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Welttag der Suizidprävention : „Hättest du gewusst, was du uns antust...“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Warum? Diese Frage wird Kerstin und Torsten Schmitt* nie wieder loslassen – denn der Einzige, der sie beantworten könnte, ihr Sohn, ist tot

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2014 | 07:50 Uhr

Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass Kerstin Schmitt den leblosen Körper des 28-Jährigen in seiner Wohnung fand. Sie sei damals beunruhigt gewesen, weil weder sie selbst noch ihr Mann in den letzten Tagen etwas von dem jüngeren ihrer beiden Söhne gehört hatte. Vor allem hatte sie stutzig gemacht, dass er auch bei der Uroma, die in der Nähe wohnte und deren Lebensmittelvorräte er gewöhnlich mit schöner Regelmäßigkeit plünderte, schon seit Tagen nicht mehr aufgetaucht war.

Da sie einen Schlüssel zur Wohnung ihres Sohnes besaß, schloss Kerstin Schmitt an jenem Nachmittag selbst auf, nachdem auf ihr Klingeln hin niemand geöffnet hatte. Eine bange Vorahnung beschlich sie, als ihr Sohn auch auf Rufe nicht reagierte. Und tatsächlich trog das schlimme Gefühl nicht: Ihr Sohn lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Er hatte seinem Leben selbst ein Ende gesetzt.

Niemand konnte später sagen, wann genau der junge Mann das getan hatte. Irgendwann zwischen Dienstag und Freitag… „Nicht zu wissen, wann genau er gestorben ist, sich immer zu fragen, ob man ihm nicht drei Tage lang noch hätte helfen können, das war für mich lange Zeit das Schlimmste“, sagt Torsten Schmitt, und er kann auch heute die Tränen noch nicht zurückhalten.

Vier Jahre zuvor war er gerade noch rechtzeitig dazugekommen, als der Sohn seiner Frau, den er wie einen eigenen liebte, versuchte, sich mit einem Gürtel zu strangulieren. Der junge Mann hätte damals gerade eine schwierige Phase durchgemacht, erzählen die Eltern: Er hätte sich dazu entschlossen gehabt, noch einmal einen neuen Beruf zu lernen, sei dazu sogar in eine andere Stadt gezogen. „Aber er fand dort keine Freunde. Das Umfeld stimmte nicht. Und in der großen 3-Raum-Wohnung, die er dort gemietet hatte, fühlte er sich total verloren, die füllte er nie aus“, erinnert sich Kerstin Schmitt. Er habe angefangen, erst einen Joint zu rauchen – und irgendwann auch mehr. „Nach dem Probehalbjahr wurde er nicht übernommen. Er wäre unzuverlässig, hieß es...“
So kehrte der Sohn zurück zu den Eltern. „Aber auch wir kamen nicht an ihn ran“, sagt der Stiefvater. Erst habe er nur desinteressiert gewirkt, später manchmal regelrecht apathisch. „Und wenn wir versuchten, Druck zu machen und ihm zu sagen, dass er nun aber langsam in die Puschen kommen muss, dann hat er völlig dicht gemacht.“ Am ehesten fand noch der große Bruder einen Draht zu ihm – „aber der ist vom Wesen her so ganz anders, der strotzt vor Selbstvertrauen“, versucht die Mutter zu erklären, warum auch ihr Großer dem Jüngeren letztlich nicht wirklich helfen konnte.

Erst der Klinikaufenthalt nach dem misslungenen Selbstmordversuch schaffte schließlich für die Familie Klarheit. „Unser Sohn litt an Depressionen, gepaart mit Schizophrenie“, sagt Kerstin Schmitt leise.
Doch so schlimm die Diagnose im ersten Moment klang: Durch den Klinikaufenthalt und die anschließende mehrmonatige Reha schien sich der junge Mann wieder zu fangen. Er fand neue Freunde, machte mehrere Praktika und wollte sogar noch einmal eine Ausbildung beginnen. Dass er die Medikamente, die man ihm verordnete, nur sporadisch nahm, merkten die Eltern erst, als es zu spät war. „Als wir seine Wohnung auflösen mussten, fanden wir da einen riesigen Medikamentenvorrat“, erzählt Torsten Schmitt resigniert.

Nichts hätte darauf hingedeutet, dass er noch einmal versuchen würde, seinem Leben ein Ende zu setzen, sind die Eltern überzeugt. Zwei Wochen vor seinem Tod hatte der Sohn mit seinem Stiefvater auf dem elterlichen Grundstück noch einen Carport errichtet – „wir hatten so viel Spaß dabei“, sagt Torsten Schmitt. In der Wohnung ihres Sohnes fanden die Eltern später eine Kladde, in der er aufgezeichnet hatte, was ihm wichtig war – „da schrieb er auch von dieser gemeinsamen Bau-Aktion“. Warum er nicht mehr leben wollte, schrieb er nicht. Auch ein Abschiedsbrief wurde nie gefunden.

„Er hatte doch alles noch vor sich“, sagt Torsten Schmitt. „Er wollte eine eigene Wohnung, einen Beruf, der ihm Spaß macht, eine Freundin – ganz normale Dinge.“ „Gerade, weil er noch so viele Pläne hatte, dachten wir, dass er alles auf die Reihe kriegt“, ergänzt seine Frau.

Heute schauen die Eltern täglich auf das Grab ihres Jüngsten. Es war Zufall, dass auf dem benachbarten Friedhof ausgerechnet dort noch etwas frei war. „Ich weiß nicht, warum, aber seit die Grabstelle fertig ist, bin ich etwas zur Ruhe gekommen“, sagt Torsten Schmitt. Manchmal gehe er einfach so rüber, um mit seinem Stiefsohn zu reden, „während ich ihm hundert Liter Wasser über den Kopf gieße“. Ja, er halte Zwiesprache mit ihm, und manchmal würde er ihm sagen: „Hättest du gewusst, was du uns antust, hättest du gewartet, bis wir nicht mehr sind.“

Hilfe von außen hätten sie, von Gesprächen mit einer Ärztin abgesehen, nicht gesucht, sagen die Eltern – sie wollten und müssten allein mit diesem Verlust fertig werden. Der Bruder, der schon länger nicht mehr zu Hause lebt und nun plötzlich ihr einziger Sohn ist, dem fiele es schwer, seine Trauer zuzulassen und den Verlust zu verarbeiten, meint die Mutter voller Sorge.

„Unser jüngerer Sohn ist physisch nicht mehr greifbar, aber bei vielen Sachen ist er doch präsent“, betont Torsten Schmitt. Der Schmerz bohre nicht mehr dauerhaft, aber er käme doch immer wieder – vor allem in Momenten, wo sie es am wenigsten erwarten würden. Sie hätten zum Glück Freunde, mit denen sie auch dann reden könnten. „Unser Sohn gehörte 28 Jahre lang zu unserem Leben, da können wir ihn jetzt nicht einfach ausblenden“, ergänzt seine Frau. Manchmal, wenn sie sich alte Fotos anschauen würde, kämen ihr noch immer die Tränen. Und auch, wenn sie über ihn spricht. „Aber alles in allem tut es gut, über ihn zu reden – so ist er bei uns“, sagt ihr Mann.

* Namen geändert

Stellen Sie heute Ihre Fragen bei unserem Lesertelefon
Alle Fragen rund um das Thema Suizid-Prävention  beantworten heute von 10 bis 12 Uhr folgende Experten: Renate Kubbutat (Amtsärztin Gesundheitsamt Schwerin), Prof. Dr. Andreas Broocks (Ärztlicher Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik,  Helios Kliniken Schwerin) und Uta Krause (Leiterin der Ökumenischen

Telefonseelsorge Schwerin). Die Rufnummern:

Renate Kubbutat (0385)  63 78   8007

Andreas Broocks ( 0385)  63 78   8008

Uta Krause (0385)  63 78   8009
 

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