten mal. Öfter kommt es vor, dass am Monatsende der letzte Euro für Brot ausgegeben wird.

Gudrun Künz würde gern arbeiten, doch der Arbeitsmarkt will sie nicht. Anders der Arbeitslosenverband in Bad Kleinen, der würde sie immer wieder nehmen. "Weil wir gebraucht werden" - wie der Bundesverband in seinem Motto erklärt. Das haben zehn Jahre mit Hartz nicht im Geringsten geändert.

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