Haftstrafe im Glühweinstand-Prozess

Verteidiger Matthias Jox (l.) mit dem Angeklagten Rene St. (verdeckt).Foto: Lanin
Verteidiger Matthias Jox (l.) mit dem Angeklagten Rene St. (verdeckt).Foto: Lanin

Im Dezember 2012 trat René St. einen Familienvater an einem Glühweinstand in Ueckermünde zu Tode. Nun wurde der 36-Jährige zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

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13. Mai 2013, 07:06 Uhr

Ueckermünde | Vier Ueckermünder im Fahrstuhl - abwärts. Zitternd döst Dieter S. bei dieser Fahrt durch Neubrandenburgs Justizzentrum. Er verlässt das Landgericht, während ein anderer für fünfeinhalb Jahre weggesperrt wird. Die Macht des Alkohols weht durch diesen Prozess um einen Tag im Dezember 2012. Damals zitterte Dieter S. weniger. Er hatte seinen Pegel erreicht, als er mit dem Mann in Streit geriet, der heute angeklagt war. Am Glühweinstand eines Ueckermünder Einkaufscenters malträtierte ihn René St. mit Kopfnüssen. "Ja, genau. Aber worum es ging, nee", sagt er. Er hat es vergessen. Peter Krause ging damals dazwischen, kann aber nichts mehr erzählen. Er bekam drei Faustschläge ins Gesicht, fiel zu Boden, wehrte sich und bekam einen folgenschweren Tritt an den Kopf.

"Ich wollte eigentlich die Schulter treffen", sagte René St. in der gestrigen Hauptverhandlung. Richter Klaus Kabisch fragt: "Aber Ihnen ist schon klar, wie dicht der Kopf an der Schulter eines Menschen ist?" - "Ja." - "Und Sie haben den Kopf getroffen?" - "Ja", sagte der 36 Jahre alte Ueckermünder.

Hinter dem "Ja" steht eine massive Gewalteinwirkung auf den Kopf des Opfers, deshalb riss eine winzige Schlagader im Kleinhirn des Vaters. Die anschließende Blutung führte zum Hirntod, erklärte gestern eine Rechtsmedizinerin. René St. hatte zu Verhandlungsbeginn seine Tat vollständig gestanden. Er schilderte den Vorgang, den Streit, das Einmischen des späteren Opfers, die Verteidigungsversuche und das Hinfallen so, dass das konturierte Bild eines Vorfalls entstand, bei dem einer zu Tode kam, "der unser aller Respekt verdient hat", wie Klaus Kabisch betonte.

Im Vorstrafenregister achtmal gefährliche Körperverletzung

Im Lift wird eine Ueckermünderin laut, die eine Kollegin des Opfers war. Sie ist wütend über diese fünf Jahre und sechs Monate. "Und dann kann er sich noch für zwei Jahre in so einer Anstalt ausruhen. Ich tue mal bekloppt und geh dann einen totschlagen", schimpfte sie. Zehn Jahre wären nicht genug gewesen, zischt sie.

Der verurteilte René St. ist wie sein Opfer ein Vater. Laut Gutachterangaben mit starkem Hang zum Alkohol, in frühester Kindheit drangsaliert und schikaniert und als Jugendlicher schließlich kriminell geworden. Mittlerweile hat er ein Vorstrafenregister von 18 Taten, darunter allein acht Fälle von gefährlicher Körperverletzung. "Er hat einige Jahre in der Eisengießerei gearbeitet. Mit der Bestätigung dort ging es ihm gleich viel besser, er war weniger auffällig", erklärte der psychiatrische Gutachter, der eine Rückfallquote von knapp 50 Prozent ausmachte. Sollte die Therapie erfolgreich sein, würde diese weitaus geringer ausfallen, fügte er hinzu. "Der Angeklagte muss lernen, mit Stress umzugehen und er muss vor allen Dingen auf Alkohol verzichten. Denn dieser hat einen vernichtenden Einfluss auf sein Sozialleben", erklärte der Psychiater.

Im Umfeld des Täters ist der Alkohol allgegenwärtig. "Beim Gassigehen mit dem Hund, beim Treffen mit Freunden, beim Helfen bei einem Umzug oder während der Arbeit. Immer ist Alkohol dabei, als Belohnung und zum Regulieren der eigenen Gefühle", erklärte der Experte.

Der Richter ordnete neun Monate Haft mit anschließenden zwei Jahren Zwangstherapie im Maßregelvollzug an. Danach kann René St. bei guter Führung vorzeitig auf Bewährung freikommen. Staatsanwaltschaft und Verteidigung können innerhalb einer Woche in Berufung gehen.

Der zweite Vorfall, für den sich René St. gestern verantworten sollte, wurde als gesondertes Verfahren abgetrennt, da eine Zeugin, die Lebensgefährtin des Angeklagten, nicht erschienen war. Kabisch empfahl der Staatsanwaltschaft jedoch, das Verfahren einzustellen, "weil ein Strafverfahren zwischen Lebenspartnern vor allem dann schwierig ist, wenn an einer Strafverfolgung offensichtlich kein Interesse mehr zu bestehen scheint".

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