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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 06:55 Uhr

Bier aus MV : Handgebrautes vom Schweriner See

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Brauereigründer Tim Hennings wurde vom Erfolg überrumpelt – das Deutsche Reinheitsgebot hält er für einen Marketingmythos

svz.de von
erstellt am 22.Apr.2016 | 06:00 Uhr

Alles fing in der Garage an. So wie Steve Jobs und Steve Wozniak hier ihren ersten Apple Computer zusammenlöteten, schraubte Tim Hennings an seiner 50-Liter-Hausbrauanlage herum. Gemeinsam mit Freunden „verzapfte“ er sein erstes eigenes Bier. Mittlerweile besitzt der junge Mann eine kleine Privatbrauerei in Leezen am Schweriner See. Und die kann sich vorm Bierdurst der Mecklenburger kaum retten. Als Tim Hennings 2012 mit seiner Brauerei loslegte, ahnte er nicht, dass seine Anlage schon drei Jahre später aus allen Nähten platzen würde. Dabei hätte er gerne noch mit der Technik, in der schon der Wert eines kleinen Einfamilienhauses steckte, weitergemacht. Doch das Gefühl, die Leute an den Bierwerk-Verkaufstagen immer wieder mit leeren Händen vom Hof der Brauerei Hennings ziehen zu lassen, war ihm einfach unangenehm.

Mitte Mai geht der Braumeister nun mit einer neuen Anlage an den Start. Mit Tanks, die doppelt so groß sind wie die alten und 20 Hektoliter fassen. Die alte Anlage nahm ihm ein Braun-schweiger, ebenfalls ein Brauereigründer, mit Kusshand ab. Große Expansionsträume hegt der gebürtige Mecklenburger mit dem wachen Blick aber nicht. Es genügt ihm, mit der Brauerei seine kleine Familie ernähren zu können, in zwei, drei ausgewählten Schweriner Szene-Kneipen vertreten zu sein und Bierliebhaber der Region glücklich zu machen.

Vor allem möchte der 39-Jährige nichts lieber, als ein ehrliches und schmackhaftes Bier brauen. Profitieren tut er nebenbei davon, dass sich die deutsche Brauereilandschaft gerade rasant verändert. Lange schien Hopfen und Malz verloren. „Mehr als 25 Jahre herrschte ein Brauereisterben in Deutschland“, blickt Tim Hennings stirnrunzelnd zurück. „Große Konzerne boten dank billiger Zutaten ihre Biere günstiger an und kauften in Not geratene kleine Brauereien auf. Dabei ist vor allem der Geschmack auf der Strecke geblieben.“ Momentan schwindet der Bierdurst der Deutschen. Die großen Brauereien wanken. Mikrobrauereien mit einem Jahresausstoß bis 1000 Hektoliter befinden sich im Aufwind. Die deutsche Brauereilandschaft wird wieder vielfältiger. Zwar ist davon in Mecklenburg-Vorpommern noch wenig zu spüren, doch in Regionen wie Berlin und Brandenburg gab es allein 2015 zahlreiche Neugründungen.

Angeschoben wurde dieser Aufbruch durch die Craft-Beer-Bewegung, die vor über 30 Jahren in den USA begann. Craft wie Handwerk. Und Beer wie Bier. Handwerklich gebrautes, meist höherpreisiges Bier also, das nur regional erhältlich ist. Über Skandinavien, Belgien und Italien kommend, mischt diese Gegenbewegung jetzt auch die hiesige Brauerszene auf.

Am Geschmack wird nicht gespart. Auch bei Tim Hennings kommen nur natürliche Zutaten in die Tanks, darunter bester Aromahopfen. Kein billiger Hopfenextrakt. Weil seine Biere nicht wie Industriebiere ein Jahr, sondern nur drei Monate halten müssen, filtert der Mecklen-burger auch keine Aromen heraus und er erhitzt sie nicht kurz vor dem Abfüllen. Vor allem gönnt er Malz, Hopfen und Hefe lange Gär- und Reifungsphasen, damit sich das Aroma voll entfalten kann. Heraus kommt ein Getränk, das Tim Hennings’ Handschrift trägt und nach 20 Jahren Brauerei-Erfahrung schmeckt. „Gelernt habe ich noch in der alten Schweriner Schlossbrauerei in der Knaudtstraße“, blickt er zurück. „Mein Wissen vertieft habe ich dann bei der Braumeisterausbilung in Bayern. Die Schlossbrauerei, inzwischen nach Schwerin-Süd gezogen, war auch mein letzter Arbeitgeber.“ Nachdem der Betrieb vom großen Oettinger-Konzern aufgekauft und 2011 geschlossen wurde, zögerte der junge Mann nicht lange. Was in der Garage begonnen hatte, konnte er nun zu Ende führen. Fünfzehn Biersorten nennt er inzwischen sein eigen. Klassiker darunter wie Pils, Rotbier, Weizen und natürlich Saisonbiere wie Märzen, Maibock, Honigbräu und Schwarzbier. Was ist sein Erfolgsrezept? Tim Hennings muss nicht lange überlegen. „Hundert Prozent Leidenschaft und Selbstkritik sind wichtig, um ein gutes Bier zu brauen.“ Ein großes Maß an Kreativität gesellt sich dazu. Frauen, Wein- und Whiskyfreunde fahren auf sein Hennings Heller Bock Bordeaux ab. Ein extra gebrautes Starkbier, das in Bordeaux-Fässern lagert.

Seine neueste Kreation ist das Indian Pale Ale. Ein Bier, das früher von Großbritannien nach Indien geschafft wurde, um dort den Durst in den Kolonien zu stillen. In jüngster Zeit erfreut sich Pale Ale in Deutschland wieder wachsender Beliebtheit. Auch Tim Hennings fühlt sich von diesem Braustil herausgefordert. Besonders viel Arbeit steckt der Brauer vom Schweriner See aber in sein Grünhopfenbier. Hierbei verarbeitet er frisch geernteten Hopfen noch am gleichen Tag in seinem Sudhaus. Und dieser Hopfen – ist sein eigner. Geerntet im Hopfengarten ganz in der Nähe. Bis zu acht Meter hoch ragen dort die 60 Pflanzen in den Himmel. Tim Hennings’ Frau Antje, die im Familienbetrieb arbeitet, kümmert sich um die grüne Oase. „Hopfen muss angebunden und ausgegeizt werden wie bei Tomatenpflanzen“, erzählt sie. „Am Erntetag rücken wir dann mit vier Leuten an, um die Pflanzen zu kappen und anschließend die Blüten abzuknipsen. Das ist sehr mühselig.“ Hopfen im hohen Norden? Bei dieser Frage sprudelt es aus Tim Hennings heraus: „Mecklenburg war im 13. Jahrhundert das wichtigste Hopfenanbaugebiet in Deutschland. Erst nach der Hanse-Zeit verlagerte sich der Anbau in den Süden.“

Also alles im grünen Bereich. Fast alles. Die gute Stimmung trübt einzig das Deutsche Reinheitsgebot, das in diesem Jahr sein 500-jähriges Jubiläum feiert. Und zwar genau morgen. Überall im Land wird das berühmteste aller Lebensmittelgebote begossen. Oder nicht? „Das Deutsche Reinheitsgebot ist ein Mythos“, sagt Tim Hennings und spricht damit aus, was viele Handwerksbrauer denken. „Was einem Brauer heutzutage gestattet ist und was nicht, das regelt das sogenannte Vorläufige Biergesetz (VorlBierG) von 1993.“ Und das erlaube viele fragliche Dinge, behindere aber gleichzeitig Brauereien, die mit natürlichen Zutaten schmackhafte Biere brauen wollen. Die dürfen dann nämlich nicht alle als Bier bezeichnet werden. Experimentierfreudig wie Tim Hennings ist, würde er gerne mal ein dunkles Bock mit Vanilleschote brauen. „Das dürfte richtig gut schmecken“, sinniert er vor sich hin und sieht dabei für eine Weile ganz bierselig aus.

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