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Mecklenburg-Vorpommern

24. September 2017 | 08:56 Uhr

Gute Geschäfte statt Geschichte in Prora

vom

svz.de von
erstellt am 12.Jun.2013 | 09:21 Uhr

Prora | In Prora, dem einst als NS-Seebad geplanten Megakomplex auf Rügen, wurden die ersten Ferienwohnungen verkauft. Die Investoren werben mit Meer, Sonne und Denkmalschutz-Abschreibung. Geschichte gerät zur Nebensache.

Axel Bering strahlt mit der Sonne um die Wette. Vom zweiten Stock des einst von den Nationalsozialisten als "KdF" ("Kraft durch Freude")-Seebad geplanten Megabaus in Prora auf Rügen schaut der 51-Jährige auf die Ostsee. "Das ist eine Immobilie in bester Strandlage. So etwas bekommt man heute kaum noch", freut sich der Berliner Geschäftsmann. Den Kiefernwald zwischen Haus und Sandstrand haben er und sein Geschäftspartner Michael Jacobi vom Unterholz befreien lassen. Und auch im Haus selbst weicht die bis vor Kurzem vorherrschende Tristesse uniformer Räume und vergilbter Wände einer lichten Freundlichkeit.

Prora, von den Nazis als 4,5 Kilometer langes Seebad mit 20 000 Betten geplant, gilt als Prototyp einer Ferienanlage, in der die Bevölkerung im Erleben eines billigen Strandurlaubs gleichgeschaltet und für die Nazi-Ideologie begeistert werden sollte. Wegen des Kriegsausbruchs 1939 ging der Bau als NS-Ferienanlage nie in Betrieb. Zu DDR-Zeiten wurde der Komplex militärisch genutzt. Ab 2004 verkaufte der Bund das denkmalgeschützte Megaobjekt scheibchenweise auf dem freien Markt - 3000 Gästebetten dürfen nach dem B-Plan in unmittelbarer Nähe zu den Hotels und Pensionen des Ostseebades Binz entstehen. Historiker wie der Chef des Dokumentationszen-trums Prora, Jürgen Rostock, warnten davor, dass Prora mit dem Verkauf auf dem freien Markt zum Spekulationsobjekt verkommt und ideologische Intention und historischer Kontext, unter denen die gigantische Anlage geplant und gebaut wurde, vergessen wird.

Im vergangenen Jahr kauften Bering und sein Geschäftspartner Michael Jacobi knapp einhundert Meter des denkmalgeschützten nationalsozialistischen Erbes auf Rügen von Ulrich Busch. Der Sohn des Agitpropsängers Ernst Busch (1900-1980) hatte den Block I und II 2006 für 455 000 Euro vom Bund erworben und nach zähen Diskussionen Baugenehmigungen erwirkt. Doch dann ging es nicht weiter, weil das Kapital fehlte.

Bering und Jacobi gaben ihrem Abschnitt den unverfänglichen Namen "Meersinfonie". In zwei Aufgängen entstehen nun jeweils 30 Eigentumswohnungen. Für die Sanierung nehmen sie Millionenbeträge in die Hand. Von den ersten 30 Wohnungen seien 20 bereits notariell beurkundet, für die anderen zehn Einheiten gebe es ausreichend Interessenten, wie Bering betont. Neben der Lage locken Eigennutzer und Kapitalanleger die derzeit niedrigen Zinsen und die Denkmalschutzabschreibung.

Eine Wohnung mit 80 Quadratmetern kostet 267 000 Euro - etwas mehr als Busch im Jahr 2006 für einen kompletten Block mit zehn Aufgängen an den Bund zahlte. Am Samstag wird für die ersten Ferienwohnungen "Richtfest" gefeiert - "73 Jahre nach Baubeginn" wie es in der Presseeinladung heißt.

Was die neuen Eigentümer in den verkauften Blöcken machen, sei rechtlich nicht zu beanstanden, sagt der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider. "Nach 20 Jahren Verfall sind endlich Investoren da, die den Eindruck erwecken, dass sie solvent sind." Die Formulierung zum Baubeginn in der Presseeinladung und ihren Bezug auf das geplante Kdf-Bad findet er allerdings "äußerst unglücklich".

An den Wertsteigerungen des Betonkolosses der vergangenen Jahre hat das Ostseebad Binz, zu dem Prora gehört, nicht partizipiert. Mit Argwohn schauen Hoteliers auf die Konkurrenz nördlich der pittoresken Binzer Bäderarchitekurfassaden. "Ich hätte mir schon gewünscht, dass man Prora nicht allein der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben überlassen hätte", sagt Gemeindechef Schneider. Was ihn wurmt, sind die 3000 Betten die zusätzlich auf den touristischen Markt drücken und die sommerlichen Verkehrsprobleme um Binz mit bereits 14 500 Ferienbetten verschärfen. Schneider ist sich sicher: Mit einem Abriss von weiten Teilen der NS-Hinterlassenschaft nach 1990 und dem Erhalt eines Blockes als Denkmal hätte man sich viele Diskussionen erspart und Fehlentwicklungen verhindern können.

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