Joachim Gauck : Glück und Schmerz im Herbst 1989

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Der Rückblick des Bundespräsidenten, die Ausreise seiner Tochter und der Dank der Politiker

Die Zeit um den Mauerfall vor 25 Jahren bezeichnet Bundespräsident Joachim Gauck als die bewegendsten Tage und Stunden seines Lebens. Am Sonntag spricht er aber auch über den Schmerz und die Zerrissenheit, die für ihn der friedlichen Revolution 1989 vorausgingen. Bei einer NDR-Matinee in Schwerin zum 25. Jahrestag des Mauerfalls antwortet er TV-Moderatorin Anne Will, trifft auf Weggefährten – und auf seine Tochter Gesine.  Diese habe er noch 1989 ermutigt, die DDR zu verlassen, obwohl zuvor schon seine beiden Söhne in den Westen gegangen waren, so Gauck. „Meine Kinder konnten kein Abi machen, weil sie nicht in der FDJ waren.“ Also stellten sie Ausreiseanträge.


Zur richtigen Zeit nicht am richtigen Ort


Zur richtigen Zeit war sie nicht am richtigen Ort, blickt Gesine Lange zurück. Als die Mauer in Berlin fiel, war sie in Bremen. Fünf Monate zuvor war ihr die Ausreise genehmigt worden. Obwohl sie ursprünglich in der DDR die Dinge besser machen wollte. Doch auf dem Kirchentag 1988 hatte sie sich in einen jungen Bremer verliebt. Und das Leben in der Enge der DDR schien schon zu unerträglich, als dass diese West-Ost-Liebe in Rostock vorstellbar schien. In der Zeit der Demonstrationen im Herbst habe sie schon Angst gehabt um die Menschen, die sie zurückgelassen habe. „Nicht um den Vater – der wollte das immer so und war stark und konnte auf sich aufpassen.“ Die persönlichen Umbrüche hatten in der Folge aus ganz unpolitischen Gründen die Familie Gauck voneinander entfernt. Auch gestern ist es eine der sehr emotionalen und seltenen Begegnungen in den letzten Jahren zwischen Tochter und Vater.

Emotional ist allerdings schon der Beginn, als Gauck – offenkundig überrascht – einige Weggefährten aus den Tagen des Aufbruchs im Publikum umarmt. Stellvertretend für die junge Generation diskutieren schließlich zwei Schüler der Europaschule Rövershagen mit Gauck. Für den 18-jährigen Patrick Rossa ist es unverständlich, dass die Menschen in der DDR das Regime so lange mitgemacht haben und dass sich Leute von der Stasi als Spitzel haben anwerben lassen. Dazu meint Gauck: „Das kann ich erklären, aber es ist schmerzhaft.“ Es gebe eine irdische Vernunft, die sagt: „Schütze Dich, fürchte Dich, passe Dich an und es wird Dir gut gehen.“ Gauck räumt ein, dass es auch innerhalb der SED und unter den Führungskräften der Armee Leute gab, die zur Stasi Nein sagten, obwohl sie nicht das System in der DDR hätten ändern wollen. „Eine gute Erklärung?“, fragt Anne Will den jungen Gesprächspartner. „Ausreichend“, antwortet dieser unter den Lachern der etwa 50 geladenen Zuschauer.


Das große Geschenk der größeren Heimat


Zuvor hatte sich Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) bei den friedlichen Revolutionären für das „große Geschenk“ bedankt, dass „meine Heimat größer geworden ist“. Er verdanke es Menschen, „die viel mutiger waren, als ich es jemals war“, betont er beim Festakt im Staatstheater. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sagt, der 9. November 1989 sei einer der „strahlendsten Momente der deutschen Geschichte“. Indirekt geht er erneut auf die „Unrechtsstaat“-Debatte ein. In der DDR habe es „schweres staatliches Unrecht“ gegeben. Aber es habe auch Millionen gegeben, „die weder Täter noch Opfer“ waren, und „die viel Gutes geleistet“ haben. Weil Sellering sich weigert, die DDR als totalen Unrechtsstaat zu benennen, waren mehrere CDU-Bundestagsabgeordnete dem Festakt ferngeblieben.


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