Gutes Aussehen ist nur die halbe Miete

Der Schein trügt. Hunderttausende Besucher werden auf der Messe erwartet. Um Massenabfertigung geht es bei der Genuss-Schau allerdings gerade nicht.   dpa
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Der Schein trügt. Hunderttausende Besucher werden auf der Messe erwartet. Um Massenabfertigung geht es bei der Genuss-Schau allerdings gerade nicht. dpa

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20. Januar 2013, 07:51 Uhr

Berlin | Bratwurst oder Kaviar? Milchshake oder Champagner? Auf der Grünen Woche buhlen Bio-Bayern und Feinkost-Franzosen um Gunst und Geldbörse der Gäste. Und während vorne gelächelt wird, tobt im Hintergrund der Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Werbefachmann Dirk Conrad aus Berlin hat für uns einen Blick auf die Präsentation der Länder geworfen. Sein Urteil über die Mecklenburg-Vorpommern-Halle will er freundlich formulieren: "Es gibt noch viel Potenzial." Das zeigt auch der Vergleich mit der Brandenburger Präsentation.

In der Messehalle 5 zeigen 60 Unternehmen aus MV ihre Vorzüge und Schätze. Blaue Banner verkleiden die funktionale Deckenkonstruktion. Darunter dominieren Leuchttürme und Meeresartefakte das Bild. Passend dazu riecht es nach frischem Fisch. Und während Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf der Showbühne seine Kochkünste demonstriert, stürzt sich Dirk Conrad für uns ins Getümmel. Denn die Stände stehen dicht gedrängt, einen klaren Rundgang gibt es nicht. Ein erster Kritikpunkt: "Wer sich klar präsentiert, der gewinnt", sagt der Fachmann. Denn die Grüne Woche ist so riesig, dass kein Besucher wirklich alles sehen könne. "Es muss Punkte geben, von denen ich einen Überblick auf das Angebot habe, sonst ziehe ich einfach den erstbesten Gang entlang und in die nächste Halle." Punkt für das Land Brandenburg. Die Gänge sind breiter, ein zentraler Platz bietet den Blick auf das Angebot. Eine Zuschauertribüne lädt zum Verweilen und Verkosten ein. Von oben kann man den Blick auf das bunte Treiben genießen.

Conrad ist selbstständiger Werbe-Fachmann. Seit 15 Jahren beschäftigt er sich mit der Gestaltung von Broschüren und Internet-Auftritten. Dem Informationsmaterial auf der Grünen Woche gilt seine besondere Aufmerksamkeit. "Nur ein paar Meter in die Halle hinein, findet er ein "klassisches Beispiel", wie er es nennt. Weiße Handzettel mit neonfarbenen Grafiken. Zwischen den pixeligen Bildchen stehen die Sonderangebote. "Da ist jemandem kurz vor der Messe siedend heiß eingefallen, dass er noch was zum Auslegen braucht", vermutet Conrad. "Heute glaubt jeder er könne mit dem eigenen Computer professionell gestalten", sagt er kopfschüttelnd.

Zu den ästhetischen kommen die juristischen Probleme mit den Bildern: "Ich will gar nicht wissen, wie viele Urheberrechte auf diesem Zettel verletzt werden." Doch es kommt noch dicker. Einige Meter weiter liegen Einladungen zu den Müritz-Fischtagen. Nur leider vom vergangenen Jahr.

Doch sonst ist der Stand der Müritz-Fischer ein Hingucker. Über die Reling eines stilisierten Segelkahns werden Fischeier und -brötchen verkauft. "Wenn sie die Besucher hinterher fragen, woran sie sich erinnern, ist der Stand bestimmt dabei", urteilt Dirk Conrad. Gleiches gilt für die kleine Kogge, an der die Stralsunder Brauerei ihre Biere verkauft. In Erinnerung bleiben, das sei schließlich das Entscheidende für eine Messe.

Und gleichzeitig das Problem des Klein-Klein in der MV-Halle. Viele der Stände wirken austauschbar. Das federführende Ministerium sieht das natürlich anders. Vom Landwirtschaftsminister heißt es: "Unser Auftritt soll das Land unverwechselbar und im Kleinen darstellen." Auch hier sieht Dirk Conrad die Brandenburger deutlich vorn. Die Stände sind in der Bauart ähnlich, stehen hier allerdings kreisförmig und nicht in einer Linie. Und die kleinen Marquisen in unterschiedlichen Farben schaffen Individualität. Die Waren sind in Regalen und auf dem Tresen. Alles wirkt ein bisschen wie auf dem Wochenmarkt. "In der MV-Halle sieht es eher nach Kirmes und Imbissbuden aus", urteilt der Experte. Doch allein mit gutem Essen könne man auf einer Genussmesse keinen überzeugen. "Es geht darum wie ich die Besucher dazu bringe bei mir zu probieren und nicht an einem von hunderten anderen Ständen. Jeder kann ja nur eine bestimmte Anzahl an Häppchen am Tag essen."

Doch Atmosphäre und Akzente vermisst er in Halle 5. Die große Bühne und die blauen Banner seien ein guter Anfang, aber nicht konsequent genug. Denn als Motive prangen an den Wänden die touristischen Höhepunkte des Landes, wie das Schweriner Schloss. "Klar, man will hier auch für die Urlaubsziele werben. Wahrscheinlich ist das Material, das so auch auf der Tourismusmesse verwendet wird." Doch wer eigentlich Idyll und Landwirtschaft vermitteln will, der sollte auf andere Motive setzen, so Conrad. Auch hier macht Brandenburg es vor. Weite Felder, Nutztiere und Bauernhof-Szenen sind hier die Motive. "So lassen sich Landwirtschaft und Tourismus verbinden", erklärt er. Schließlich seien für MV auch die weiten Landschaften ein Aushängeschild. Und auch das Programm auf der Bühne überzeugt nicht. "Nichts gegen Jazz, aber bei so einer Messe kann es doch ruhig etwas volkstümlich seien." Die Bayern zeigen, dass es funktioniert. Blasmusik und Trachtenträger sorgen für urige Atmosphäre an den blau-weißen Ständen. "So eine Länderhalle soll ein Lebensgefühl vermitteln. Und gleichzeitig zeigen, was das Besondere an dem jeweiligen Land und den Produkten ist." Doch einen übergreifenden Stand für die Region sucht man vergebens. Stattdessen werden Postkarten verteilt - wieder mit Tourismus-Motiven.

"Es fehlt eine Klammer, ein roter Faden", fasst der Berliner das Problem zusammen. Kein gutes Urteil für Till Backhaus und sein Team. Denn: "Das ist Aufgabe des Ministeriums. Die kleinen Betriebe können das nicht leisten. Ein klares Konzept muss vom Organisator kommen. Der kann dann auch gleich noch ein paar Vorschläge für die einzelnen Stände machen und die Unternehmer motivieren, mehr zu tun als nur Wurst zu verkaufen." Wie gut, dass Backhaus bereits angekündigt hat, dass zum nächsten Jahr das Konzept neu ausgewertet wird. Dann sollen auch neue Ideen auf den Tisch kommen.

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