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Kein Geld für Sanierungen in der Unesco-Welterbestadt Stralsund : Gravierende Schäden an Kathedralen

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Gut 40 Meter über Stralsunds Altem Markt greift den Männern auf dem Dach der Nikolaikirche eine kräftige Brise in die Montur. Vorsichtig rutscht Erich Durhack über die glänzende Abdeckung, um eine Kupfertafel anzunageln.

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erstellt am 09.Mär.2012 | 10:20 Uhr

Stralsund | Gut 40 Meter über Stralsunds Altem Markt greift den Männern auf dem Dach der über 700 Jahre alten Nikolaikirche eine kräftige Brise in die Montur. Vorsichtig rutscht Erich Durhack über die matt glänzende Abdeckung, um eine neue Kupfertafel anzunageln. Der "Flecken", den der Bauklempner mit Sohn Norbert in einer ersten Baustufe auf dem Dach der ältesten Stralsunder Pfarrkirche erneuert, ist etwa halb so groß wie ein Fußballfeld, aber er ist erst der Anfang. Denn die zuletzt in den 1970er Jahren ersetzten Blechscharen haben schon Risse, durch die Regenwasser ins Dachgebälk eindringt.

"Es war ein Schock", erinnert sich Pfarrer Hanns-Peter Neumann an jenen Moment, als ihm im vergangenen Jahr ein Gutachter aus Friedland von seinen Befund im Dachstuhl berichtet hatte. Von feuchten Flecken, morschen Balkenköpfen, Hausschwamm und einer dringend erforderlichen Kompletteindeckung war im Schadensbericht zu lesen. "Uns war sofort klar, dass jetzt riesige Summen auf uns zukommen", sagt Neumann, der schon den früheren US-Präsidenten George W. Bush und erst kürzlich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Chef der EU-Gruppe, Jean-Claude Juncker, stolz durch seine Kirche führte. Plötzlich scheinen die Sanierungsfortschritte der letzten Jahre im Kircheninnern gefährdet. Allein die Dachsanierung wird 3,9 Millionen Euro kosten.

Kaum geringer sind die Sorgen von Dieter Bartels, Gemeindekirchenrat in der mächtigen Marienkirche. Im Hohen Chor der Basilika drohe der neogothische Stuck abzufallen, sagt er. "Die Küster mussten schon auf ein Hubgerüst klettern und besonders lose Teile abklopfen." Um Schlimmeres zu verhindern, sei ein Netz gespannt worden. Die Reparatur könnte ein Jahr dauern. Und es sei zu befürchten, dass während dieser Zeit keine Trauungen vor dem Altar stattfinden könnten. Bauexperten schätzen den Sanierungsbedarf auf 5,7 Millionen Euro. Die Kirchenkasse ist fast leer. Bislang sind Baukosten über gerade mal 500 000 Euro finanziell gedeckt.

An chronischem Geldmangel leidet auch Stralsunds dritte mächtige Basilika - die zu DDR-Zeiten als Bau- und Möbellager und inzwischen als Kulturraum genutzte Jacobikirche. Seit neun Jahren organisiere das Kreisdiakonische Werk in dem Gotteshaus Konzerte, Theatervorführungen und Ausstellungen, sagt Gerd Meyerhoff, Vorsitzender der Stiftung Kulturkirche. Aber selbst Highlights wie die Präsentationen von Originalen von Friedensreich Hundertwasser und Hermann van Veen spielten maximal genügend Geld für den Kulturbetrieb ein. Vor einigen Jahren hatte die Stadt mit einem Teil der Erlöse aus einem Klinikverkauf Sanierungsprojekte in St. Jakobi unterstützt.

Derzeit stehen aus dem Welterbe-Programm des Bundes 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Die vier Mittelschiffsjoche müssten unbedingt ausgebessert und Risse in den Kapellen geschlossen werden, sagt Meyerhoff. "Und außerdem möchten wir irgendwann die alte Mehmel-Orgel wieder zum Spielen bringen." Insgesamt schlagen dafür drei Millionen Euro zu Buche, hieß es.

Die Instandsetzung der drei Backsteinkathedralen könne von der Stadt, die keinen ausgeglichenen Haushalt habe, allein nicht geschultert werden, sagt Stralsunds Bauamtsleiter Dieter Hartlieb. "Wir müssen dringend den Bund, das Land, die Stiftungen und möglichst auch Sponsoren an einen Tisch bringen, um Verluste in den Kirchen der Unesco-Weltkulturerbe-Stadt noch zu verhindern."

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