Ticketbetrug : Hansa kann auf 220 000 € hoffen

Auf der Anklagbank:  Guido G. (43) sollden FC Hansa Rostock  220 000 Euro gebracht haben.  Fotos: Bernd Wüstneck
Auf der Anklagbank: Guido G. (43) sollden FC Hansa Rostock 220 000 Euro gebracht haben. Fotos: Bernd Wüstneck

Ticketbetrug: Angeklagter hofft auf Bewährung. Vorstand des Fußballklubs zu Buchhaltung und Kontrollmechanismen befragt

svz.de von
24. März 2014, 21:13 Uhr

Noch steht der Abpfiff aus, aber die große Anspannung scheint aus dem Spiel zu sein. Es habe eine Verständigung gegeben, sagte gestern die Richterin, die am Rostocker Amtsgericht den Prozess um den spektakulären Ticketbetrug bei Hansa leitet.

Der Angeklagte Guido G. kann auf Bewährung hoffen. Und Hansa darauf, dass rund 220 000 Euro in die klammen Kassen zurückfließen. In etwa jene Summe, die sich der 47-Jährige laut Anklage über vier Jahre lang aus dem Ticketverkauf in die eigene Tasche gesteckt haben soll, bis die Sache im vorigen März aufflog. 93 000 Euro könne er sofort zahlen, sagt Verteidigerin Christine Habetha. Den Rest würde er aus dem raschen Verkauf seines Hauses in einem Ostseebad nahe Rostock finanzieren. Und dann irgendwohin ziehen, weit weg von der Hansestadt. Dorthin, wo ihn der Zorn der Fußballfans nicht mehr erreicht.

Mit diesem Ausgang des Strafprozesses wäre dann auch ein wohl Jahre dauernder Zivilprozess um die Schadenssume aus der Welt. Doch noch ist das Spiel nicht zu Ende. Der Fußballverein wolle sich bis diesen Freitag überlegen, ob er das Angebot annimmt, sagte die Richterin. Falls er ablehnt, wird die Verteidigung weitere Beweisanträge zur „Art und Weise der Buchführung bei Hansa“ stellen, wie Rechtsanwältin Habetha angriffslustig ankündigt. Die findet sie nämlich alles andere als professionell. „An jedem Eiskiosk wird seriöser gearbeitet“, antwortet die bekennende Fußballverweigerin gestern.

In der Tat mussten sich Zeugen aus der Führungsetage von Hansa ein bisschen fühlen wie selbst auf der Anklagebank. Hansa-Vorstand Rainer Friedrich zum Beispiel, heute wie zur Tatzeit auch Geschäftsführer der Ostseestadion GmbH & Co.KG. Die Hansa-Tochter kümmert sich als Dienstleister um die Belange des Stadions und eben auch um den Ticketverkauf.

Auch ihm ist offensichtlich nie aufgefallen, dass die Abrechnung über Jahre manipuliert wurde. „Haben Sie die Abrechnung mal kontrolliert, wenigstens stichprobenartig?“, fragt ein Schöffe. „Nein“, sagt der Vorstand. „Aber waren Sie nicht auch für das Finanzielle verantwortlich?“. Der Vorstand verweist zaghaft auf den Mutter-Verein. „Aber wie ist denn ohne Controlling eine korrekte Abrechnung möglich?“, bohrt der Schöffe nach, der nicht nur Hansa-Mitglied ist, sondern auch Finanzbeamter. Doch, doch, man hätte schon kontrollieren müssen, räumt der Vorstand dann ein.
„Gab es mal eine Inventur?“, fragt der hartnäckige Schöffe dann auch den Leiter des Ticketbereichs, Guido G.‘s damaligen direkten Vorgesetzten. „Nein, warum?“, antwortet dieser Zeuge. Na weil das zur Buchhaltung dazu gehöre, meint der Schöffe. Und weil dann möglicherweise schon eher aufgefallen wäre, dass es die Tickets, die G. als zurückgegeben deklarierte, gar nicht gab.

So konnte G.‘s simple Methode so lange funktionieren. Zu jedem Heimspiel hatte er mehrere Kassen-Mitarbeiter angewiesen, nach Verkaufsschluss jeweils weniger Tickets abzurechnen, als sie tatsächlich verkauft hatten und den Differenzbetrag in bar in einen Umschlag zu stecken. Er erklärte das mit angeblich von Sponsoren zurückgegeben Karten und beruhigte sie mit dem Verweis auf Kontrollen zu Wochenbeginn. Die gab es nicht. Mehrere tausend Euro aber wanderten pro Spiel geradewegs in seine Tasche.

„Hansa ist eine Herzenssache“, sagt der Ticket-Bereichsleiter, einst Abwehrspieler beim Verein. Jeder habe jedem vertraut. Umso größer nun bei allen die Enttäuschung. Inzwischen sei man aber auch bei der Kontrolle einen Schritt weiter, versicherten die Zeugen gestern. Das Abrechungssystem sei geändert worden.

Was auch Land und Gläubiger-Banken interessieren könnte, soll doch dem Vernehmen nach im April über einen Schuldenschnitt beim heutigen Drittligisten entschieden werden.

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