Lübeck : Hanse 2.0 – in den Tiefen der Geschichte

9 Meter unter der Erde: Lübecks Wurzeln aus dem 9. Jahrhundert
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9 Meter unter der Erde: Lübecks Wurzeln aus dem 9. Jahrhundert

Das neue Hansemuseum in Lübeck beweist, wie modern der jahrhundertealte Hansegedanke ist – auch mit Hilfe innovativer Technik

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04. August 2015, 12:00 Uhr

Hinter Schilfpflanzen liegt eine Hansekogge, beladen mit Heringsfässern und Pelzen. Zwei Kaufleute verhandeln wortreich über ein Geschäft– in Nowgorod im Jahr1193. Willkommen in der alten Welt der Hanse im neuen Hansemuseum– natürlich in der Hansehauptstadt Lübeck!

Kein Staatsgebiet, kein Staatsvolk, keine Staatssprache. Ein starker Wirtschaftsverband politisch selbstbestimmter Bürger über sprachliche Grenzen hinweg, der geprägt ist von gemeinsamen Wertvorstellungen.

Das wäre eine passende Beschreibung der Europäischen Union. Doch das moderne Erfolgsmodell ist schon Jahrhunderte alt. Die Rede ist von der Hanse. Fast ein Jahrtausend prägte sie ganz Nordeuropa.

Das neue Hansemuseum zeigt die Entwicklung der Hanse von den Anfängen im 12. Jahrhundert, als Lübecker Kaufleute erste Reisen wagten, bis zum Niedergang im 17. Jahrhundert. Um die Fakten interessant zu vermitteln, wurde darauf verzichtet, ein reines Vitrinenmuseum zu schaffen. Mit Hilfe moderner Technik soll dem Besucher am Standort Lübeck ein individuelles Museumserlebnis angeboten werden im Zentrum der alten Hansehauptstadt Lübeck.

„Der Standort ist ein Glücksfall, nicht nur wegen der zentralen Lage in der Altstadt. Während der Bauarbeiten für das Museumsgebäude haben wir die Grundmauern des Klosters und des alten Stadtkerns entdeckt. Beides konnten wir erfolgreich in unser Museumskonzept integrieren“ erklärt Meino Hauschildt, Sprecher des neuen Museums.

Mit Unterstützung europäischer Hanseexperten wurde ein Rundgang geschaffen, der den Besucher durch Lübeck in verschiedenen Jahrhunderten führt und in das russische Pelzhandelszentrum Nowgorod 1193, auf die internationalen Tuchmärkte im belgischen Brügge 1361, in das wichtige Hansekontor in London im 16. Jahrhundert und in das norwegische Stockfischzentrum Bergen. Da der Hanse Städte in England, Nordwest-, Mittel-, Nord- und Osteuropa angehörten, lag ein europäisches Gesamtkonzept auf der Hand als Leitgedanke des Museums. Daneben wird die Geschichte Lübecks in den Mittelpunkt gerückt, denn hier wurde die Hanseidee im Lauf des 12. Jahrhunderts geboren und in alle anderen Hansestädte weitergetragen: Unabhängigkeit von fürstlicher Willkür, Bürgerstolz, hansisches Recht und hansische Architektur. Wie Hansepolitik funktionierte ist in der Station Lübecker Ratssaal zu erfahren.

Die Reise des Besuchers beginnt mit einem Abstieg in neun Meter Tiefe zur ehemaligen archäologischen Grabungsstätte, Lübecks Wurzeln aus dem 9. Jahrhundert. Bei den Arbeiten wurde auch das Abwassersystem der Stadt freigelegt. Die Grabung erwies sich als archäologische Schatzgrube mit rund 10  000 Objekten.

Nahrungsreste, Stoffreste und Alltagsgegenstände geben Aufschluss über die Lebensumstände der früheren Stadtbewohner. Damit die Besucher sich leichter in die damalige Zeit versetzen können, sind einige Räume ausgestattet mit den Originalfunden.

Nicht nur auf diese Weise soll Authentizität und Spannung erzeugt werden. In allen Stationen der Tour stehen audiovisuelle Medien zur Verfügung wie bei der Station Nowgorod.

„Das Eintrittsticket dient während der Tour durch das Museum dazu, audiovisuelle Medien zu nutzen und je nach Interesse auszuwählen“, so Meino Hauschildt.

Für ein möglichst individuelles Erlebnis werden künftig auf Wunsch sogar die Verbindungen der Heimatstadt des Besuchers zur Hanse erklärt und nach dem Ende der Museumstour sämtliche Informationen der besuchten Informationspunkte noch einmal zusammengefasst.

Moderne Medien werden nicht nur als Hilfsmittel eingesetzt, sondern auch um die Parallelen der Hansezeit zur Moderne zu unterstreichen . In der Station Ratssaal erinnert der mühsame Diskussions- und Entscheidungsprozess der freien und gleichen 200 Hansestädte stark an die Entscheidungswege der EU-Staaten.

So verkündet auch ein moderner Newsticker politische Entwicklungen der Hanse als wären sie aktuell.

Dass der Hansegedanke modern und europäisch ist, dieser Eindruck bleibt nach dem Besuch des Museums.

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