Reetdachdecker : Halm für Halm reine Handarbeit

Erhält die Tradition des Reetdachdeckens: Udo Schönrock prüft mit der Messnadel, wie dick das Reet ist.   Fotos: afro
Erhält die Tradition des Reetdachdeckens: Udo Schönrock prüft mit der Messnadel, wie dick das Reet ist. Fotos: afro

Nach 4000 Jahren hat sich das Reetdachdecken auf dem Weg zum immateriellen Kulturerbe gemacht

svz.de von
10. November 2014, 22:00 Uhr

Mit seinem Knecht, einem flachen Holzstab, fixiert Udo Schönrock den parallel zum First verlaufenden Schachtdraht, und lockert das nächste Bündel Reet auf. Mit der Messnadel prüft er, wie dick die Halme an dieser Stelle auf dem Dachstuhl liegen. „Dreißig Zentimeter sollen es sein“, sagt der Reetdachdecker. Er steht an diesem klammen Herbstvormittag in luftiger Höhe auf dem schmalen Laufbalken in sieben Metern Höhe auf dem Dach. Es wird noch ein wenig dauern, bevor die Sonne den restlichen Nebel vertrieben hat.

Mit dem Akkuschrauber befestigt Schönrock am Dachsparren unter dem Reet zwei Drähte, deren Enden er über dem Reet und dem Schachtdraht zusammendreht. Mehrmals holt er mit dem geriffelten Klopfbrett aus, um überstehende Halme einzuebnen. Augenmaß, Fingerspitzengefühl und Erfahrung brauche es, um ein möglichst glattes Reetdach hinzubekommen, sagt Schönrocks Kollege Mathias Hahn, der zehn Schritte weiter auf dem Laufbalken seinen Stremel wegarbeitet.


90 Prozent aus Ungarn, Rumänien, Polen, China


Keine Maschine jagt die Reetdachdecker. Jeder hat halt seine eigene Geschwindigkeit. Das ist mutmaßlich schon seit 4000 Jahren so. Und weil sich an diesem Handwerk so wenig geändert hat, will es die Innung der Reetdachdecker Mecklenburg-Vorpommerns zum immateriellen Kulturerbe im Sinne der Unesco, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, erklären lassen. Dazu muss es in ein bundesweites Verzeichnis aufgenommen werden. Das hat Schwerins Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) im Frühjahr beantragt. „Als die Menschheit sesshaft wurde, hat sie mit Gras und Schilf ihre Dächer gedeckt“, erläutert Innungs-Geschäftsführerin Marlies Händschke. Auch wenn moderner Draht die alten Hanfseile ersetzt hat, und die Reetdachdecker Bohrmaschinen nutzen, „im Prinzip hat sich an diesem uralten Handwerk nichts geändert“. Manche Betriebe ernten sogar noch selbst das Reet, wenn der Frost es im Winter gut ausgetrocknet hat.

Sorgfältig schaut Reetdachdecker Thorsten Ring, ob das Bündel nass geworden ist, bevor er es zu seinen Angestellten Schönrock und Hahn aufs Dach hinauf wirft. Was einmal feucht geworden ist, wird aussortiert. Zu DDR-Zeiten hat Ring mit der Sichel noch selbst das Schilfrohr geschnitten, um das eigene Dach in Hoben bei Wismar auszubessern. Inzwischen aber kommt 90 Prozent des Reets aus Ungarn, Rumänien, Polen, der Ukraine oder aus China. „Mit deutschem Reet lässt sich die Nachfrage gar nicht decken“, berichtet Ring. Nach der Wiedervereinigung halfen Förderprogramme, Wellblech oder Asbestplatten durch Reet zu ersetzen. Immer mehr Hausbauer setzten zudem auf ökologische Baustoffe, „und Reet ist sehr energieeffizient“, so Ring. Entlang der Küste wurden ganze Feriensiedlungen mit Reet gedeckt, weil Touristen durchaus bereit sind, ein paar Euro mehr zu zahlen für diese Art der norddeutschen Gemütlichkeit. Die Arbeit wird Ring und den 18 anderen Betrieben in der Innung wohl nicht so schnell ausgehen. „Mit Reet kann man zaubern“, sagt Ring. Zum Beispiel weiche Wellen um die Gauben legen.




Er räumt ein, dass ein Reetdach auch Geld kostet. „Allerdings sind auch Bieberschwänze nicht billig.“ Beim Reetdach bestimmt vor allem der Arbeitslohn den Preis. Reet aufs Dach zu binden dauert sechsmal länger, als Pfannen zu verlegen. Bevor mit 2000 Bündeln ein altes Bauernhaus neu eingedeckt ist, können schon einmal zwei Monate vergehen. „Früher war Reet günstig, heute ist es ein edler Naturbaustoff.“


Binden des Reets ist zeit- und kostenintensiv


„Aber es ist eine Generation herangewachsen, die das zu schätzen weiß“, sagt Rings Kollege Joachim Schröter aus Vielank. Er ist einer von denen aus der Innung, die den Kulturerbe-Antrag ausgearbeitet haben. Reet gedeckte Dächer seien Häuser „mit Seele“, sagt Schröter. Da macht es keinen Unterschied, ob sie wie in MV am First „auf Stoß“ gedeckt sind, oder wie in anderen Regionen mit Heidekraut oder Grassoden abgeschlossen sind. Schröter war inzwischen sogar bei Kollegen im südafrikanischen Kapstadt und hat dort den Weltkulturerbe-Antrag vorgestellt. „Die fanden das alle klasse, dass wir das versuchen.“

Auch wenn die Unesco die Bedeutung des Reetdachs nicht anerkennen sollte, werden Udo Schönrock und Mathias Hahn weiter in luftiger Höhe auf den Reetdächern Mecklenburg-Vorpommerns arbeiten. Und ihnen zum Schluss mit der Heckenschere den letzten Schliff verpassen.



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