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Verlust der Intimsphäre : Hartz IV bar im Supermarkt

vom
Aus der Onlineredaktion

Arbeitslose kritisieren fehlende Diskretion.

svz.de von
erstellt am 17.Nov.2017 | 20:50 Uhr

Die Bargeldauszahlung von Arbeitslosengeld soll nach den Plänen der Bundesagentur für Arbeit bis Ende 2018 aus Kostengründen nicht mehr in Jobcentern und Arbeitsagenturen, sondern nur noch im Supermarkt oder per Bankscheck möglich sein. Betroffene, mit denen wir sprachen, befürchten, dass in der Schlange an der Supermarktkasse ihre Anonymität aufgehoben wird und sie an den Pranger gestellt werden.

„Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und abends wiederkomme, weiß niemand, dass ich arbeitslos bin“, meint der ehemalige Bauarbeiter Holger Müller (Name von der Redaktion geändert) aus Gadebusch.

In Zukunft soll der 55-Jährige für eine Barauszahlung in einer Notsituation, einen Zettel mit einem neutralem Barcode an einer Supermarktkasse vorlegen. Dort wird dieser eingescannt und ihm von einer Kassiererin das Geld ausgezahlt. Arbeitslose ohne Bankkonto seien von der Auszahlung im Supermarkt nicht betroffen, da sie monatlich einen Barscheck erhalten, erklärt Thomas Letixerant von der Bundesagentur für Arbeit. Die Auszahlung im Supermarkt betrifft ihm zufolge nur Arbeitslose mit Bankkonto, die sich in einer dringenden Notsituation befinden. Vergangenes Jahr seien dabei in Mecklenburg-Vorpommern von Jobcentern und Arbeitsagenturen durchschnittlich 2200 Barauszahlungen monatlich durchgeführt worden.

Müller erlitt zwei Bandscheibenvorfälle. Seither hat er eine Behinderung von 50 Prozent. Ehrenamtliche Malerarbeiten und Fahrradreparaturen geben seinem Leben Struktur. In seiner Jugend habe er sich auf dem Bau nicht geschont. Auch den Eltern sei wichtig gewesen, dass er bei der Arbeit nicht negativ auffalle. Der Mann bekommt das Arbeitslosengeld II normalerweise überwiesen. Eine Barauszahlung in Form eines Vorschusses könnte zum Beispiel nötig sein, wenn er das eigene Konto bereits überzogen habe und Lebensmittel kaufen müsse. Der Verlust der Intimsphäre bei Barauszahlung im Supermarkt sei problematisch. Er meint: „Es ist genug, dass ich mich bereits in den Ämtern nackig machen muss, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.“ Müller ist sich sicher, dass viele Arbeitslose sich nicht trauen werden, ihr Arbeitslosengeld bar im Supermarkt abzuholen. Sein Ziel ist es, gut mit dem Geld zu haushalten, damit es bis Monatsende reicht.

Erika Schneider (Name von der Redaktion geändert) aus Gadebusch ist Hartz IV- Empfängerin. Früher arbeitete die 62-Jährige als Buchhalterin im Büro, verlor dann den Arbeitsplatz: „Wenn du älter wirst, braucht man dich nicht mehr, weil du zu teuer wirst“, erzählt sie. Sie hat ein Bankkonto und ist nur im Ausnahmefall auf Barauszahlungen angewiesen. Die ehemalige Buchhalterin sieht in der Auszahlung im Supermarkt nicht nur eine Verletzung der Privatsphäre, sondern auch eine Verschuldungsgefahr. Denn es bestehe neben einer Verlängerung der Wege die Gefahr, dass man das Geld direkt im Laden anstatt für anfallende Kosten ausgebe.

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