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frühere Modehits : Häschenschuhe waren der Renner

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Historikerin Alice Peterich ist früheren Modehits auf der Spur / Kleine Kinder trugen putzige Hausschuhe mit Ohren

Matrosenanzug und Leibchen, Spitzenschürze und Wollmantel: Was heute manchmal zuallererst die Assoziation „Anno dunnemals“ weckt, war einst womöglich ein Modehit. Den Trends früherer Jahre ist die Historikerin Alice Peterich auf der Spur. Sieben Jahre Forschungsarbeit stecken in ihrem Projekt, mit dem sie sich der Kinderkleidung in Mecklenburg in den Jahren 1860 bis 1960 widmet. Dafür hat die 1951 in Zarrentin geborene Museologin eine Unmenge von Fotos, Beschreibungen und Kleidungsstücken zusammengetragen. „Die Idee entstand während einer Geburtstagsfeier bei meiner Mutter, auf der ich mir alte Fotos anschaute“, erinnert sie sich. Es ist ein Thema, bei dem jeder mitreden kann. Wie facettenreich die Kindermode war und ist zeigt die Autorin zum Beispiel mit ihren Nachforschungen auf den (Fuß)Spuren der beliebten Häschenschuhe.

 

Kleine niedliche rote Kinderhausschuhe schauen mich an. Mit den hoch aufgestellten Hasenohren auf dem Schuhvorderblatt, dem aufgestickten weißen Gesicht, den blauen Augen und Schnurrbarthaaren erscheinen sie auf den ersten Blick eher wie kleine Plüschtiere. Diese Hausschuhe waren in der ehemaligen DDR besonders beliebt bei kleineren Kindern. Die kleinsten Größen passten bereits Einjährigen. Seit den 50er-Jahren wärmten die Schuhe die Füßchen ihrer kleinen Träger vom Thüringer Wald bis zum Ostseestrand. Mütter kauften sie für ihre Jungen oder Mädchen in den HO- Schuhgeschäften oder fanden sie im Sortiment der „Centrum“- und „Konsument“-Warenhäuser in der Republik.

Auch die ländliche Bevölkerung in Mecklenburg konnte die begehrten Häschenschuhe erwerben – zwar war dieses Schuhmodell nicht überall in den örtlichen Läden vorrätig, aber über den Versandhandel ließ es sich bequem bestellen. Dafür füllte man einfach ein Bestellformular mit den gewünschten Artikeln aus und schickte dieses an das „Centrum“- oder das „Konsument“-Versandhaus. Per Post kamen die bestellten Produkte direkt nach Hause. „Sie bestellen – wir liefern“, lautete die Devise des Versandhandels in der DDR. Aus eigenem Erleben weiß ich allerdings, dass es nicht so einfach war, einen Versandhauskatalog aus Leipzig oder Karl-Marx-Stadt zu ergattern. 1973/74 gibt es in der Herbst/Winterausgabe des Versandhauskataloges Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) den „Häschenhausschuh aus rotem Dederonwirksamt, Wirkfutter, Filzsohle“, in den Größen 20, 21, 22. Produziert wird der niedliche Hasenschuh im erzgebirgischen Ort Stützengrün, besser gesagt im VEB Hausschuhfabrik-Werk Hundshübel, der zum großen Weißenfelser VEB Schuhkombinat „Banner des Friedens“ gehörte. Der Schuh ist in seiner Ausführung ganz auf den kleinen Kinderfuß ausgerichtet: Er reicht bis zum Knöchel und unterstützt die Kleinen somit dabei, dass sie stabil und sicher laufen können. Eine geriffelte graue Kunststoffsohle verhindert zudem ein schnelles Ausrutschen.

Doch die niedlichen kleinen Hasen sind keine Kreation aus DDR-Zeiten. Tatsächlich weist das Häschenhausschuh-Modell eine lange Tradition auf: Bereits in den 1920er- Jahren war es auf dem Markt erhältlich. Beim Stöbern im Internet machte ich im Januar 2010 eine sensationelle Entdeckung: Auf einem Onlinemarktportal bot ein Verkäufer einen „GOLD-HÄS’CHEN Baby-Schuh federleicht bequem hygienisch, Farbe rosa, Größe 19“ aus dem Jahr 1923 an. Sogar der dazugehörige kleine Originalkarton aus hellgrauer Pappe hatte unversehrt die Jahrzehnte überlebt. Ich ersteigerte dieses Modell und war überglücklich über diesen „Fund“. Nachdem der „GOLD-HÄS’CHEN Baby-Schuh“ gut verpackt in seinem Originalkarton auf dem Postwege bei mir eintraf, fand ich auf der Kartonseite mit Bleistift notiert „2,60“, was auf den damaligen Preis hinweist, während das braun aufgedruckte „III/ 23“ das Herstellungsjahr benennt.

Dieses ältere „Schwesterpaar“ aus den 1920er-Jahren sieht dem „Häschenhausschuh“ aus der DDR-Produktion zum Verwechseln ähnlich. Allerdings zeigt das ältere Modell einen rosa Farbton und hat eine dickere, festere hellblaue Filzfütterung. Ich nahm Kontakt zu dem Verkäufer auf, um Genaueres zur Herkunft der Schuhe zu erfahren. Er berichtete, dass die Trägerin der Hausschuhe am 8. März 1923 in Adorf, im Erzgebirge, auf die Welt kam und als Einjährige, 1924, in die Hausschuhe schlüpfte. Sie waren ein Geschenk ihrer Dresdner Patentante. 1948 zog sie mit ihren „GOLD-HÄS’CHEN“-Schuhen samt Originalkarton in den Westen, nach Stuttgart. Auch bei ihrem Umzug nach Frankreich, 1998, kamen die kleinen Schuhe mit. Als die ältere Dame im Herbst 2009 verstarb, löste der Verkäufer ihren Haushalt in Frankreich auf und nahm ihre Schuhe wieder mit nach Deutschland.

Dass gerade die ersten Schuhe von Kindern aufgehoben werden, ist keine Besonderheit, sondern lässt sich eher als einen Brauch bezeichnen, den bereits unsere Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern pflegten. Die ersten, selbst eingelaufenen Schuhe ihrer Kinder behalten viele Eltern, weil sie eine Erinnerung an ein besonderes Ereignis sind: als die Kleinen laufen lernten und somit ihre ersten selbstständigen Schritte ins Leben starteten.

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erstellt am 20.Jan.2014 | 12:00 Uhr

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