Terrorverdächtiger in Schwerin : „Gut, dass sie ihn erwischt haben“

Stadtteiltreff „Eiskristall“. Auch hier war die Festnahme Thema.
Stadtteiltreff „Eiskristall“. Auch hier war die Festnahme Thema.

Der 19-jährige Yamen A. wurde im Schweriner Stadtteil Neu Zippendorf festgenommen – die Bewohner sind eher unaufgeregt.

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01. November 2017, 20:55 Uhr

Berliner Platz, Neu Zippendorf. Wer nichts zu erledigen hat, der bleibt an diesem Novembertag lieber zu Hause, als sich nass rieseln zu lassen. „Hier ist nie viel los. Außer, irgendwer demonstriert hier oder einer will eine Bombe bauen“, sagt ein Mann mit stattlicher Figur und Fünf-Tage-Bart. Gleich um die Ecke wohne er, erzählt der Mittfünfziger und zeigt auf ein Hochhaus. Seinen Namen möchte er nicht sagen, dass er von seiner Etage beste Aussicht auf den ganzen Stadtteil hat schon. „Gestern waren hier mehr Polizisten als Einwohner“, übertreibt er. „Um den festzunehmen, hätten doch auch zwei Streifenwagenbesatzungen gereicht“, ist er sich sicher. Mit „den“, meint er den 19-jährigen Syrer, der tags zuvor in der Pankower Straße um 6 Uhr morgens festgenommen wurde, weil er unter Verdacht steht, einen Anschlag geplant zu haben. „Was für ein Aufwand. Aber egal. Gut, dass sie ihn erwischt haben.“

Mit dieser Meinung steht dieser Anwohner nicht alleine da. Auch im Stadtteiltreff Eiskristall war die Festnahme des Terrorverdächtigen heute Thema. „Die Leute unterhalten sich natürlich darüber“, sagt Stadtteilmanagerin Hanne Luhdo. Es sei verständlich, wenn sich Menschen sorgten, es gäbe aber keinen Grund, in Panik zu verfallen. „Wir machen mit unseren Veranstaltungen weiter wie bisher“, betont Luhdo. Der Verdächtige wurde verhaftet, das sei das Wichtigste.

„Die Behörden haben rechtzeitig gehandelt, Gott sei dank.“ Auch der Vorsitzende des Islamischen Bundes in Schwerin, Mohamed Dib Khanji, zeigt sich erleichtert. Er kenne den jungen Mann nicht, sagt er. „Solche Leute leben isoliert, geben sich nicht zu erkennen.“ Khanji wünscht sich mehr Sozialarbeiter, die sich um die Zuwanderer in der Stadt kümmern. „Warum bildet man nicht geeignete Flüchtlinge als Sozialarbeiter aus?“, fragt er.

Oberbürgermeister Rico Badenschier verteidigt die Flüchtlingspolitik in der Stadt. „Ich weiß, dass es nicht ganz unproblematisch ist, dass sich Flüchtlinge und Asylbegehrende in unserer Stadt in bestimmten Stadtteilen konzentrieren“, räumt Badenschier ein. Die Kommune konzentriere aber in diesen Stadtteilen ihre Anstrengungen zur Flüchtlingsbetreuung und Integration. „Und es gibt gerade dort viele ehrenamtliche Initiativen, die hervorragende Arbeit leisten“, so der OB.

„Die Stadt tut, was sie kann“, sagt der Sprecher der Schweriner Flüchtlingshilfe, Claus Oellerking. Irregeleitete Menschen gäbe es überall. Dennoch: „Wer echte Integration möchte, muss Bildung und persönliche Kontakte fördern“, erklärt Oellerking.

Am Berliner Platz hängt eine Ankündigung in einem Schaufenster. Der Ortsbeirat Zippendorf lädt am 8. November zur Sitzung ein. „Natürlich werden wir über die Ereignisse in der Pankower Straße reden“, sagt Beiratsmitglied Georg-Christian Riedel. Die Sorgen der Bürger müssten ernst genommen werden.

Kommentar von Michael Seidel: Hört das irgendwann auf?

Am frühen Morgen eine Terroristen-Verhaftung vor der Haustür in Schwerin. Spätabends der  Terroranschlag in New York. Weit weg.  Und doch so nahe. Die bittere Botschaft: Wir werden uns an die ständige Terrorgefahr gewöhnen müssen. Ein bisschen israelische Verhältnisse überall. Dagegen würde auch totale Abschottung wie zu DDR-Zeiten nichts helfen, die sich mancher wünscht.

Der „Club of Rome“ benannte schon 1972 die „Grenzen des Wachstums“. Das Wohlstandsgefälle zwischen „westlicher Welt“ und dem Rest der Zivilisation verfestigt sich noch. Sein jüngster Bericht  hieß „Der geplünderte Planet“.  Also werden  weiter Millionen Menschen in  bessere Lebensverhältnisse zu flüchten versuchen.

Was aber radikalisiert nun einen vor Krieg und Terror geflohenen Jugendlichen?  Terrorismusforscher sind sicher, dass junge Radikalisierte weniger eine Ideologie verbindet als das Gefühl, dass es in Deutschland keinen Platz für sie gibt. Der IS schöpfe diese Enttäuschten-Mentalität ab, indem er all das Begehrte biete: Gemeinschaft, Aufmerksamkeit und ein Gefühl der Überlegenheit. Experten, die  Familien radikalisierter Kinder beraten, glauben sogar, dass solche  Jugendlichen genauso gut bei gewalttätigen Tierschützern, Linksextremisten oder Neonazis landen könnten. Nur sei der „Pop-Dschihad“ derzeit hipper und passender für die Suche nach Bestätigung.

Insofern helfen nur: aufmerksame  Sicherheitsbehörden. Und  offensive Integration. So dürfte es nicht passieren, dass „alleinreisende Jugendliche“ durch alle Raster fallen, sobald sie volljährig sind. Genau das aber passiert. 

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