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"Habt Ihr damals auch an uns Kinder gedacht?"

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erstellt am 01.Aug.2012 | 10:17 Uhr

Güstrow/Wittenberg | Die friedliche Revolution erlebte Arne Lietz als 13-Jähriger am Küchentisch. Sein Vater, Heiko Lietz, war einer der führenden Köpfe der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Im Pfarrhaus in Güstrow half er Ausreisewilligen und diskutierte mit Oppositionellen. "Zu Hause bei uns war einer der Kristallisationspunkte unserer deutschen Geschichte", sagt Arne Lietz im Rückblick. Als Helmut Schmidt 1981 zu Gast in Güstrow war, traf sein Vater, trotz Hausverbots, westliche Journalisten. Dass die Stasi sichtbar vor der Tür stand, die Wohnung abhörte und die Post mitlas, war für den kleinen Arne Alltag in der DDR. "Ich erlebte ab Herbst 1989 die Gnade der späten Geburt", sagt Arne Lietz. "Meine älteste Schwester musste als Schulbeste und Tochter eines Oppositionellen noch darum kämpfen, überhaupt ein Abitur machen zu dürfen, der zweitältesten Schwester wurde es verweigert - und meine Zwillingsschwester und ich hatten keinen Staatsbürgerkundeunterricht mehr, weil sich das Land auflöste, als er bei uns auf dem Stundenplan stand."

Die Biographie von Arne Lietz ist eine Biographie der Wende. Schnell wurde er Schülersprecher, stritt sich an der Oberschule um die Frage, wie frei eine Schülerzeitung sein darf, leistete seinen Zivildienst in den USA ab und ging als Geschichtsstudent über ein Jahr nach Südafrika, um u.a. auf Robben Island zu arbeiten, der Gefängnisinsel von Nelson Mandela. Über allem schwebten das Thema Freiheit, die Erlebnisse des Elternhauses, die friedliche Revolution und die politische Neugestaltung von Gesellschaften. An seine Eltern freilich hatte Lietz auch eine Frage: "Habt Ihr damals eigentlich auch an uns Kinder gedacht?" "Meine Eltern waren aktiv, gleichzeitig riskierten sie, dass wir Kinder später darunter zu leiden hatten - wenn sich das Blatt nicht gewendet hätte", sagt Arne Lietz. "Sie standen in einem Dilemma."

Heute arbeitet Lietz als Referent des Oberbürgermeisters in Lutherstadt Wittenberg. Und er beteiligt sich an Fortbildungen für Geschichtslehrer. "Ich erlebe, dass viele Menschen in Ostdeutschland ihre eigene Rolle in der DDR noch kaum reflektiert haben", sagt Arne Lietz. "Das gilt selbst für Lehrer, die Geschichte unterrichten." Doch auch in vielen Familien werde kaum über die Wendezeit gesprochen - zum Leidwesen der Kinder von damals. Arne Lietz engagiert sich deswegen im Netzwerk "3te Generation Ost". "Alle, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden, haben ihre spezifischen Transformationserfahrungen gemacht", sagt Lietz. "Die wollen wir thematisieren - und uns als Generation der ,Wendekinder gleichzeitig stärker in die Gesellschaft einbringen." Selbst will der gebürtige Güstrower für die SPD in der Region Wittenberg und Dessau-Rosslau im kommenden Jahr für den Deutschen Bundestag kandidieren. "Aber unser Netzwerk ist eine wachsende Gruppe der unterschiedlichsten Menschen, die Dinge gestalten wollen", sagt Lietz. Viele von denen, die in den letzten fünfzehn Jahren der DDR geboren wurden, hätten in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Erfahrungen erworben, die in Ost- und Westdeutschland dringend gebraucht würden. "Wir wollen die Menschen dieser Generation ermuntern, darüber nachzudenken, sich zu vernetzen und selber aktiv einzubringen."

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