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Ausstellung in Wismar : „Gesund und munter“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Ausstellung im Wismarer Archiv zeigt 130 Postkarten von der Front des Ersten Weltkrieges.

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 07:45 Uhr

„Grüße an Paula“ heißt das neue Buch aus dem Wismarer Stadtarchiv, geschrieben von Kunsthistorikerin Katja Jensch und Stadtarchivar Dr. Nils Jörn als Herausgeber. Ein reich bebildertes, opulentes Werk zur Wismarer Geschichte um einen Schatz aus dem Museum: 130 Feldpostkarten, die der Wismarer Paul Jürß, Jahrgang 1870, an seine Tochter Paula schrieb. Von der Front im Ersten Weltkrieg. Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasium haben die Feldpostkarten zusammen mit Wismarer Senioren, die die Sütterlinschrift noch lesen können, „übersetzt“.

Entstanden ist so ein ungewöhnliches Dossier aus dem Ersten Welt¬krieg mit einem ganz privaten Einblick in eine Familie. „Gesund und munter“, ist die Floskel, die Paul Jürß immer wieder an seine Tochter schreibt. Was sonst sollte man einer Zehnjährigen aus dem Krieg schreiben? Dass Kameraden sterben? Dass der Krieg schrecklich ist? Dass man Angst hat?

Paul Jürß war Maler und Tapezierer. Er war 36, als Paula als sein einziges Kind auf die Welt kam. Mit 47 muss er an die Front. „Er kommt als Wismarer aus einer heilen Welt raus, sieht erstmals ein fremdes Land, ist durch die Propaganda an¬geheizt und überzeugt“, so Nils Jörn.

Paul Jürß erklärt seiner Tochter mit den Postkarten die Landschaften und Länder, in denen er unterwegs ist. „Wir wissen, dass einige Karten nicht zugestellt wurden, vielleicht, weil die Motive so schön waren oder wegen der Zensur“, so Katja Jensch.

Die Kunsthistorikerin war fasziniert von den tiefen Einblicken, die diese ungewöhnliche Feldpostkartensammlung dem Leser gewährt. Fasziniert vom Vater, der versucht, trotz der Umstände sehr kindgerecht an die zehnjährige Tochter zu schreiben. „Er schreibt vom Rodeln oder vom Kino am Silvestertag“, erzählt Nils Jörn. Was sonst kann ein Vater guten Gewissens seiner Tochter von der Front schreiben? Katja Jensch: „Das funktioniert irgendwann nicht mehr.“ Die Mitteilungen verändern sich. „Man merkt auch, er muss sich Dinge einfach von der Seele schreiben, dann schickt er diese vier Karten am Stück, die eine ganze Geschichte erzählen.“ Er beschreibt, wenn Kameraden zerbombt werden oder von den vielen Särgen, die auf die Reise nach Hause warten. Von den Ratten, die ihm im Schützengraben über das Gesicht laufen oder vom nassen Stroh, auf dem er schlafen muss. „Aber er schreibt immer erst davon, wenn alles wieder gut ist, wenn er das Fieber überstanden hat“, erzählt Katja Jensch. Damit seine Tochter sich nicht sorgt, sondern froh ist, dass es dem Vater (wieder) gut geht.

Dem, was Paul schreibt, sind die Nachrichten aus dem Mecklenburger Tageblatt aus der Zeit gegenüber gestellt.





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