"Hab mir fast die Finger gebrochen..."

Schnippschnapp: Brigitte Lindemann aus Boltenhagen unter den Fittichen  von  Friseur-Azubi Finn Filip Kadura.Paulina Jasmer
Schnippschnapp: Brigitte Lindemann aus Boltenhagen unter den Fittichen von Friseur-Azubi Finn Filip Kadura.Paulina Jasmer

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03. September 2012, 12:04 Uhr

Grevesmühlen | Finn Filip Kadura will Friseur werden. Ein Frauenversteher ist er schon. Das bleibt nicht aus. In seiner Berufsschulklasse in Wismar sind nur Mädchen. In seinem Ausbildungsbetrieb, Angelas Haarstudio in Klütz (Landkreis Nordwestmecklenburg), arbeiten ausschließlich Frauen. Da ist ihm nichts fremd, wie er meint.

Nur die Kunden wechseln. So schnippelt "Finni" ganz oft am richtigen Haarschnitt der Herren. Viele kommen extra seinetwegen in den Salon, in dem zum ersten Mal ein Mann arbeitet. Und dieser junge Mann ist es auch, der heute TOP Azubi 2012 im Handwerk werden möchte. Er ist in die Endrunde der letzten zwölf gelangt.

Dass er es einmal soweit bringen könnte, hätte sich der 20-Jährige nicht träumen lassen. Denn im ersten Lehrjahr kam er regelmäßig mit Muskelkater nach Hause. Vom vielen Stehen waren ihm die Beine schwer geworden. Daheim streckte er dann alle Viere von sich. Friseur-Sein ist eben nicht so einfach, vor allem wenn man dann selbst mal Hand anlegen darf. Unzählige Male hatte er seinen Kolleginnen über die Schulter geschaut, doch als er allein Haare abteilen sollte, "da habe ich mir fast die Finger gebrochen", kann sich Finn Filip erinnern.

Aber bereut hat er seinen Berufswunsch zu keinem Zeitpunkt, obwohl er nach der Realschule zwischen Tischlerlehre und Friseurausbildung schwankte. Etwas Handwerkliches sollte es schon sein. Und am liebsten am und mit Kunden. "Ich mag ja auch gerne reden", sagt Finn Filip und lacht. Seine schwarz umrandete Hornbrille macht ihn älter. Für sein kariertes Hemd wählte er die Farbe Lila. Dass er so viel Wert auf sein Äußeres legt, das kam erst mit der Friseurausbildung. Morgens brauche er um die 20 Minuten, ehe die eigenen Haare richtig liegen würden. "Da lasse ich mir Zeit", sagt der 20-Jährige, der nun im dritten Lehrjahr ist und sich "eingefuchst" hat.

Das wird seine Familie freuen, betreibt sie doch in der dritten Generation ein Friseurgeschäft in Grevesmühlen. "Da haben wohl auch die Gene bei meiner Ausbildungswahl mitgespielt", so Finn Filip, der sich schon vorstellen kann, den Salon eines Tages zu übernehmen. Vorher ziehe es ihn aber in die große Welt hinaus. "Ich hab da einen ganz genauen Plan", berichtet er, beugt sich vor und zählt auf. Erst einmal Großstadtluft schnuppern, Hamburg, Berlin -je nachdem - , dann die Meisterausbildung machen und danach ruhig zurück nach Grevesmühlen. "Denn eines ist sicher, wenn ich erst `mal da bin, komme nicht mehr weg", so Finn Filip, der sich noch austoben möchte.

Beste fachliche und menschliche Voraussetzungen für seine Zukunft lernt er in "Angelas Haarstudio". Seine Kolleginnen bringen es auf den Punkt: "Hier lernt er fürs Leben", sagen sie und lachen herzlich. Ein kleiner sympathischer Hühnerhaufen - und mitten drin ihr "Finni", der den Beruf wirklich für sich entdeckt hat. Die Vorurteile gegenüber männlichen Friseuren kennt er, aber sie machen ihm nichts aus. "Das ist okay", meint er. Seine Freunde finden es sogar richtig spitze, ihren Friseur in den eigenen Reihen zu haben. Am liebsten kümmert sich Finn Filip dabei ums Haarefärben oder um Haartattoos, einrasierte Muster an einer Kopfseite, vorrangig natürlich bei Männern.

"Aber mit älteren Damen kann ich auch gut", sagt er. Beim weiblichen Geschlecht kommt er offenbar gut an. "Viele fragen nach ihm, wenn er nicht da ist", erzählt seine Chefin, Angela Deutsch. Sie ist unglaublich stolz auf ihren Azubi, der durchaus das Zeug zum TOP Azubi 2012 habe, wie sie sagt. "Manpower in Frauenberufen ist toll", erklärt die Inhaberin. In größeren Städten seien männliche Friseure Gang und Gebe, im ländlichen Raum eher noch Exoten. Die Auszeichnung wäre für Finn Filips Karriereambitionen eine gute Basis und außerdem habe er Talent. "Es steckt ja in ihm", sagt Angela Deutsch mit Blick auf die lange Familientradition.

Der Ehrgeiz hat Finn Filip auf alle Fälle gepackt. Unter den besten Drei möchte er heute schon gern sein, am liebsten natürlich Sieger.

Doch warum sollte gerade er der Beste sein? "Ehe man der Beste sein kann, ist man vorher sicher auch durch die Schule der Fehler gegangen", sagt der Grevesmühlener. Fehler, aus denen man lernt und die einen besser und stärker machen. Denn Fehler seien ihm auch schon passiert. Das ist peinlich und unangenehm, aber kaum zu verhindern.

Aber trotz Fehlern in der Anfangszeit hat Finn Filip Fuß gefasst in seiner Ausbildung. Im Internet bildet er sich fort, über die neuesten Trends. Er hat dafür einen Blick bekommen. Und insbesondere, wenn er Atze Schröder mit seiner Lockenpracht im Fernsehen sieht, da juckt es dem Azubi ordentlich in den Fingern. "Die Locken sind sein Markenzeichen, aber ich kann sie nicht mehr sehen", sagt er und ist radikal: Er empfiehlt dem Show-Star einen Kurzhaarschnitt. Wunschlos glücklich ist Finn Filip hingegen mit dem Styling von Jonny Depp. Sein persönlicher Friseur würde er gern sein. Wer weiß, wohin ihn die große weite Welt bringt, die er erleben möchte. Aber den Familienbetrieb hat Finn Filip immer im Blick. Zumal der Opa ein Vorbild ist: Er ist seit 58 Jahren im Geschäft.

Mecklenburg-Vorpommern sucht den TOP-Azubi


  • Der Wettbewerb der Handwerkskammern in Mecklenburg-Vorpommern findet in diesem Jahr zum 7. Mal statt, rund 30 Auszubildende hatten sich für 2012 beworben
  • Bewerben können sich alle in den Handwerksrollen der Handwerkskammern aus MV eingetragenen Betriebe, die einen oder mehrere Auszubildende im Betrieb haben, die ihre Ausbildung am Wettbewerbstag noch nicht abgeschlossen haben.

Bewertungskriterien sind:
- Bisherige Zeugnisse oder sonstige Leistungsnachweise
- Allgemein- und Fachwissen
- Auftreten und Kommunikationsfähigkeit
- Spontanität und Schlagfertigkeit
- Flexibilität

Dazu Claudia Alder, Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern:
„Die Wettbewerbsteilnehmer sind die beste Werbung für den fachlichen Nachwuchs im Rahmen der bundesweiten Imagekampagne des Handwerks und der Meisterkampagne der Handwerkskammern in MV. Mit dem Wettbewerb wird künftigen Lehrstellenbewerbern gezeigt, dass sie berufliche Chancen und Karrieremöglichkeiten in der Region haben.“

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