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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 14:21 Uhr

Sommer 1958 : Große Wäsche in Zarrentin

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Erinnerung an den Sommer 1958 - als Wäschewaschen noch die ganze Familie beschäftigte und tagelang dauerte

Strahlend blauer Himmel begrüßt mich an einem Sommermorgen, als ich von der Küche auf unseren gepflasterten Hof laufe. Aber der sieht heute ganz anders aus. Große weiße Bettlaken, Bett- und Kopfkissenbezüge mit Spitzeneinsätzen, Hand- und Geschirrtücher, Tischdecken groß und klein, Servietten, Gardinen, kleine Taschentücher, Waschlappen, Schürzen, flattern lustig im Wind. Die vielen gespannten Wäscheleinen, mit den fest geklammerten Wäschestücken lassen auf der großen Hoffläche kleine Gässchen entstehen. Ich erinnere mich noch genau daran, welchen großen Spaß es mir als 7-jähriges Mädchen machte, durch diese „Wäschegässchen“ zu laufen. Wenn der Wind kräftig blies, dann machte er aus den schlaff hängenden großen Bettbezügen dicke aufgeblähte Segel. Aus dem braun glasierten Schornstein des ziegelroten Waschhauses quillt Dampf, der so dicht ist, dass ich meine Mutter, die am Türeingang steht, kaum erkenne. Sie hat ein verschwitztes Gesicht und verquollene dicke Hände. Ein buntes Baumwollkopftuch verhüllt ihre kurze Lockenfrisur. Sie beugt sich über einen aufgebockten großen Wäschekorb aus Weidengeflecht, in den sie nasse Unterwäschestücke legt. Vorher sind diese im Waschkessel mit der Waschlauge heiß gekocht worden. Mit dem damaligen Waschmittel WOK aus dem VEB Waschmittelwerk Genthin. „Kochen Sie Ihre Wäsche mit WOK, das geht schneller! WOK in etwas heißem Wasser auflösen, diese Lösung in das kalte Wasser geben, Wäsche trocken einlegen, anheizen, 5 Minuten kochen und 10 Minuten ziehen lassen“, empfiehlt ein Werbetext des Herstellers.
Ein Handziehwagen wird aus dem Kohlenschuppen gerollt. Ein typisches und unentbehrliches Transportmittel der 1950er Jahre. Denn wer besaß damals schon ein Auto? Meine Mutter zieht die Wäschefuhre über den holprigen, gepflasterten Hof in den Kirchenweg. Meine Schwester und ich schieben die nasse Ladung von hinten an. Es geht in Richtung Kirche, deren große Flügeltüren ausnahmsweise weit geöffnet sind, denn heute findet die nasse Fußbodenreinigung statt. Das Wischwasser stammt aus dem großen Schaalsee, einem 71 Meter tiefen, kalkhaltigen See aus der Eiszeit. In seinem Wasser spülen auch wir heute unsere Wäsche. Neben alten Bäumen, Sträuchern, Hecken und Uferwiesen sind hier die Angler zu Hause mit ihren reetgedeckten Holzschuppen, Angelstegen und Brücken. Diese Holzarchitektur ist typisch für die Mecklenburger Seenlandschaft. Meine Schwester und ich laufen auf unseren altbekannten Bootssteg, der gleich hinter einer alten knorrigen Weide etwa acht Meter ins Wasser führt. Sein breiter Brückenkopf war in den 1920er Jahren eine Anlegestelle für Bootsausflüge in den westlichen Teil des Sees, nach Groß Zecher und Seedorf, damals BRD. Vor uns lässt die Mittagssonne eine silbrig glitzernde Wasserfläche entstehen, die vom hellen Grün des Schilfgürtels umrahmt wird. Der Wäschekorb wird auf den Steg gezogen. Stück für Stück spült meine Mutter die gereinigte weiße Unterwäsche im See. Dabei beugt sie sich tief vom Brückenkopf herunter und zieht langsam die Wäsche durchs grünlich scheinende Wasser. Am Seegrund sehen wir kleine Fischschwärme hin und her huschen. Plötzlich ruft unsere Mutter ganz aufgeregt: „Holt schnell einen langen Stock! Mir ist die Unterhose ins Wasser gefallen.“ Doch so schnell können wir einen langen Stock nicht finden. Als wir dann später mit einem Kastanienast ankommen, ist die lange, weiß gerippte Unterhose unseres Vaters bereits von der Strömung im See abgetrieben. In Richtung Westen, ins kapitalistische Ausland. Meine Mutter ist verzweifelt und jammert: „Wo soll ich wieder eine neue Hose kaufen?“ In den 1950er Jahren war der Kauf von Baumwollwäsche in den HO- und Konsumgeschäften besonders schwierig, da der DDR-Außenhandel Baumwolle nicht in den ausreichenden Mengen importieren kann.

Heute ist Wäschewaschen weniger aufwendig als noch vor 50 Jahren, wo man mindestens zwei Tage brauchte, um die verschmutzte Familienwäsche zu reinigen. Heute wäscht man mehrmals die Woche. Die Handarbeit übernimmt die vollautomatische Waschmaschine. In die nach einem gewählten Waschprogramm, Buntes, Weißes, Feines, Wolle oder Jeans hinein kommen. Der Wasserhahn wird aufgedreht, es kommt Waschpulver dazu und nach dem Druck auf ein Knöpfchen geschieht Wäschewaschen so ganz von allein und nebenbei.

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