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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 18:55 Uhr

Schwerin : Hand aufs Herz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schon seit Jahren streiten Klinikbetreiber, Land und Krankenkassen über eine eigene Herzchirurgie für Schwerin – jeder hat für seine Position gute Argumente

svz.de von
erstellt am 26.Aug.2014 | 11:50 Uhr

In Kurzfassung liest sich die Geschichte so: Die Schweriner Helios Kliniken möchten eine eigene Herzchirurgie eröffnen. Das Sozialministerium, zuständig für die Krankenhausplanung, lehnt dieses Ansinnen ab. Nun klagt Helios gegen diesen Bescheid.

Die Langfassung offenbart, welche Probleme tatsächlich dahinter stehen – und dass das Thema das ganze Land angeht. Als vor wenigen Jahren ein neuer Chef-Kardiologe in Schwerin seine Arbeit aufnahm, brachte er das Know-How für ein bis dahin überwiegend in Spezialkliniken angewandtes Verfahren mit, Herzklappen per Katheter zu implantieren. Die Transkatheter-Aortenklappen-Implantation, kurz Tavi, ist vor allem für hoch betagte Patienten eine Chance, die nicht mehr am offenen Herzen operiert werden könnten (siehe Hintergrund).

Die Deutsche Gesellschaft für Herzchirurgie empfiehlt allerdings dringend, dass bei diesen Eingriffen im Hintergrund immer ein herzchirurgisches Team bereitsteht – um bei Komplikationen eingreifen zu können. Da es in Schwerin keine eigene Herzchirurgie gibt, wurden seinerzeit Experten aus dem Klinikum Karlsburg hinzugezogen. Trotzdem verweigerten die Krankenkassen Helios die Bezahlung der Katheter-Implantationen – mit dem Verweis auf die fehlende eigene Herzchirurgie. Der Krankenhausträger blieb so auf Außenständen in Höhe von 1,6 Millionen Euro sitzen, erklärt der heutige Geschäftsführer des Schweriner Klinikums, Thomas Rupp.

Helios suchte daher nach Auswegen. Einer hätte sein können, dass eine der beiden herzchirurgischen Klinikabteilungen im Land – am Uniklinikum in Rostock und dem zur Dr. Guth-Gruppe gehörenden Klinikum Karlsburg – in Schwerin eine Außenstelle errichtet. Doch hier kam man auf Trägerseite nicht zueinander. Auch die zweite Variante, die medizinische Fachgesellschaft zum Umdenken zu bewegen bzw. eine Zuordnung des Eingriffs zur Kardiologie statt zur Herzchirurgie zu erwirken, scheiterte. So blieb, wie Geschäftsführer Rupp betont als letzter Weg, nur noch der Antrag, eine eigene herzchirurgische Abteilung aufbauen zu dürfen.

Doch damit stieß und stößt er auf wenig Gegenliebe: „Das würde die Gesamtversorgung im Land zerstörerisch beeinflussen“, meint zum Beispiel Prof. Dr. Gustav Steinhoff, Direktor der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie in Rostock. „Schon jetzt ist eine Vollversorgung da.“ Es gebe aktuell im Land für Eingriffe am Herzen keine Wartelisten, keine Begrenzungen, dafür aber eine hohe Versorgungsqualität. Und: Es gebe im Land einfach nur rund 2000 Patienten pro Jahr für dieses Fachgebiet, die zu verteilen seien. „Dafür reichen die bestehenden Kapazitäten.“ Es sei eine Erfahrung aus den USA, dass dort, wo immer mehr kleine Herzzentren entstanden sind, die Qualität spürbar sank.

„In Mecklenburg-Vorpommern sind 80 Prozent der Krankenhäuser in privater Hand – da wird besonders intensiv nach lukrativen Geschäftsmodellen gesucht“, mutmaßt Steinhoff. „Ein Kathetereingriff bringt immerhin 37 000 Euro…“

Auch das Sozialministerium sagte Nein zu dem Schweriner Ansinnen. Die Belegungszahlen der beiden Herzchirurgien im Land – Rostock war 2013 zu 86,1, Karlsburg zu 73,4 Prozent ausgelastet – belegten, dass sie ausreichten, um den Bedarf zu decken, betont Staatssekretär Nikolaus Voss. Beide könnten noch hunderte weitere Patienten aufnehmen. „Wir legen größten Wert darauf, dass die vorhandenen Herzchirurgien erhalten bleiben und besser ausgelastet werden“, betont Voss.

Zudem stehe das Land bei den Nachbarn in Schleswig-Holstein im Wort, mit denen vereinbart worden sei, dass am Uniklinikum in Lübeck Patienten aus Westmecklenburg herzchirurgisch behandelt werden. „Anderenfalls wären Forschung und Lehre dort nicht aufrechtzuerhalten“, betont der Referatsleiter Krankenhauswesen im Sozialministerium, Dr. Manfred Hunz.

Zumal: Das Helios Klinikum schickt seit Jahren Patienten, die am Herzen operiert werden müssen, nach Lübeck. „Jetzt will Schwerin einseitig den Faden der funktionierenden Kooperation kappen“, ist der Eindruck des Staatssekretärs. Und er ergänzt an die Adresse des Krankenhausträgers: „Nicht jeder muss alles machen, was er vielleicht kann, sondern er sollte sich auf das konzentrieren, was er auch qualitativ gut machen kann.“

Das sieht Helios-Geschäftsführer Rupp nicht anders. Er aber ist davon überzeugt, dass in der Landeshauptstadt eine hochklassige Herzchirurgie etabliert werden kann – schon jetzt gebe es Spontanbewerbungen von ausgewiesenen Spezialisten. Und: Es würden in Schwerin mit einer neuen Herzchirurgie insgesamt 40 neue Arbeitsplätze geschaffen. Daran, dass es an Patienten mangeln könnte, glaubt der Geschäftsführer nicht: 500 bis 600 herzchirurgische Patienten aus Mecklenburg-Vorpommern würden jährlich zur OP in andere Bundesländer verlegt, was übrigens auch das Sozialministerium nicht anzweifelt. „Sie hier im Land zu behandeln und damit auch das Geld dafür im Land zu lassen, muss doch auch im Interesse der Krankenkassen sein“, meint Rupp.

Doch auf Krankenkassenseite trägt man die Linie des Sozialministeriums mit: Alle dafür in Frage kommenden Patienten können in den beiden herzchirurgischen Zentren des Landes versorgt werden, betont der Sprecher des Ersatzkassenverbandes vdek, Dr. Bernd Grübler. Da im Krankenhausplan des Landes keine Herzchirurgie in Schwerin vorgesehen sei, dürften die Kassen derartige Operationen dort auch nicht bezahlen.

Patienten müssten darunter nach Ansicht der Kassen nicht leiden: „Inzwischen hat sich in der Rechtsprechung, aber mehr noch im täglichen Leben die Erkenntnis durchgesetzt, dass es für die Versorgung mit sehr hoch spezialisierten, planbaren Leistungen nicht ausgeschlossen ist, eine längere Fahrstrecke in Kauf zu nehmen“, so Grübler. Auch hier stehe die Qualität der medizinischen Versorgung im Vordergrund. Helios-Geschäftsführer Rupp sieht das anders: Bei der Verlegung von Patienten würde jede Stunde das Risiko zu versterben um zwei Prozent steigern. Dieses Risiko möchte er minimieren.

Das Sozialministerium hält dagegen, dass aus Mecklenburg-Vorpommern eine Reihe von Patienten verschiedenster Fachrichtungen verlegt werden. Eine Kinderherzchirurgie zum Beispiel gebe es im Land gar nicht, weil die Fallzahlen zu gering seien. Gerade dadurch, dass die kleinen Patienten unter anderem nach Berlin verlegt würden, sei gewährleistet, dass sie qualitativ hochwertig versorgt würden. Im Übrigen profitiere auch Helios davon, dass medizinische Versorgung nicht an Ländergrenzen Halt mache: Nach Leezen kämen Patienten aus dem gesamten norddeutschen Raum zur Frührehabilitation, nach Schwerin beispielsweise Patienten aus der Prignitz.

Helios will es dennoch gerichtlich versuchen, eine eigene Herzchirurgie durchzusetzen – „nicht weil wir Streit suchen, sondern weil uns unsere Patienten am Herzen liegen“, betont Geschäftsführer Rupp. Die Klage sei im Frühjahr eingereicht worden, ein Verfahren werde aber wohl erst in drei Jahren eröffnet.

 

 

 

 

 

 

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