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Ticketbetrug : Hansa erhält 233 000 Euro zurück

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mangelnde Kontrolle erleichterte Ticketbetrug / Amtsgericht Rostock verurteilt Ex-Mitarbeiter des Fußballklubs zu Bewährungsstrafe

svz.de von
erstellt am 10.Apr.2014 | 07:00 Uhr

Das juristische Nachspiel um Ticketbetrug bei Hansa Rostock ist zu Ende. Mit dem Ergebnis scheinen alle Akteure leben zu können. Der Drittligist erhält 233 000 Euro zurück – die Schadenssumme, die sich Guido G. über vier lange Jahre ergaunert hat, plus Zinsen. Dafür muss der 47-Jährige nicht ins Gefängnis.

Das Rostocker Amtsgericht hat ihn gestern wegen Untreue in 46 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Nur ein Tag mehr – und Bewährung wäre nicht drin gewesen. Ins Abseits geschossen, um im Bild zu bleiben, hat sich G. wohl ohnehin.

„Sie stehen nun vor den Scherben Ihres Lebens und müssen von unten ganz neu anfangen“, sagte Richterin Andrea Ritter. Das Geld von seinen Sparkonten – 100 000 Euro – hat der Staat beschlagnahmt. Das fließt nun in die Klubkasse. Den „Rest“ soll G. bis Oktober aus dem Verkauf seines Hauses in einem nahen Ostseebad aufbringen. Ein Einfamilienhaus, vollständig abbezahlt. In das, wie Hansa-Anwalt Gunnar Kempf vermutet, wohl ein Teil des Geldes floss, das G. aus dem Ticketverkauf abzweigte. Mit einem laut Gericht verblüffend simplen System: Zu jedem Heimspiel wies G. mehrere Kassen-Mitarbeiter an, nach Verkaufsschluss jeweils weniger Tickets abzurechnen, als sie tatsächlich verkauft hatten. Den Differenzbetrag sollten sie in einen Umschlag stecken, auf dem er die jeweilige Summe notiert hatte. Das Geld wanderte geradewegs in seine Tasche. Anfangs erklärte er das noch mit angeblich von Sponsoren zurückgegeben Karten. Später bedurfte es keiner Erklärung mehr. Das System hatte sich verselbstständigt.

Dass der Coup so lange unbemerkt blieb, erklärt die Richterin wiederum mit dem „System Hansa“: Herzblut und Vertrauen statt professioneller Kontrollen. Weder sei G. als stellvertretender Leiter im Ticketbereich von seinem Vorgesetzten jemals kontrolliert worden, noch habe es eine Tiefenprüfung durch den Vorstand gegeben. Das hat es G. laut Gericht erleichtert, sein Nettogehalt von rund 1100 Euro monatlich illegal „aufzubessern“.

Dass er schließlich aufflog, war Zufall. Als sein Vorgesetzter nach einem Heimspiel im März 2013 eine Kassiererin anherrschte, weil sie „nur 36 Karten verkauft“ habe, antwortet die Frau trotzig: „Es waren aber über 100.“ Erst da wurde der Mann hellhörig.

Die Vorgesetzten hätten komplett bei der Kontrolle versagt, seien aber noch im Amt, sagt die Richterin. Die „kleinen“ Kassierer aber – Studenten, Sachbearbeiter, in jedem Fall Hansa-Fans – verloren laut Gericht ihre Minijobs umgehend. Dabei hätten sie „lauter“ gehandelt. Seien sie doch nur den Anweisungen ihres Chefs gefolgt, von „Prinz Charming“, wie ihn eine Zeugin nannte. „Das war ein grober Vertrauensmissbrauch“, wirft das Gericht Guido G. nun vor. Am Ende haben ihn sein Geständnis und die Bereitschaft, den Schaden vollständig auszugleichen, vor einer höheren Strafe bewahrt.

Hansa hat inzwischen eigenen Angaben nach das Abrechnungssystem geändert. Für den Fußballklub sei der komplette Schadensausgleich das Wichtigste gewesen, sagt Rechtsanwalt Gunnar Kempf. Damit erspart sich der finanziell wie sportlich gebeutelte Verein einen langwierigen Zivilprozess. Und wohl auch bohrende Nachfragen zur eigenen Buchhaltung.

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