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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 16:18 Uhr

Hand in Hand gegen rechts

vom

svz.de von
erstellt am 12.Aug.2012 | 08:09 Uhr

Pasewalk | Jürgen Brandt hat schon einen langen Weg hinter sich. Er kommt von Rostock und steht jetzt auf dem verwaisten Marktplatz von Pasewalk. Allein. "Wo gehts denn hier zur Menschenkette nach Viereck", fragt er. Jürgen Brandt ist ein kleiner Mann mit Bart, seine Augen schauen freundlich und aufmerksam. Er fuhr quasi gegen den Strom der festlich eingestellten Menschen, die zur HanseSail wollen. "Ich will hier mit dabei sein, die Menschen stärken in ihrem Protest gegen die Nazis", sagt er, schultert seinen kleinen Rucksack und macht sich weiter auf den Weg. Etwa zwei Kilometer sind es noch bis zum Beginn der Demokratiemeile am Ortsausgang von Viereck.

Angesichts des fast verwaist in der Sonne liegenden Pasewalker Marktes muss man sich Sorgen machen, ob die Menschenkette, zu der mehr als 70 Vereine und Initiativen, darunter Parteien und Kirchen, aufgerufen haben, nicht ein Flop wird. Doch gegen 13 Uhr, eine halbe Stunde bevor die Kirchenglocken den Beginn des Händeschlusses ankündigen sollen, strömen immer mehr Menschen in Richtung Landstraße. Wer von den Nazis zum Pressefest der "Deutschen Stimme" an den Tausenden Menschen vorbei fahren muss und einen Blick nach draußen riskiert, muss Losungen lesen, die den NPD-Anhängern kaum schmecken dürften: "Viereck ist kein rechter Winkel", "Dumm wie Kruppstahl", "NPD = Nutzloseste Partei Deutschlands" und "Uns wird’s nie zu bunt".

Bunt ist auch der Protest. Und lautstark, entsprechend der Bitte des Bündnisses. Maximilian Brandt hebt immer wieder seine schwere Glocke hoch und läutet. Dreieinhalb Jahre ist der Knirps erst, zusammen mit seiner Mutter Barbara Brandt steht er an der Straße. Sie stammt aus Augsburg, lebt jetzt in Rossow bei Pasewalk. "Ich hatte gehofft, dass so viele Menschen kommen, hatte aber vorher meine Zweifel", sagt sie. "Wir sind auf jeden Fall mehr als die!", jubelt eine Frau am Stand der SPD und schaut Richtung Viereck.

Dort, nur wenige hundert Meter von der Demokratiemeile entfernt, feiern die Rechtsextremen das Pressefest des NPD-Zentralorgans "Deutsche Stimme" und vor allem sich selbst. Mehr als 2000 Protestierern gegen die NPD stehen zur gleichen Zeit gerade mal zwischen 200 und 300 rechtsextreme Sympathisanten gegenüber, die sich auf dem Stall-Gelände verlieren. Zum Abend hin werden es an die 1000. Hunderte Kilometer aus ganz Deutschland sind sie dafür angereist. Und müssen auch noch satte 23,50 Euro bezahlen. Dafür gibt’s bei Bier, Wurst und Steak einiges auf die Ohren. Reden von zahlreichen NPD-Funktionären wie Holger Apfel oder Udo Pastörs bringen die Kameraden auf Kurs, mit Sigrid Schüssler, der Vorsitzenden der NPD-Frauenorganisation, darf sogar erstmalig eine Frau aufs Podium. Den größten Applaus erhält sie nicht etwa für ihre Ausführungen über die "verfehlten Seelen der Gegendemonstranten", sondern für die besonders hervorgehobene Leistung, bereits vier Kinder auf die Welt gebracht zu haben.

An der Demokratiemeile erklingen keine Volksreden, sondern Posaunen. Politiker-Reden gibt’s erst später auf dem Markt. Die Initiatoren freuen sich vor allem darüber, dass sie auch viele Vorpommern, viele Menschen aus Pasewalk, Viereck und den umliegenden Gemeinden aufgeweckt haben. Allen voran Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos). Der wird heute fast wie ein Volkstribun gefeiert. Der Grund: Wenige Tage vor dem 11. August untersagte ihm ein Anwalt im Auftrag der "Deutschen Stimme" unter Androhung einer Geldstrafe, auf der Homepage des Rathauses für die Teilnahme an der Demokratiemeile zu werben. Verwaltungen müssten sich gegenüber Parteien neutral verhalten. "Das Gericht mag ja Recht haben. Ich vertrete aber meine eigene Meinung, wenn es um rassistische und fremdenfeindliche Umtriebe geht", sagt er.

Eine knappe Stunde, nachdem sich die Menschenkette aufgelöst hat, steht Jürgen Brandt aus Rostock noch am Rand der Landstraße zwischen Pasewalk und Viereck. In gut vier Stunden, wird er wieder ankommen in seiner Heimatstadt. Er wird erneut gegen den Strom fahren, die glückseligen HanseSail-Gäste werden ihm entgegenkommen. Auch Jürgen Brandt strahlt Glück aus. "Der Weg hat sich auf jeden Fall gelohnt."

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