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Seit sechs Jahren kämpft eine 59-Jährige mit der Justiz : Gutachten von einem Toten

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Erst beauftragt das Landgericht Stralsund im Rechtsstreit um eine Operation einen toten Professor mit einem Gutachten und dann ist auch noch die mitgeschickte Patientenakte samt Gerichtsunterlagen spurlos verschwunden.

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erstellt am 09.Mär.2012 | 06:50 Uhr

Stralsund | Erst beauftragt das Landgericht Stralsund in einem Rechtsstreit um eine Knieoperation einen toten Professor mit einem Gutachten - und dann ist auch noch die mitgeschickte Patientenakte samt Gerichtsunterlagen spurlos verschwunden. Das Gericht unternimmt lange nichts. Die klagende Patientin findet selbst heraus, dass die Papiere in der Klinik des beauftragten verstorbenen Professors zwar angekommen, dort aber nicht mehr auffindbar sind.

Die Leidensgeschichte Elke Hönemanns aus Karlshagen im Landkreis Vorpommern-Greifswald ist nicht nur eine medizinische. Seit sechs Jahren mittlerweile ist sie auch eine juristische. Damals ist die Insulanerin vor Gericht gezogen - bis heute liegt kein Ergebnis vor. Zu allem Überfluss, so die 59-Jährige, sei sie auch noch mit hohen vierstelligen Kosten in Vorkasse gegangen. Beispielsweise für das zweite Gutachten, dass der Professor erarbeiten sollte. Ein erstes hatte ergeben, dass der seinerzeit behandelnde Mediziner falsch gelegen habe, als er Elke Hönemann die Knieoperation anriet. Seit damals quält sich die Karlshagenerin nicht nur mit den Ergebnissen der Operation, sondern auch mit einem Gericht, dass - vorsichtig ausgedrückt - nur wenig Antrieb zur eigenen Recherche verspürt. Mittlerweile hat Elke Hönemann auch Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt. "Ohnmächtig fühlt man sich, wenn das Landgericht Stralsund einen Prozess sechs Jahre in die Länge zieht und keine Aussicht auf ein Ende besteht. Untätigkeit, nicht kontrollierte Fristen. Es gibt nachweislich viele Versäumnisse von Seiten des Landgerichtes, aber dort fühlt sich niemand wirklich zuständig", ist Elke Hönemann verbittert.

Das Landgericht reagierte auf Nachfrage unserer Redaktion geschäftsmäßig kühl. Mit Beschluss vom 30. April 2008 habe die Zivilkammer die Einholung eines Gutachtens angeordnet. Zum Sachverständigen sei der damalige Chefarzt der Spezialklinik für Knochen und Gelenkchirugie der Endo Klink Hamburg bestellt worden. Nach einer mündlichen Verhandlung am 6. Dezember 2010 habe die Kammer eine Ergänzung des Gutachtens angeordnet. Und dann: "Ob der Gutachter zu diesem Zeitpunkt noch lebte, musste die Kammer nicht überprüfen, da es keinen Anlass für eine solche Überprüfung gab", so Gerichtssprecher Olaf Witt.

Die Geschichte entwickelt sich immer weiter, wird immer weniger nachvollziehbar: Mitte Februar 2011 verfügte das Gericht die Übersendung der Akten an den Gutachter und setzte ihm - dem seit zwei Jahren Toten - eine viermonatige Frist. Und dann passierte lange nichts. Keine Nachfrage seitens des Gerichtes, keine eigene Recherche. Erst als Elke Hönemann am 22. November 2011 - fünf Monate nach Verstreichen der Frist - bei Gericht nachfragte, sei der Sachverständige um Mitteilung gebeten worden, wann mit der Gutachtenvorlage gerechnet werden könne, räumte Gerichtssprecher Witt ein. "Eine telefonische Nachfrage am 11. Januar 2012 ergab, dass der Professor 2009 verstorben war." Daraufhin seien per Fax Kopien des Beschlusses sowie das Anschreiben vom 17. Februar 2010 an die Endo-Klinik übersandt und der derzeitige Chefarzt um Mitteilung gebeten worden, wann mit der Vorlage des Gutachtens gerechnet werden könne. Neue, böse Überraschung: "Dieser teilte sodann mit, dass dieser Gutachtenauftrag mitsamt den Unterlagen dort nicht eingetroffen sei", so Witt. Das Ergebnis des Anfang März dieses Jahres von der Kammer erbetenen Nachforschungsauftrags liege noch nicht vor. Die Frage, welche Konsequenzen das Landgericht Stralsund aus den Vorgängen ziehe, ließ der Sprecher unbeantwortet.

Die Endo-Klinik teilte gestern mit, dass man dort erstmals im Februar 2012 davon Kenntnis erhalten habe, dass angeblich Akten vor über einem Jahr zur Klinik geschickt worden sein sollen. "Das ist schon verwunderlich, dass man erst nach einem Jahr nachforscht und Originalakten nicht per Einschreiben versendet", sagte Geschäftsführerin Sibylle Stauch-Eckmann. Nach einem so langen Zeitraum sei es leider nicht möglich, von den Mitarbeitern, die in die Postabläufe eingebunden sind, genaue Erinnerungen an eine spezielle Sendung zu erhalten. Im Falle Elke Hönemanns hätten festgelegte Vertreterregelungen greifen müssen - unklar adressierte Sendungen würden demnach direkt an den Ärztlichen Direktor oder an die Geschäftsführung weitergeleitet. "Inzwischen haben wir alle Abteilungen in die Suche einbezogen und leider kein positives Ergebnis erhalten", bedauerte die Klinik-Geschäftsführerin.

Elke Hönemann hat nach eigenen Angaben unterdessen selbst zum Telefonhörer gegriffen. Das Ergebnis: Eine einfache Nachfrage bei dem beauftragten Postunternehmen ergab, dass die Unterlagen in der Hamburger Klinik angekommen sind. Dann verliert sich die Spur.

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