zur Navigation springen

Flüchtlinge in MV : Großer Bruder und Ersatzvater

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tino Schwarzrock aus Wismar kümmert sich ehrenamtlich als Vormund um den 16-jährigen Syrer Ahmad – der Regelfall ist solch eine individuelle Betreuung nicht

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Ahmad ist 16 – und wie viele Jugendliche in diesem Alter hält er nicht immer etwas davon, wenn ihm Erwachsene Vorschriften machen. Wenn Tino Schwarzrock ihm etwas sagt, ist das anders: Zwar ist der Wismarer der Vormund des jungen Syrers, doch weil er selbst erst 31 Jahre alt ist, ist ihr Verhältnis eher ein freundschaftliches. „Ahmad selbst sagt immer, ich sei wie ein großer Bruder für ihn“, erzählt der Wismarer. „Neulich sagte er allerdings auch mal, ich sei wie sein Vater“, setzt er augenzwinkernd hinzu.

Zusammengeführt hat die beiden jungen Männer ein Zufall. Tino Schwarzrock, der selbstständig als Finanz- und Versicherungsmakler arbeitet, führt außerdem die Geschäfte der Fraktion von Grünen und FDP in der Wismarer Bürgerschaft und der Kreistagsfraktion Grüne/Liberale/Familie im Nordwestkreis. So ist er breit vernetzt – und wurde auch umgehend darüber informiert, als im letzten Herbst in Wismar die erste Notunterkunft für Flüchtlinge eröffnet wurde. Eine Mitarbeiterin des DRK , das die Einrichtung betreute, fragte damals spät abends bei Tino Schwarzrock an, ob er arabisch sprechende Dolmetscher besorgen könne. Nach einigen Telefonaten – bei denen er tatsächlich Sprachmittler organisieren konnte – fuhr er dann selbst in die Notunterkunft. „Auch an den nächsten Tagen habe ich versucht, mich dort nützlich zu machen, und dabei auch die beiden unbegleiteten minderjährigen Jungen kennengelernt, die zu den insgesamt 50 Flüchtlingen gehörten.“ Irgendwann hätte er den Jugendlichen erklärt, was jetzt auf sie zukäme: Das Jugendamt würde sie in Obhut nehmen und in speziellen Wohngruppen unterbringen. Parallel dazu würde es die Bestellung von Vormündern in die Wege leiten, in der Regel seien das Mitarbeiterinnen des Jugendamtes.

Ahmad hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Jahre lang ohne seine Familie in der Türkei gelebt. Er hatte, seit er 13 war, dort gearbeitet und den Eltern, die mit seinen vier Geschwistern bis heute in Syrien leben, Geld geschickt. „Die Aussicht, unter Amtsvormundschaft gestellt zu werden, empfand er da natürlich als Bevormundung“, erinnert sich Tino Schwarzrock. Irgendwann hätte der Junge dann zaghaft gefragt: „Kann das nicht einer von euch machen?“

Er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, viel über die Pflichten eines Vormunds gelesen und sich beim Flüchtlingsrat beraten lassen, bevor er zusagte, so Schwarzrock. „Es ist ja so, dass ein Amtsvormund ganz anders mit dem Sozialrecht vertraut ist und deshalb einem Jugendlichen möglicherweise viel besser dabei helfen kann, Ansprüche durchzusetzen – oder überhaupt erst einmal zu erkennen.“ Der Vorteil einer ehrenamtlichen Vormundschaft liege dagegen darin, sehr viel individueller auf den Minderjährigen eingehen zu können. „Denn laut Gesetz darf ein Amtsvormund bis zu 50 Kinder und Jugendliche gleichzeitig betreuen“, weiß Tino Schwarzrock. Ein Ehrenamtler dagegen darf theoretisch bis zu elf Schützlinge unter seine Fittiche nehmen, praktisch kümmert er sich aber meist nur um einen oder zwei Kinder oder Jugendliche.

Auch der Wismarer wird demnächst noch für einen zweiten syrischen Jungen die Vormundschaft übernehmen. Und er hat in Wismar und Umgebung bereits weitere Interessenten gewonnen, die sich ebenfalls ehrenamtlich um Jugendliche kümmern wollen, die ohne Angehörige nach Deutschland geflohen sind.

Der Aufwand sei vertretbar, denn es sei längst nicht so, dass er Ahmad täglich sieht, erklärt Tino Schwarzrock. „Da richte ich mich vor allem nach seinem Redebedarf.“ Über Whatsapp hätten beide aber nahezu täglich Kontakt, so dass er immer darüber auf dem Laufenden sei, was der Junge gerade mache. Zu einigen Fragen würden ihn auch die Betreuer aus Ahmads Wohngruppe zu Rate ziehen, denn als Vormund hat er neben dem Erziehungs- auch das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Da heißt es dann für ihn auch schon mal Nein zu sagen, wenn der 16-Jährige mitten in der Woche abends zu einer Party gehen will. Dem guten Verhältnis der beiden zueinander hat das keinen Abbruch getan.

Auch für die Gesundheitssorge ist Tino Schwarzrock als Vormund zuständig. So hat er ein Schreiben vom Landkreis besorgt, das Ahmad, als er jüngst zum Arzt und dann sogar ins Krankenhaus musste, als Versicherungsnachweis vorlegen konnte. „Denn eine elektronische Gesundheitskarte hat er noch nicht – obwohl es eigentlich einen Vertrag des Landkreises mit der AOK gibt, in dem die Ausgabe solcher Karten zumindest für unbegleitete minderjährige Ausländer geregelt ist“, betont Schwarzrock.

Das ist nicht der einzige Punkt, mit dem er unzufrieden ist. Ein weiterer ist die schleppende Antragsbearbeitung: Schon im September habe Ahmad seinen Asylantrag gestellt, doch zur „erkennungsdienstlichen Behandlung“ sei er erst für den 15. Februar nach Horst eingeladen worden. Bei ausländischen Kindern und Jugendlichen, die nach dem 1. November, also nach der Verschärfung des Asylrechts, nach Deutschland gekommen seien, werde sich das Verfahren sogar noch mehr in die Länge ziehen, fürchtet Schwarzrock. „Ahmad durfte den Asylantrag im September noch selbst stellen. Nach dem heute geltenden Recht muss das ein Vormund tun. Um dessen Bestellung auf den Weg zu bringen, hat das Jugendamt aber schon mal einen Monat Zeit. Dann vergehen je nach Gericht noch mal mehrere Wochen oder sogar Monate bis zur Bestellung…“ Gerade für ältere Jugendliche, die ihre Familien nachholen möchten, könne so wertvolle Zeit verloren gehen. Bei Ahmad ist das zum Glück nicht der Fall. Er kann sich auch gar nicht vorstellen, dass seine stark in ihrer Kultur verwurzelten Eltern hier heimisch werden könnten. Seine beiden Brüder allerdings würde er gerne nachholen.

Doch das ist Zukunftsmusik. In der Gegenwart bereitet sich Ahmad erst einmal darauf vor, ab 8. Februar ein Berufsvorbereitungsjahr für Ausländer zu besuchen. „Ich hätte mir gewünscht, dass er dort schon im Herbst eingestiegen wäre. Aber als wir uns kennenlernten, lief der Kurs bereits mehrere Wochen“, so Tino Schwarzrock. Er hätte dann alle Standortschulen abtelefoniert, um den 16-Jährigen in einer Deutsch-als-Zweitsprache-Klasse unterzubringen. „Aber für diese Klassen wurden überall maximal 15-Jährige genommen“, wundert sich der Vormund. Letztlich habe er Ahmad deshalb in einem „Willkommenskurs“ angemeldet, in dem er jetzt Deutsch lernt – zusammen mit anderen, ständig wechselnden Flüchtlingen, die zum Teil älter als seine Eltern sind. „Aber wenn er 18 ist, will Ahmad genauso gut Deutsch sprechen wie 18-jährige Deutsche, hat er mir versichert. Und er weiß auch schon ganz genau, was er später werden will: Kfz-Mechaniker“, erklärt Tino Schwarzrock – und wirkt dabei so stolz wie ein Vater.

Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserer Webseite haben wir unter diesem Text die Kommentarfunktion deaktiviert. Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Kommentare, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Wir bitten um Verständnis.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen