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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 18:34 Uhr

Landesrabbiner : Happy Birthday, Rabbi Wolff!

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vielflieger, Brückenbauer, Filmstar, Zauberer: Der langjährige Landesrabbiner William Wolff feiert heute in Schwerin seinen 90. Geburtstag

von
erstellt am 13.Feb.2017 | 06:25 Uhr

Wo ist eigentlich Gott? Im Himmel? Sind wir dem Schöpfer näher, wenn wir im Flugzeug sitzen? Wenn wir Gott sehen wollen, dann sollten wir uns in der Flugzeugkabine umschauen, sagt William Wolff. Vielleicht begegnen wir ihm in den Augen eines unserer Mitreisenden. In der Wärme einer plötzlich aufkommenden Unterhaltung zwischen zwei Menschen, in der spontanen Hilfsbereitschaft eines Fremden, sei die Anwesenheit Gottes spürbar – ob über den Wolken oder auf der Erde.

Er ist ein Vielflieger. Mecklenburg-Vorpommerns heute nur noch ehrenamtlicher Landesrabbiner kennt sich mit Flugzeugen und Flughäfen aus, pendelt noch immer regelmäßig zwischen England und Deutschland, zwischen seinem Haus in der Nähe von London und seinen Gemeinden auf der anderen Seite des Kanals. Heute feiert William Wolff in Schwerin seinen 90. Geburtstag.

Journalist oder Rabbiner wollte er als junger Mann werden. Beide Berufswünsche hat sich der Jubilar erfüllt. William Wolff wurde am 13. Februar 1927 in Berlin geboren. 1933 floh er mit seinen Eltern, seiner älteren Schwester und dem Zwillingsbruder vor den Nazis zunächst in die Niederlande, später nach England. Das Vereinigte Königreich wurde ihm zur zweiten Heimat. Mehr als 30 Jahre dauerte es, bis er wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzte. Als Verantwortlicher für Internationale Politik bei der Zeitung „Daily Mirror“ begleitete Wolff Ende der 60er-Jahre den britischen Außenminister Michael Stewart auf einer Reise nach Moskau und Bonn.

Mit Anfang 50 ließ sich William Wolff zum Rabbiner ausbilden. Als Geistlicher kehrte er nach Deutschland zurück. 2002 wurde Wolff Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern. „Eine Herausforderung, aber ich habe sie gern angenommen“, hat er einmal gesagt. Ein Neuanfang nach fast 70 Jahren. Beide Seiten hätten lernen müssen, so Wolff – die Gläubigen ihren Glauben, er die russische Sprache. Der Grund: Die Gemeindemitglieder kommen fast ausschließlich aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde der Rabbiner zum Brückenbauer zwischen den Religionen, bekam für sein Engagement zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2014 die Ehrenbürgerwürde der Landeshauptstadt. „William Wolff ist mit seiner Weisheit und seinem wunderbaren Humor ein großartiger Gesprächspartner, der von vielen Menschen sehr geschätzt wird. Er hat großen Anteil daran, dass jüdisches Leben in unserem Land heute wieder heimisch ist“, hat Ministerpräsident Erwin Sellering über den Landesrabbiner gesagt. Als einen der „herausragenden Rabbiner im ganzen Land“ bezeichnete ihn der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Doch Wolff, dem liberalen Rabbinertum verpflichtet, blieb stets bescheiden.

Mehrere hundert Mitglieder zählen heute wieder die Jüdischen Gemeinden in der Landeshauptstadt, zu der auch Wismar gehört, und in Rostock. An historischer Stätte, über den Fundamenten ihrer Vorgängerbauten von 1773 und 1819, entstand 2008 die neue Schweriner Synagoge. Schon 2004 hatte die Hansestadt Rostock ihre neue Synagoge bekommen.

Seit dem Frühjahr 2015 ist William Wolff Landesrabbiner im Ehrenamt. Rabbiner Yuriy Kadnykov übernahm die regelmäßigen Aufgaben in den Gemeinden. Der Rückzug fiel Wolff nicht leicht. Gut fühle er sich, würde gerne noch ein bisschen weitermachen, sagte er damals, immerhin bereits 88 Jahre alt. Aber nun werde er kürzertreten, sich auf repräsentative Aufgaben konzentrieren. „Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden will es so.“

Auch nach seinem Wechsel ins Ehrenamt blieb William Wolff eine öffentliche Person. So nimmt er weiterhin Termine wahr, tritt für Versöhnung ein, ohne jemals das Verbrechen des Holocaust zu vergessen. Und der Landesrabbiner machte eine neue Karriere – als Filmstar. Durch die Dokumentation „Rabbi Wolff. Ein Gentleman vor dem Herrn“ der Regisseurin Britta Wauer wurde Wolff auf einen Schlag republikweit bekannt. Wauer zeichnete ein liebevolles Porträt, begleitete den Rabbiner bei der Fastenkur in Bad Pyrmont genauso wie beim Pferderennen in Ascot oder beim Verwandten-Besuch in Jerusalem. Im vergangenen Jahr wurde das Filmkunstfest in Schwerin mit „Rabbi Wolff“ eröffnet – natürlich in Anwesenheit des Hauptdarstellers.

„Jeder, der nur einem Menschen eine Freude macht, hat damit der Welt dieses Menschen mehr Zauber verliehen, als Harry Potter es je vermag“, hat William Wolff einmal gesagt, nachzulesen im Buch „Abraham war Optimist“, herausgegeben von der Fotografin Manuela Koska-Jäger. „Er hat die Welt verzaubert mit Güte und Wärme.“ Der Rabbiner selbst ist so ein Zauberer. Er zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen, die ihm begegnen. Seine Freundlichkeit und seine Menschlichkeit, sie stecken einfach an – über den Wolken und auf der Erde. Happy Birthday, Rabbi Wolff!

Programm: Empfang im Goldenen Saal
Geehrt wird William Wolff heute um 16 Uhr mit einem Empfang im Goldenen Saal des Neustädtischen Palais in Schwerin. Ministerpräsident Erwin Sellering und Stadtpräsident Stephan Nolte wollen Grußworte sprechen. Vertreter der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands, des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in MV und des Fördervereins jüdisches Gemeindezentrum Schwerin werden ebenfalls gratulieren. Zu den Gästen des Geburtstagsempfangs gehört auch Anita Lasker-Wallfisch. Die berühmte Cellistin, Jahrgang 1925, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters aus dem Konzentrationslager Auschwitz, hält sich in Schwerin auf, um dem Konservatorium der Landeshauptstadt einen weiteren Teil ihres Notenarchivs zu vermachen und ihr Buch „Ihr sollt die Wahrheit erben: Die Cellistin von Auschwitz – Erinnerungen“ vorzustellen. Am morgigen Dienstag um 10 Uhr liest Lasker-Wallfisch, die dem internationalen Festival „Verfemte Musik“ in Schwerin eng verbunden ist, in der Stadtbibliothek im Klöresgang 3 einige Passagen aus ihrem Werk. Anschließend steht sie für Gespräche zur Verfügung.

 

 

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