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Sea Hero Quest : Handyspiel gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit „Sea Hero Quest“ sammeln Wissenschaftler Daten über das menschliche Orientierungsvermögen. Sie sollen helfen, Demenz im Frühstadium zu erkennen

svz.de von
erstellt am 28.Mär.2017 | 06:25 Uhr

Ein junger Mann sucht auf hoher See nach den Erinnerungen seines Vaters. Mit seinem Schiff manövriert er durch arktische Landschaften und zwischen Eisbergen hindurch genau auf der Route, auf der sein Vater einst unterwegs war. Dabei begegnet er Pinguinen und sogar einem Mammut, das sich im Eis versteckt. Manchmal hindert ihn dichter Nebel an der Weiterfahrt, und immer wieder tauchen Fabelwesen vor seinem Schiff auf, um ihn abzulenken. Für den Spieler keine leichte Aufgabe, sein Schiff dennoch auf Kurs zu halten…

Spiele auf dem Handy, Tablet oder Computer haben gemeinhin nicht den Ruf, die Gesundheit zu fördern. Haltungsschäden, Einschränkungen beim Sehen oder Kopfschmerzen können daraus resultieren, dass man allzu lange aufs Display schaut.

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Jetzt allerdings gibt es ein mobiles Spiel, zu dem Mediziner, Gesundheitswissenschaftler und zuletzt sogar die AOK Nordost geradezu auffordern: „Sea Hero Quest“. Das mobile Spiel wurde im Auftrag der Deutschen Telekom durch den Spieleentwickler Glitcher zusammen mit dem University College London, der University of East Anglia und der Alzheimer’s Research programmiert.

Das Besondere an „Sea Hero Quest“: Es ist das erste Spiel, das die Demenzforschung unterstützt. Denn während der Spieler in einer dreidimensionalen Welt durch Labyrinthe navigiert, Leuchtraketen abfeuert und fabelhafte Wesen fotografiert, werden im Hintergrund Daten an Wissenschaftler weitergeleitet. Sie erstellen daraus ein allgemeines Bewegungsprofil, das zu verstehen hilft, wie Menschen sich orientieren, wie sie sich auf fremdem Terrain zurechtfinden.

„Das Nachlassen des räumlichen Orientierungsvermögens kann ein erstes Symptom einer Demenz sein“, erläutert Prof. Michael Dornberger, Demenzforscher an der University of East Anglia. Die Forschung kann derzeit aber noch nicht unterscheiden, ob dieser Verlust krankheits- oder altersbedingt erfolgt. Um das herauszufinden, müssen Wissenschaftler zuerst einmal entschlüsseln, wie Orientierung bei gesunden Menschen funktioniert. Dabei hilft ihnen „Sea Hero Quest“.

Im ersten Level bewegen sich die Spieler durch arktische Landschaften. Die Eisberge, die ihnen als natürliche Hindernisse den Weg versperren, sind so konzipiert, dass die Spieler über sie hinwegsehen können, aber um sie herum manövrieren müssen. Daraus, wie die Spieler in dieser Umgebung navigieren, können Forscher ableiten, welchen Weg Menschen typischerweise wählen, um von einem bestimmten Punkt zu einem vorgegebenen anderen zu gelangen.

Die nächsten Level führen die Spieler durch Insel-Landschaften und Sümpfe, oder vorbei an Felsen und Vulkanen. Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei kontinuierlich. So nimmt die Höhe der Landmasse immer weiter zu, und die Spieler können ihr Ziel, anders als in früheren Leveln, nicht mehr sehen.

Unterwegs gehört zu den Aufgaben unter anderem, eine Leuchtrakete zurück zum Ausgangspunkt zu schießen. Forscher können daraus ableiten, wie präzise der Weg zu einem bestimmten Punkt zurückverfolgt werden kann. Ähnlich gelagert sind auch Aufgaben, bei denen der Spieler nacheinander zu verschiedenen Kontrollpunkten fahren muss, die über ein Labyrinth verteilt sind. Dabei zeigt sich, wie gut er sich die einzelnen Standorte merken kann.

Um den Schwierigkeitsgrad noch weiter zu erhöhen, sind einige Bereiche der Landkarte durch Nebel verdeckt. Daraus wollen die Forscher ableiten, welche Bedingungen den Orientierungssinn wie beeinflussen.

2,7 Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben sich „Sea Hero Quest“ bereits heruntergeladen. Das Spiel gibt es inzwischen kostenlos in 17 Sprachen in der Android- und in der iOS-Version.

Während die Spieler sich durch seine einzelnen Level bewegen, werden alle Daten, jede kleinste Bewegung an die Forscher übermittelt und von ihnen mit Hilfe einer Heatmap, einer visualisierten Daten-Darstellung, analysiert. Darin wird das Navigationsverhalten aller Spieler kombiniert und so aufgezeigt, für welche Route sich der größte Teil der Spieler entscheidet. Eine Erkenntnis, die dabei hilft, einen Maßstab für das Navigations-Verhalten gesunder Menschen zu entwickeln. Durch freiwillige Zusatzangaben zu Alter, Geschlecht und Heimatland können Spieler dazu beitragen, diese Erkenntnisse noch weiter zu spezifizieren.

„Es ist eine völlig neue Art, solche Daten zu erheben und sich zunutze zu machen. Das ist nicht nur spannend, sondern auch wissenschaftlich belastbar und vor allem sicher“, sagt Hans-Christian Schwingen, der Markenchef der Deutschen Telekom. Und Axel Wehmeier, Geschäftsführer der Telekom Healthcare Solutions, versichert: „Wir speichern die Daten in einem deutschen Rechenzentrum, das die höchsten Sicherheitsanforderungen erfüllt. Und auch den Datenschutzanforderungen ist Genüge getan, weil ausschließlich anonyme Daten verwendet werden.“

Aus den bisher gesammelten Daten konnten die beteiligten Wissenschaftler schon eine Reihe neuer Erkenntnisse gewinnen. So wurde erstmals nachgewiesen, dass das räumliche Orientierungsvermögen im Laufe eines Lebens nachlässt – und zwar schon sehr viel früher, als bisher angenommen, nämlich bereits nach dem 19. Lebensjahr. Neu ist auch die Erkenntnis, dass es gravierende Unterschiede bei Frauen und Männern gibt, sie nutzen unterschiedliche räumliche Navigationsstrategien. Und schließlich fanden die Wissenschaftler heraus, dass auch die Region, in der jemand aufwächst, sein Orientierungsvermögen beeinflusst – Einwohner nordischer Länder wie Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark finden sich besonders gut zurecht.

Noch werden ausschließlich die Daten gesunder Menschen erfasst. „Aber jetzt entwickeln wir eine Patientenversion, mit der wir dann bei speziellen Patienten ihr räumliches Orientierungsvermögen messen können. Das kann sehr wichtig sein für die Diagnose, aber auch für klinische Studien, welche wir in der Zukunft an Patienten durchführen werden“, so Prof. Michael Dornberger.

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