Polizeieinsatz in Lutheran : Gutachter: Wagen massiv beschleunigt

Der Angeklagte (M.) neben seinem Anwalt Benjamin Richert (l.) bei einer Einlasskontrolle im Gericht
Der Angeklagte (M.) neben seinem Anwalt Benjamin Richert (l.) bei einer Einlasskontrolle im Gericht

Zeugenaussagen im Fall Lutheran. Unfallexperte widerspricht Angeklagtem

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30. Januar 2018, 21:00 Uhr

Die Kundin wollte Wurst einkaufen, als vor dem Fleischerladen in Lutheran Schüsse fielen. „Ich dachte, es sei ein Überfall. Ich hatte Panik und habe geschrien“, berichtete die Frau gestern vor dem Amtsgericht Ludwigslust. Draußen sah eine andere Zeugin mehrere Vermummte aus ihren Wagen springen. Zwar habe einer von ihnen „Polizei!“ gerufen, aber auch sie glaubte an einen Überfall. „Ich machte, dass ich Land gewinne.“ Sie lief über ein Feld hinter dem Fleischerladen davon.

Zwei Jahre nach dem Einsatz eines Mobilen Einsatzkommandos (MEK) der Hamburger Polizei sollen Richter Siegmar Hackbarth und seine beiden Schöffinnen ein Desaster rekonstruieren, das am 12. Februar 2016 in dem kleinen Ort bei Lübz seinen Abschluss fand. Es war nicht nur schwierig, das MEK als Polizeieinheit zu erkennen. Die Hamburger verfolgten den falschen Mann und beendeten den Einsatz mit einem gezielten Schuss, der einen Autofahrer in den Kopf traf. Dieser Autofahrer steht vor Gericht, weil er angeblich vor der Polizei fliehen wollte, ein ziviles Polizeiauto rammte, das ihm den Weg versperrte, und einen Beamten am Bein verletzte.

Der 29-Jährige hatte sich den Pickup von jenem Mann geliehen, den das MEK hinter Gitter bringen sollte. Die Polizisten irrten allerdings, als sie den Besitzer auf dem Beifahrersitz vermuteten. Nach einer geheimen Verfolgung griff das MEK zu, als der Pickup in Lutheran hielt. Auch der Angeklagte sah sich als Opfer eines Überfalls, dann sei schon der Schuss gefallen. Bewusst geflohen sei er nicht.

Ein Unfallgutachter stellte klar, dass der Pickup „massiv beschleunigt“ worden sei. Ob im Wagen jedoch die Rufe „Polizei! Nicht bewegen“ zu hören waren, bezweifelte er.

Die Zeugen konnten wenig dazu beitragen, den konkreten Ablauf der wenigen fatalen Sekunden aufzuhellen – selbst der Beifahrer nicht. Zwei Tage zuvor hatten die Hamburger übrigens die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern um Amtshilfe bei der Fahndung gebeten. Ein Sondereinsatzkommando setzte daraufhin in Plau fälschlicherweise zwei Bauarbeiter fest.

Am nächsten Dienstag werden der Staatsanwalt und der Verteidiger den Fall abschließend bewerten, bevor Richter Hackbarth ein Urteil spricht. Selbst wenn das Gericht zu einem Schuldspruch kommt, muss es nicht unbedingt eine Strafe verhängen. Schließlich hat der Angeklagte durch den Verlust seines rechten Auges bereits genug zu leiden.

Der MEK-Beamte, der auf ihn schoss, muss keine Strafe fürchten. Er habe in Nothilfe für einen Kollegen gehandelt, befand die Staatsanwaltschaft.

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