Größte Pannen-Piste im Norden

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11. September 2012, 01:41 Uhr

Schwerin | Baumängel auf der A 20: Nach Brüllbeton und Asphaltblasen sorgen jetzt Risse und Ausbrüche auf der erst vor sieben Jahren komplett für den Verkehr freigegebenen Ostseeautobahn für Stress. Mit Millionenaufwand müssen inzwischen kilometerlange Trassenabschnitte erneuert werden. Jüngster Fall: Zwischen Grevesmühlen und Schönberg rücken ab Montag Fräsen, Walzen und Asphaltfertiger an, um auf großen Teilen des etwa 19 Kilometer langen Abschnitts zwischen Grevesmühlen und Schönberg die Straßendecke zu erneuern.

Das größte Straßenneubauprojekt der vergangenen 20 Jahre hat sich inzwischen zur größten Pannenautobahn in Norddeutschland entwickelt. "Es gibt keine andere Autobahn im Norden, auf der so viele Probleme in so kurzer Zeit auftreten", meint Christian Schäfer, Technik- und Verkehrschef des ADAC Hanse in Hamburg. Die immer wieder festgestellten Defekte dürften normalerweise nach so kurzer Benutzungsdauer nicht auftreten. Da deute vieles auf mangelhafte Bauausführungen hin, meinte Schäfer.

Die insgesamt 323 Kilometer lange Ostseeautobahn mit ihren 320 Brückenbauwerken war nach elfjähriger Bauzeit und Investitionen von knapp zwei Milliarden Euro erst Ende 2005 komplett für den Verkehr freigegeben worden. Nur wenige Jahre später häufen sich auf der Problem-Piste die Schadensmeldungen. So führte beispielsweise die Ende 2004 durch den so genannten Besenstrich quer angeraute Betonbahn nahe Schönberg zu extremen Lärmbelastungen. Nur wenige Monate nach der Verkehrsfreigabe musste der Brüllbeton mit einer Bitumendecke überzogen werden. Nicht genug: Baupfusch führte nur Monate später wie auch in den Folgejahren zu handtellergroßen Hitzeblasen, die kostenaufwändig beseitigt werden mussten. Für die Straßenbauverwaltung ist es normale Abnutzung, für Baufachleute gibt es deutliche Hinweise auf Baumängel: So halten Asphaltstraßen bei normaler Belastung 30 Jahre und länger, die Deckschichten bis zu 15 Jahre, meint Professor Frohmut Wellner, Straßenbauexperte an der Technischen Universität Dresden. Andere Experten geben den Deckschichten je nach Verkehrsbelastung bis zu 20 Jahre. In Grimmen hingegen musste im Sommer bereits nach noch nicht einmal sieben Jahren die Fahrbahn auf einer Länge von sieben Kilometern erneuert und eine Schwarzdecke aufgezogen werden. Der Abschnitt Grevesmühlen wird nach zwölf Jahren erneuert. Der Grund: Im Asphalt hätten sich durch die übliche Abnutzung kleine Risse gebildet, begründeten die Straßenbauer. Verkehrsexperten sind verwundert: Die Autobahn 20 musste in den vergangenen Jahren deutlich geringere Verkehrbelastungen ertragen als ursprünglich erwartet. Die Bauplaner der A20 hatten die Trasse einst für 22 400 bis 59 000 Fahrzeuge täglich konzipiert. Tatsächlich benutzen derzeit gerade einmal 9400 Autos auf dem Abschnitt Pasewalk und bis 31 000 Fahrzeuge in Höhe Rostock die vierspurige Straße, ergab die jüngste Verkehrszählung der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt).

Die Probleme scheinen in den kommenden Jahren noch größer zu werden: Die Streckensanierung nahe Grimmen und Grevesmühlen seien die ersten Erneuerungsarbeiten auf der A 20, teilte das Verkehrsministerium gestern mit. Nur: Fachleute haben offenbar inzwischen Anzeichen dafür, dass das eingesetzte Material nicht so lange hält, wie gedacht. So zeige sich im Verlauf der gesamten A 20 "das generelle Problem der vorzeitigen Bitumenalterung", so das Verkehrsministerium. Der Autobahn hätten vor allem die strengen Winter der vergangenen Jahre kräftig zugesetzt. Die extreme Kälte habe zu einer hohen Belastung der Baustoffe und zu Rissen und Ausbrüchen geführt. "Durch verschiedene, wissenschaftlich noch nicht eindeutig identifizierte Prozesse treten beim Bindemittel Alterungs erscheinungen auf, die zu einer Versprödung und Verhärtung des Bitumens führen", heißt es beim Ministerium.

Autofahrern und Steuerzahlern stoßen die Baumängel sauer auf: Die Sanierungsarbeiten führten zu unnötigen Behinderungen, meint ADAC-Experte Schäfer. Allein am Abschnitt Grimmen kam es einen Monat lang zu Einschränkungen. Zudem belasten die Reparaturen den Verkehrshaushalt: Die Erneuerung der beiden Teilstücke Grimmen und Grevesmühlen kostet drei Millionen Euro. Weitere Kosten für Erhaltungsmaßnahmen: 600 000 Euro jährlich.

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