Festspiele MV mit Julia Fischer : Grenzen sprengen

Julia Fischer teilt sich ihre kostbare Zeit gut ein.
Julia Fischer teilt sich ihre kostbare Zeit gut ein.

Star-Geigerin Julia Fischer hat ihre Konzerte reduziert – für die Festspiele kommt sie jedoch gern in den Norden

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19. Juli 2018, 12:00 Uhr

Maximal 60 Konzerte im Jahr – „mehr will ich aus familiären Gründen nicht spielen“, sagt Julia Fischer. Statt auf ausgedehnte Tourneen durch die Welt konzentriert sich die 35-jährige Star-Geigerin aus Gauting derzeit lieber auf ihre Familie und bemüht sich nach ihren Konzerten rasch wieder nach Hause zu kommen. Vor ihrem heutigen Wismarer Konzert mit der Deutschen Streicherphilharmonie unter Michael Sanderling hat Christoph Forsthoff die heimatverbundene Musikerin („In Bayern ist es einfach am schönsten!“) getroffen.

Ihr Mann ist Journalist – schult er Sie für Interviews, um ja keiner Frage auf den Leim zu gehen und nicht zu viel zu erzählen?
Julia Fischer (lacht): Ehegeheimnis… wahrscheinlich würde mein Mann jetzt sagen, dass es nicht möglich sei, mich zu schulen.

Sie haben jüngst ein neues Internetportal gestartet – was ist die Idee dieses „JF Clubs“?
Vor allem ist die Idee des Clubs, Grenzen zu sprengen und Barrieren abzubauen, die viele Menschen haben, wenn sie ins Konzert gehen wollen.

Eben dies versuchen Sie dort in Video- und Text-Beiträgen – lässt sich so wirklich das Interesse etwa für unbekannte Werke steigern?
Vor 200 oder 300 Jahren gab es sehr viele Leute, die neugierig waren auf die jeweils neue Sinfonie von Beethoven, Mozart oder Haydn. Darüber wurde in der Stadt gesprochen, man freute sich auf die neue Oper – wenn ich heute sage, ich spiele wie jetzt in Wismar das Violinkonzert von Andrey Rubtsov, dann heißt es: „Ach verdammt, warum spielst Du denn nicht Tschaikowsky?“ Und eben das möchte ich über meine Web-Plattform wieder umdrehen, um dann zu hören: „Interessant – wer ist das? Was ist das Spannende an dem Stück?“

Ein ziemlich aufwendiges Projekt – haben Sie so viel Zeit?
Die nehme ich mir natürlich woanders her. So bin ich weder auf Twitter noch auf Instagram, kümmere mich auch nicht selbst um meine Facebook-Seite – denn was ich vermeiden möchte, ist Oberflächlichkeit. Ich möchte nicht einfach einen Gedanken haben, den ich gleich in die Weltgeschichte poste, weil ich denke, das sei mal wieder Gold, was aus meinem Mund kommt… (lacht)

Für unbedeutend halten Sie offenbar auch CD-Einspielungen bei Klassik-Labels – werden Sie tatsächlich keine klassischen CDs mehr aufnehmen?
Ja.

Nun geht mit einer CD-Aufnahme bei einem Label ja auch entsprechende PR einher. Auf die Sie nun künftig verzichten müssen – brauchen Sie keine PR mehr?
Ich verzichte ja nicht darauf, denn die Presse berichtet ja nicht, weil ich eine CD aufgenommen habe, sondern da ich etwas zu erzählen habe. Und Sie sitzen ja auch hier (lacht)…

Ist der CD-Markt tot?
Tot ist er natürlich nicht, doch der CD-Markt im herkömmlichen Sinne wird nicht überleben. Es gibt einen Aufnahmemarkt, der riesig ist und auch riesig bleiben wird – aber von der Idee der CD werden wir uns verabschieden. Das Problem ist ja auch: Nehme ich eine CD auf, bin ich limitiert auf eine Spielzeit zwischen 60 und 80 Minuten – ein völliger Quatsch in der heutigen Zeit! Warum kann ich nicht einfach nur das Mendelssohn-Violinkonzert aufnehmen?

Weil es eben nur 30 Minuten einer CD füllt…
Stattdessen muss ich mir dann unbedingt ein zweites Werk ausdenken, das dazu passen muss. Im Idealfall für die Marketingleute noch mit einer Story dahinter, warum jetzt gerade diese beiden Werke – dadurch wird man doch in eine Zwangsjacke gesteckt!


Konzert: Heiligen-Geist-Kirche in Wismar, heute 19.30 Uhr, Restkarten (30-50 Euro) an der Abendkasse
 

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