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Mecklenburg-Vorpommern

16. Dezember 2017 | 21:49 Uhr

Parchim : Graciano hat sein Lachen wieder

vom

Graciano strahlt auf der Kinderstation der Asklepios Klinik. Groß, fast schwarz sind seine Kulleraugen. Am Anfang war da kein Lächeln, sondern nur Scheu, Angst und Schmerz.

svz.de von
erstellt am 31.Jan.2012 | 12:18 Uhr

Parchim | Graciano strahlt, als wir ihn in diesen Tagen auf der Kinderstation der Asklepios Klinik in Parchim besuchen. Groß, fast schwarz sind seine Kulleraugen, aus denen kindlicher Schalk blitzt und die so unendlich dankbar dreinblicken. Am Anfang war da kein Lächeln, da waren in genau diesen Augen nur Scheu, Angst und Schmerz zu lesen. Dr. Dr. Rüdiger Wenzel, Chefarzt der Orthopädie/Unfallchirurgie, hat die Wandlung des kleinen Angolaners miterlebt. Hautnah. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist der 22. November 2011, als der schmächtige Junge in die Parchimer Klinik eingeliefert wird. Acht Jahre mag er sein, vielleicht auch neun. Niemand kann es genau sagen. Auch Graciano nicht. Er spricht kein Wort deutsch. Fakt ist aber: Sein linker Unterschenkel ist zertrümmert, das Bein vereitert. "Knochen, Muskel, Haut - all das war nur noch totes, stinkendes Material. Im Bruch selbst steckte ein weiterer Knochen, der nicht vom Jungen war", schildert Dr. Wenzel Gracianos Status am Tage der Ankunft. "Die Verletzung war so massiv, dass die Frage der Amputation stand… Und das bei einem Achtjährigen." Gemeinsam mit den Chefärzten von Pädiatrie und Chirurgie entschied der Unfallchirurg anders: "Wir wollten alles versuchen, das Bein des Kleinen zu erhalten. Also haben wir zunächst alles tote Material entfernt, dann die fortgeschrittene Infektion behandelt und schließlich begonnen, den Knochen wieder aufzubauen." Mit Hilfe der wohl konventionellsten Methode: Den zerstörten Knochen aus eigenem Knochenmaterial wachsen zu lassen. Eine langwierige Behandlung, die bald erste Erfolge erkennen ließ und orthopädisch flankiert wurde. "Um sicherzustellen, dass sein Bein freischweben konnte, das Knochenwachstum nicht durch die Gewichtsbelastung gestört wird, fertigten wir für Graciano eine individuell justierbare Ganzbein-Orthese an", erklärt Sven Rohde, Orthopädietechnikmeister und Geschäftsführer des Sanitätshauses Hofmann.

Je nach schwere der Verletzung und wie der Körper reagiert, dauert diese Art der Behandlung wenige Wochen bis etwa anderthalb Jahre. Nach zwölf Wochen hat Graciano sein Lachen längst wiedergefunden, spricht einige Brocken deutsch - vor allem aber: Endlich kann er auf eigenen Füßen über die Flure der Pädiatrie marschieren. Mit angeschnallter Orthese und Armstützen erlauben es ihm die Ärzte. Wenn sie oder die Schwestern mal nicht hinschauen, versucht es der Kleine, der die Ärzte und Schwestern längst in sein Herz geschlossen hat, gerne auch ohne. "Ist doch klar, er ist eben ein Kind", schmunzelt Wenzel wissend. Und es ist in Ordnung für ihn, denn Gracianos Heilung macht große Fortschritte.

Nicht mehr lang, dann wird der Junge nach Angola zurückkehren. Was ihn dort erwartet, wissen die Ärzte nicht. Nur, dass er über die gleichen "Kanäle", die ihn Ende November nach Parchim brachten, wieder in seine afrikanische Heimat zurückgelangt: Das Friedensdorf International wird auch diesen Transport organisieren. Es wird ein Sammeltransport mit anderen kleinen Patienten aus Angola sein, die wie Graciano das Glück hatten, im Ausland behandelt zu werden. Das Friedensdorf ist eine private Hilfsorganisation, die ihren Sitz in Oberhausen hat und sich um schwerkranke und schwerverletzte Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten kümmert. Sie arbeitet mit den NGOs, den nationalen Gesundheitsorganisationen zusammen, organisiert die Transporte der Kinder und deren Behandlung in Krankenhäusern.

Vor etwa zehn Jahren hatte sich auch Dr. Wenzel in den Dienst dieser sozialen Hilfe gestellt, und seit damals übernimmt auch der Förderverein der Klinik die Kosten für Operationen, die Medikation, Physiotherapien, Nachbehandlungen… ähnlich wie er es auch bei zahlreichen anderen sozialen Projekten tut. Zwei bis vier Kinder wie Graciano kommen jährlich nach Parchim; 30 bis 35 werden es in den letzten zehn Jahren gewesen sein. Ganz genau weiß es Dr. Wenzel nicht. "Ich denke, wichtig ist allein die Hilfe. Der Kleine hätte in seiner Heimat vielleicht keine Chance gehabt…"


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