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Projekt zur Wiederherstellung : Gewollte Lücken im Sommerdeich

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Entdeckt jemand ein Loch in einem Deich, wird das Leck in dieser Hochwasserschutzanlage so schnell es geht geschlossen. Bei dem Sommerdeich des Polders Blücher ist das eine ganz andere Geschichte.

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erstellt am 10.Jan.2012 | 10:25 Uhr

Blücher | Es ist so sicher, wie das Amen in der Kirche: Entdeckt jemand irgendwo ein Loch in einem Deich, folgt emsige Geschäftigkeit, um das Leck in dieser Hochwasserschutzanlage so schnell es geht wieder zu schließen. Bei dem Sommerdeich des Polders Blücher ist das eine ganz andere Geschichte. Das Bauwerk aus den 60er-Jahren erhielt an sieben Stellen Schlitze. Bagger bauten mit ihren Schaufeln Erdreich auf einer Länge zwischen 40 bis 85 Meter ab und entfernten es. Die Deichkrone, die sich um die 2,50 Meter über das vorhandene Geländeniveau erhebt, ist löchrig geworden. Und das, wie Christian Lange betont, ganz gezielt.

Die Durchlässe sind gewollt. Durch sie kann das Wasser der Sude und Schaale ungehindert fließen, erklärt er weiter. "Wiederherstellung der Flusslandschaft Sude-Schaale", so heißt das Projekt, das Christian Lange als zuständiger Mitarbeiter vom Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Westmecklenburg, Abteilung Naturschutz, Wasser und Boden begleitet hat und wie seine Westentasche kennt. Er weiß, dass etwas geschehen musste, um die Sicherheit der Menschen und ihres Gutes an den Flüssen sichern zu können. Es gab zwei Optionen: Die vorhandenen Anlagen umfangreich sanieren, einschließlich Schöpfwerk oder den Rückbau des Polders Blücher. Ersteres hätte mehrere Millionen Euro gekostet, die Alternative geht nach jahrelangem Ringen um einen Kompromiss mit Bewohnern der Region deutlich günstiger über die Bühne.

Um die 300 000 Euro seien, wie Christian Lange sagt, mittlerweile investiert. Das marode Schöpfwerk verschwand im August des vergangenen Jahres, und seit dem 14. November fließt die Schaale mit vollzogenem Durchstich nicht mehr durch den künstlich angelegten Kanal, sondern wieder in ihrem alten Bett.

Für Christian Lange ist dies ein entscheidender Moment auf dem Weg zum erklärten Ziel: Durch die Beseitigung von Sommerdeich und Schöpfwerk soll der Polder Blücher wieder den Hoch- und Niedrigwässern der Flüsse ausgesetzt werden, wie es im Rest des Projektgebiets noch der Fall ist. Das StALU will auf der rund 320 Hektar großen Fläche links und rechts der Mündung in die Sude eine an den natürlichen Wasserhaushalt der Flussaue angepasste, naturschutzgerechte Grünlandnutzung etablieren, die die noch vorhandenen Restbestände der Brutvogelarten und Lebensräume von europaweiter Bedeutung vergrößert. Davon profitieren auch die Biber, erklärt Christian Lange und erwähnt die beiden errichteten so genannten Rettungshügel, die den Nagern bei hohen Wasserständen als Rückzugsgebiet dienen, damit sie sich nicht in den Winterdeich flüchten, der natürlich nicht verschwindet. Rund 64 000 Euro stehen aktuell noch für Ausgleichsmaßnahmen wie diese zur Verfügung.

Der "Restkörper" des alten Sommerdeiches, den Fußgänger künftig gern als Spazierweg vom Jugendclub Besitz aus bis hin zur Schaalebrücke bei Blücher nutzen können, bleibt aus Kostengründen bestehen.

Das StALU behält, wie versichert, die Sorgen der Bürger vor eventuellen Auswirkungen des Projektes im Blick. Experten erstellen bezüglich der im Baubereich befindlichen Grundstücke ein Beweissicherungsgutachten, in dem sie den aktuellen baulichen Zustand im Bereich der Keller der Gebäude dokumentieren. Sollten diese in Folge der wiederhergestellten Flusslandschaft Feuchtigkeit oder Nässe aufweisen, sichert Christian Lange zu, gemeinsam eine Lösung zu finden.


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