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Mecklenburg-Vorpommern

18. Oktober 2017 | 22:19 Uhr

Gesund mit Herrn Schmutz und Frau Seife

vom

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erstellt am 12.Okt.2012 | 06:30 Uhr

Gnoien | Im Märchenland sind Herr Schmutz und Frau Seife allgegenwärtig. Ob sie als leuchtend gelber und schmutziger lila Schwamm mit Armen und Beinen über den Mittagsschlaf der kleinen Rumpelstilzchen wachen, als Bürsten-Pärchen das Händewaschen und Zähneputzen beobachten oder fein gemacht von einem Sims herablächeln - überall in der Gnoiener DRK-Kita "Märchenland" sind die Symbolfiguren zu entdecken.

"Jede Gruppe hat ihr eigenes Pärchen", erläutert Kita-Leiterin Elke Driemel. " Manche haben Frau Seife auch kurzerhand in Frau Sauber umbenannt - warum nicht, schließlich geht es uns ja darum, den Kinder spielerisch zu vermitteln, wie wichtig Sauberkeit ist."

Ein Ansatz, der auch Außenstehende überzeugte: Für ihr Gesamtkonzept zur Gesundheitsförderung wurde die Gnoiener Einrichtung in diesem Jahr für den Deutschen Präventionspreis nominiert. 130 Kindertagesstätten und Träger hatten sich darum beworben - 15 wählte eine Jury schließlich für die Endrunde aus. Während es beispielsweise aus Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt kein Kandidat in die Schlussrunde geschafft hat, kommen gleich drei der Nominierten aus Mecklenburg-Vorpommern - neben dem Gnoiener "Märchenland" auch die "Teichfrösche" aus Hohenfelde bei Bad Doberan und die evangelische Kindertagesstätte "Sonnenblume" aus Ribnitz-Damgarten.

Zertifizierung war das vorrangige Ziel

"Es freut uns natürlich sehr, dazuzugehören - aber eigentlich war die Bewerbung nur ein Nebenprodukt", gesteht Elke Driemel. Das ursprüngliche Ziel war die Zertifizierung als "Anerkannte gesundheitsfördernde Kindertagesstätte" durch die Landesunfallkasse. Drei Jahre lang hat sich das Team des "Märchenlands" darauf vorbereitet. Gestern wurde das Zertifikat nun übergeben - auf einem großes Herbstfest mit vielen Gästen.

In wenigen Wochen könnte es dann den nächsten Grund zum Feiern geben: Am 6. Dezember wird in Berlin der Deutsche Präventionspreis verliehen. Elke Driemel hat sich diesen Termin schon seit einigen Wochen im Kalender eingetragen. Anfangs hätten sie und ihre Kolleginnen sich allerdings nicht allzu viele Chancen für ihre Bewerbung ausgerechnet. "Es ist ja nichts Außergewöhnliches, was wir machen, sondern unsere ganz alltägliche Arbeit", betont die Kita-Leiterin, "und zwar schon seit Jahren."

Doch die Jury des Präventionspreises sah das offenkundig anders. "Beim ersten Anruf, dass wir eine Runde weitergekommen seien, wollten wir noch nicht allzu viel drauf geben", erinnert sich Elke Driemel. "Aber dann hieß es, wir seien noch eine Runde weiter. Und dann noch eine… Und nun sind wir sogar für die Endrunde nominiert - ja, und darauf sind wir richtig stolz."

Dabei hatte es bei den telefonischen Nachfragen der Jury immer wieder Momente gegeben, in denen die Erzieherinnen dachten, nun seien sie doch aus dem Rennen. Auf die Frage, warum es denn Herr Schmutz und Frau Seife hieße und nicht umgekehrt Frau Schmutz und Herr Seife, fiel zum Beispiel einfach keinem eine schlagfertige Antwort ein. Und den Verweis auf das grammatikalische Geschlecht von Schmutz und Seife wollte man nicht gelten lassen.

Letztlich aber waren das dann doch Details, die unter den Tisch fielen. Viel mehr interessierte beispielsweise, dass sich die elf Erzieherinnen - mit Blick auf die angestrebte Zertifizierung - in Sachen Gesundheitsförderung extra weitergebildet hatten. Abläufe in der Kindertagesstätte wurden modifiziert, gesunde Ernährung, Unfallprävention, Bewegung und Entspannung noch mehr in den Tagesablauf integriert - in den der Kinder ebenso wie in den der Erzieherinnen.

Bessere Bedingungen im sanierten Haus

"Dass unser Haus vor zwei Jahren von Grund auf saniert wurde, hat dabei vieles leichter gemacht", erzählt die Leiterin. So konnten viele Gruppenräume großzügiger geschnitten werden. Die Mädchen und Jungen - insgesamt sind es 113 Kinder im Alter zwischen acht Monaten und zwölf Jahren, die im "Märchenland" betreut werden - haben dadurch mehr Platz, um drinnen zu toben, wenn das Wetter keine Beschäftigung im Freien zulässt.

Draußen wurde - mit tatkräftiger Hilfe vieler Eltern - der Spielplatz teilweise neu gestaltet: Unter anderem entstanden ein Spielhaus und ein Weidentunnel.

Zum Essen können die älteren Kinder jetzt separate Räume nutzen - das erleichtert nicht nur die Arbeitsorganisation für die Erzieherinnen, es ist auch hygienischer.

Lieblingsgemüse ist für Marie Sophie der Klops

Dass vor dem Essen die Hände gewaschen werden, ist den allermeisten Kindern schon nach kurzer Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. "Wenn sie von der Toilette kommen und zurück zum Spielen wollen, vergessen es viele dagegen doch mal", weiß Elke Driemel. Dann schlägt die Stunde von Herrn Schmutz und Frau Seife. "Nicht die Erzieherin, sondern im Idealfall eines der Kinder schlüpft in ihre Rolle und macht die Mädchen und Jungen darauf aufmerksam, dass sie etwas vergessen haben."

Bei den Vorschulkindern, die bis eben draußen gespielt haben, ist Lena heute die Frau Seife. Sind alle Hände so sauber, dass sich die Kinder das Mittagessen schmecken lassen können? Lena führt Frau Seife, die in diesem Fall eine Bürste mit blendend weißer Schleife ist, dicht an die Hände ihrer Altersgefährten heran. Doch so sehr die Bürste auch "schnüffelt": Schmutz findet sie keinen.

Während die Großen sich ihr Jägerschnitzel schmecken lassen, bereiten sich die Jüngeren bereits auf die Mittagsruhe vor - und das heißt zuerst einmal Zähne putzen. Marie Sophie schrubbt, als gäbe es dafür einen Preis zu gewinnen. Nach dem Essen ist das wichtig, weiß die Dreijährige, sonst könnten sich ja gleich beim Mittagsschlaf die Zahnwehmännchen ans Werk machen. Wobei: "Das Gemüse hab ich heute nicht gegessen, das mochte ich nicht", erklärt das blonde Lockenköpfchen selbstbewusst. Welches wäre denn lecker? "Klops…", kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Nichts geht, wenn die Eltern nicht mitziehen

Auch Elke Driemel muss schmunzeln. "Kinder zum gesunden Essen zu bewegen, ist sogar noch schwerer, als sie zum Händewaschen oder Zähneputzen anzuhalten." Schwarzbrot, das es an drei von fünf Wochentagen zum Frühstück gibt, kannten viele Kinder von zu Hause gar nicht, erst recht keins mit Körnern. Und auch dem Obst- und Gemüseteller, der täglich zum Frühstück gereicht wird, näherten sich viele nur zögerlich. Ganz zu schweigen von Quarkdipp oder ungesüßtem Tee…

"Aber inzwischen ist das für die Kinder normal", meint die Kita-Leiterin. Und es hat Auswirkungen: "Noch vor wenigen Jahren war die Zahnärztin, die regelmäßig zu uns in die Einrichtung kommt, überhaupt nicht zufrieden mit dem Zustand der Zähne vieler Kinder. Der hat sich inzwischen aber enorm gebessert." Dazu hätte auch die Arbeit der Prophylaxeschwester beigetragen, die zweimal im Jahr in die Einrichtung kommt und mit den Kindern das richtige Zähneputzen übt. "Kinder verinnerlichen und lernen viele Sachen ganz schnell", weiß Elke Driemel. Allerdings hat sie auch die Erfahrung gemacht, dass Kinder das Gelernte in einem anderen Umfeld oder in einem Elternhaus, wo darauf kein Wert gelegt wird, schnell wieder vergessen. Das sei nicht nur in puncto Händewaschen und Mundhygiene so. Auch entwicklungsbedingte Defizite ließen sich nur aufholen, wenn die Erzieherinnen, die dabei mit einem Logopäden und einer Ergotherapeutin zusammenarbeiten, und die Familien an einem Strang ziehen.

Die Gnoiener Kita versucht deshalb, die Eltern so weit wie möglich in ihr Konzept zur Gesundheitsförderung einzubinden. Ob Essenspläne, Bauvorhaben oder Sportveranstaltungen - die Eltern haben ein Mitspracherecht. Und natürlich werden sie mit eingeladen, wenn es etwas zum Feiern gibt - gestern die Zertifizierung und im Dezember vielleicht den Gewinn des Präventionspreises.

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