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Glück zwischen Erbsen, Teich und Gartenlaube

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erstellt am 26.Jul.2013 | 06:59 Uhr

Parchim | Daran hätte Simona Bierbaum vor Jahren nicht gedacht: Ein Garten, gar noch mit einem kleinen Teich? Nee, das macht Arbeit, da macht man sich die Hände schmutzig, habe sie damals gedacht. "Wenn du jünger bist und in der Stadt aufgewachsen bist, hast du dafür keinen Sinn", blickt die 44-Jährige zurück. Heute will die junge Parchimerin davon nichts mehr wissen. Simona Bierbaum hat den Kleingarten entdeckt: Seit sie vor gut einem halben Jahr zusammen mit ihrem Mann eine 400-Quadratmeter-Parzelle in der Sparte "Am Kamp" in Parchim übernommen hat, mag sie ihr kleines Paradies nicht mehr missen - Auszeit zwischen Erbsensträuchern, Birnbaum, Teich und Gartenlaube. "Das ist wie Urlaub", meint Simona Bierbaum. Abends, nach der Schicht ein kühles Bierchen im eigenen Garten, was kann es Schöneres geben, freut sich ihr Mann Manuel Behrend - vor allem an Hitzetagen wie diesen.

Gartenglück im Grünen: Ein Rückzugsraum habe ihnen in der Wohnung in dem Mehrfamilienhaus in der Stadt gefehlt, erzählt Simona Bierbaum. In der Sparte "Am Kamp" haben ihn die beiden gefunden: Inzwischen macht sich Simona Bierbaum die Hände gern schutzig. Erdbeere, Möhren, Zwiebeln, Kartoffeln - "alles selbst angebaut" - und geerntet. Vergangene Woche erst habe sie ihre ersten eigenen Kartoffeln zubereitet - Pellkartoffeln mit Salat und Radieschen aus dem eigenen Garten - "da war ich richtig stolz", meint sie. Auch auf den kleinen Gartenteich, der kurzerhand angelegt wurde - mit vier Fischen drin. Bierbaum: "Das wollte ich nie." "Jetzt bauen wir uns unser kleines Paradies auf - nach und nach", meint Manuel Behrend.

Ein bundesweiter Trend - ab in den Kleingarten: Jahrelang kehrten immer mehr Hobbygärtner ihren Parzellen den Rücken. Doch mittlerweile gibt es überall in den Ballungsgebieten wieder ein zunehmendes Interesse von jungen Familien an Kleingärten, während in den ländlich geprägten Regionen die Vereine weiter mit Überalterung zu kämpfen hätten. "Es ist zu einem Trend geworden, die Kinder über die Kleingärten an die Natur heranzuführen", sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, Peter Paschke. Auch in MV: In den größeren Städten seien Leerstände kein Thema, erklärt Dieter Steffens, Chef des Landesverbandes der Gartenfreunde. In Rostock - mit 15 000 Kleingärten der größte Hobbygarten im Land - stünden keine Parzellen leer. Auch in Schwerin und Neubrandenburg habe sich die Situation gebessert. Steffens: "Ältere Kleingärtner geben ihre Parzellen auf, die Jungen übernehmen."

Vor allem junge Familien entdecken den Kleingarten: Nicht alle könnten sich ein Eigenheim bauen und suchten das grüne Paradies im Kleingarten, meint Steffens. In den Sparten würden zudem vermehrt Migranten einen Garten pachten. "Bei den Menschen habe ein Umdenken eingesetzt", beobachtet er - gerade auch nach den jüngsten Lebensmittelskandalen. Möhren, Kartoffeln, Salat, Kohlrabi, Tomaten, Gurken - Selbstversorgung ist angesagt. "Die Leute machen sich wieder selbst die Hände schmutzig, sie wissen dann aber auch, was sie in ihrem Garten ernten", meint Steffens.

Betrieb auf dem Gemüsebeet im Nachbargarten von Simona Bierbaum: "Alles bio", meint Heidemarie Holzwarth. 420 Quadratmeter bewirtschaftet sie zusammen mit ihrem Mann Harry auf ihrer Parzelle. Vor drei Jahren erst hätten sie den Garten übernommen - nach dem Rückzug nach Parchim, als der Job in Elmshorn zu Ende ging. Seitdem zieht sie es ab Frühjahr in den Garten - und erst im Herbst wieder in die Stadtwohnung: "Wir haben unseren Urlaubsort im eigenen Garten." Ohne die Beschäftigung gehe es nicht: "Ich muss in Bewegung sein, an der frischen Luft", erzählt Heidemarie Holzwarth. Gemüse auf akurat angelegten Beeten, volle Obstbäume: "Da freut man sich, wenn alles gut wächst", meint die 57-Jährige. Wie im Gewächshaus der Holzwarths: "Alles selbst gebaut", erklärt ihr Mann Harry - gebrauchte Fenster, ein paar Bretter und Winkel - "wie Ostdeutsche das so machen." Rote Tomaten hängen inzwischen an den zwei Meter hohen Trieben, Paprika, Gurken - "das brauchen wir alles nicht kaufen", erzählt der 57-Jährige. Seine Frau habe noch bis September einen befristeten Job im nahen Krankenhaus, er selbst suche Arbeit in der Metallbranche: "Und wenn es als Helfer ist - ich will arbeiten." Marmelade, Saft, eingeweckte Bohnen, Kartoffeln - alles aus eigener Produktion: "Das spart." Selbstversorger: "Bis auf das Schweinekottlett haben wir alles selbst im Garten", meint er - zumindest Kaninchen wachsen aber in den Buchten hinter der Laube.

Gärten wie der der Holzwarths sind begehrt in Parchim: Immer wieder müssten zwar Gartenfreunde aus Altersgründen ihre Parzelle aufgeben, erklärt Spartenvorsitzender Karl-Heinz Schimmler. Inzwischen liege der Altersdurchschnitt in der Sparte zwischen 60 und 70. Doch Leerstand gebe es trotzdem nicht. Die Jungen ziehen nach.

Gartenpracht in den Städten, Wildwuchs hingegen auf dem Land - den Dörfern laufen die Kleingärtner weg. Hunderte Gärten stünden leer, weiß Landeschef Steffens. Die Vereine haben mit Überalterung zu kämpfen, so dass Pächter für Parzellen, aber auch Ehrenamtler für die Vereinsarbeit fehlten. In Goldberg beispielsweise musste inzwischen ein Verein aufgelöst werden, weil keiner der verbliebenen Vereinsmitglieder mehr im Vorstand mitarbeiten wollte. Viele Junge hätten in den Orten Eigenheime errichtet und sich einen eigenen Garten eingerichtet, heißt es in den Kreisverbänden. In manchen ländlichen Regionen werde man Abstriche machen müssen, ist Bundesgärtner Paschke klar - und zwar deutliche.

Die Parzellen liegen brach. In Mestlin im Landkreis Ludwigslust-Prachim werden in einer Sparte von den einst 54 Kleingärten nur noch vier bewirtschaftet. Leerstände von bis zu 90 Prozent - in den Dörfern keine Seltenheit.

Reaktion am Gemüsebeet: Die grünen Oasen dürften nicht verwildern, fordert Steffens. Die Hobbygärtner, die sich in der Vergangenheit gern abgeschottet hatten, öffnen sich. Man müsse über neue Bewirtschaftsformen nachdenken, meint Steffens. Beispielsweise über Kleingartenparks, die von Gärtnern ebenso genutzt werden könnten wie von Kinderprojekten, Frauenvereinen und Behindertengruppen. Ein solches Projekt werde derzeit in Warnemünde aufgebaut, erklärt Steffens. Doch wenn sich niemand mehr finde, dann müssten die Gärten zurückgebaut werden. Kosten: 3000 bis 5000 Euro je Garten. "Ohne Finanzhilfe des Landes oder der EU ist das nicht zu bezahlen", meint Steffens.

Für die Holzwarths kommt das nicht in Frage: Die Gartenparzelle - "das ist unser Eigenheim", meint Harry Holzwarth. "Da ist immer was zu tun." Sein neuestes Projekt: "Der Gartenweg bekommt ein neues Pflaster." Er weiß, wofür er es tut: "Unsere Tochter hat bereits angekündigt, später den Garten übernehmen zu wollen", sagt Holzwarth: "Da wissen wir wenigstens, dass er in gute Händen kommt."

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