Pflanzenschutzmittel : Glyphosat – bequem und gefährlich

Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln.
Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln.

Wissenschaftlerin: Umstrittener Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln ist Antibiotikum. Kritiker tragen Fakten zusammen

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04. April 2018, 21:00 Uhr

Pflanzenschutz mit Hilfe von Glyphosat ist für den Landwirt bequem: Nach der Ernte zum Beispiel wird das Mittel Roundup gespritzt, Beikräuter sterben ab. „Nach 30 Tagen ist das Feld wieder zur Bestellung bereit“, sagt die Fachgebietsleiterin für Ökologischen Pflanzenschutz an der Universität Kassel-Witzenhausen, Maria Finckh.

Der Landwirt muss nicht pflügen oder Zwischenfrüchte aussäen. Aber der Preis für diese Arbeitserleichterung ist hoch und von Menschen, Tieren und Pflanzen zu zahlen.

Glyphosat war das Thema eines Treffens der 13 gentechnikfreien Regionen Mecklenburg-Vorpommerns gestern in Dalwitz (Landkreis Rostock). Der Gastgeber, der Ökolandwirt Heinrich Graf von Bassewitz, meint: „Die Landwirte machen sich zu wenige Gedanken, weil wir einfache chemische Lösungen haben.“

Im Unterschied zum Bundesinstitut für Risikobewertung hält die Kasseler Professorin den Wirkstoff Glyphosat für ein Antibiotikum. Das gehe schon aus dem amerikanischen Patent hervor, und es gebe eine Reihe von Belegen. So wurden in vielen Gewässern multiresistente Erreger festgestellt. Auch auf Äckern, die mit dem Mist von Vieh gedüngt wurden, das keine Antibiotika erhalten hatte, fanden sich Antibiotika-Resistenzen, wie die Wissenschaftlerin berichtet. Das könne mit Rückständen von Glyphosat in Futter und Stroh zu tun haben. Auch nimmt sie an, dass Glyphosat Kreuzresistenzen auslöst, gegen Penicillin und Reserveantibiotika.

Finckh kritisiert, dass vom Bundesinstitut für Risikobewertung Glyphosat isoliert untersucht worden sei. Die für Organismen schädliche Wirkung entfalte sich aber erst zusammen mit anderen Hilfsstoffen in den Pflanzenschutzmitteln. Die Hilfsstoffe würden die toxische Wirkung verstärken, etwa auf menschliche Embryozellen. Das giftige Abbauprodukt des Glyphosats, Ampa, führe zu Nervenkrankheiten, Krebs, Leber- und Nierenschäden und reduziere die Fruchtbarkeit. Die Giftwirkung wird Finckh zufolge auch mit Krankheiten wie Alzheimer, Multipler Sklerose und Parkinson in Zusammenhang gebracht.

„Das gehört untersucht“, fordert sie. Bisher sei Glyphosat nicht gründlich getestet worden. Es wirkt Finckh zufolge auch als Pseudohormon, also wie ein Hormon, in allerkleinsten Mengen. Zuerst seien die Landwirte selbst gefährdet.

Der Europaabgeordnete Arne Gericke (Freie Wähler) aus Mecklenburg-Vorpommern gehört dem Sonderausschuss Glyphosat im Europa-Parlament an. Angesichts der Möglichkeit, mit Glyphosat die Ernte zu verdoppeln, „wird die Gefahr übersehen, die in dem Stoff steckt“, sagt der Politiker. „Wir dürfen uns nicht auf die Informationen der Konzerne verlassen.“

Die Ergebnisse des Sonderausschusses werden vielleicht keine Erleichterungen für die Landwirte bringen, meint er. Sie sollen dem Parlament nach neun Monaten vorgelegt werden. Die Bauern müssten wohl auf alte Methoden zurückgreifen.

Im Ökolandbau ist Glyphosat ohnehin verboten. Wie Bassewitz berichtet, bekämpft er das Unkraut mechanisch, mit der richtigen Fruchtfolge. Finckh berichtet außerdem von weniger Unkraut bei einer dichteren Aussaat, den richtigen Zwischenfrüchten oder der Züchtung neuer Getreidesorten.

Sie fordert einen Ausstieg über mindestens zwei bis drei Jahre. Die Berufsschulen müssten die Methoden, mit denen auf Glyphosat verzichtet werden kann, wieder lehren. Um Zwischenfrüchte anzubauen, werde entsprechendes Saatgut gebraucht.

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