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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 09:06 Uhr

25 Jahre MV : Gesucht: Die letzten Zeugen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Rostockerin sucht Erinnerungen an den Alltag in der DDR– einige Anekdoten hat sie bereits gesammelt – nach weiteren ist sie auf der Suche. Melden Sie sich.

svz.de von
erstellt am 03.Mai.2015 | 08:00 Uhr

Alles begann mit einer Entrümpelungsaktion im Medienkabinett des Institutes. Plötzlich hielt Katja Koch einen Satz alter Schul-Dias in der Hand – „Sie wissen schon, die mit Lenin und Karl-Marx-Stadt.“ Theoretisch hätten sie in den Müllcontainer wandern sollen, doch die Professorin für Frühe Sonderpädagogische Entwicklungsförderung an der Rostocker Universität nahm die Schachtel kurzerhand mit nach Hause. Aus dem nächsten gemütlichen Treffen mit Freunden wurde ein Diaabend – „und alle haben gejubelt“, erinnert sich Katja Koch. Denn alle hätten sich plötzlich zurückversetzt gefühlt in ihre Kindheit und Jugend – in eine Zeit in einem nicht mehr existenten Land, das die mittlerweile über 40-Jährigen doch bis heute geprägt hat.

„Es war das erste Mal, dass wir alle wieder über unsere Kindheit in der DDR gesprochen haben“, erinnert sich Anette Meier, die diesen Diaabend miterlebt hat. Die Freunde hätten viele Parallelen entdeckt, „aber Einzelne hatten zu ein und demselben Thema auch ganz unterschiedliche Assoziationen. Für mich war Fahnenappell zum Beispiel gleichbedeutend damit, dass wir die ersten beiden Stunden frei hatten…“ Andere hätten die Appelle gehasst, wegen der sinnentleerten Parolen oder auch einfach wegen des Stillstehens.

Katja Koch hat versucht zu ergründen, warum die Kindheit in der DDR im Bewusstsein ihrer Freunde so lange kein Thema war. „Wir waren zur Wende 18, 19, 20, gerade erwachsen geworden – und mussten plötzlich noch mal neu erwachsen werden. Wir mussten uns ganz von vorne in eine neue Gesellschaft reinleben – und unsere Eltern konnten uns dabei nicht helfen, denn für sie waren all diese Institutionen, all diese Formulare und Begriffe genauso fremd wie für uns.“

Ihre Generation, die der heute 40- bis 50-Jährigen, hätte bisher überhaupt keine Zeit gehabt, sich zur DDR zu äußern, meint Katja Koch. Ältere, egal ob Bürgerrechtler oder DDR-Nostalgiker, hätten längst dazu Stellung genommen, genauso wie Jüngere, die „dritte Generation Ost“. „Wir aber haben bis heute damit zu tun gehabt, unseren Platz in der neuen Gesellschaft zu finden. Wir haben Familien gegründet und versucht, uns beruflich zu etablieren“, meint Katja Koch. Viele hätten Häuser gebaut – „auf Pump, denn geerbt hat unsere Generation ja nichts, weil die Ersparnisse unserer Eltern und Großeltern plötzlich fast nichts mehr wert waren“. Überhaupt: „Unser ganzes Wertegefüge war aus den Fugen geraten.“ Was für die Eltern in der DDR ein Statussymbol war, sei plötzlich nichts mehr wert gewesen, eine Neubauwohnung zum Beispiel. DDR-Akademiker standen so plötzlich mit leeren Händen da, mussten sich sogar noch rechtfertigen dafür, dass sie schlecht englisch sprachen, keinen Hummer essen konnten und das neue Rechtssystem nicht durchschauten. Bis heute würden sie ihren Enkeln deshalb oft nicht auf ihre Fragen zur DDR-Vergangenheit antworten. Das müsse deshalb jetzt die nächste Generation übernehmen – bevor es ganz zu spät ist und Geschichte nur noch von Außenstehenden, aber nicht von Zeitzeugen erklärt wird.

Als sie mit ihrer Tochter zeitweise in Würzburg lebte, hätte eine Lehrerin erzählt, in der DDR sei das Typische gewesen, dass man nach allem anstehen musste, erinnert sich Katja Koch. Das sei inzwischen zwar schon Jahre her, aber auch heute würde die DDR meist nur polarisierend dargestellt. Das Dazwischen, den Alltag, habe dagegen noch niemand so recht aufgearbeitet. Also habe sie angefangen, im Freundeskreis kleine Geschichten über die Kindheit und Jugend in der DDR zu sammeln. Nicht, um sentimental die Vergangenheit zu verklären, sondern um nicht zu vergessen, wo ihre Wurzeln sind.

„Wir sind alle keine Ostalgiker. Aber wir waren im Osten Kinder – und zur Kindheit gehören nun mal auch ganz banale Dinge wie Hansakekse und Stern-Rekorder“, meint Katja Koch. „In der Rückschau war unsere Kindheit schön – und sie war nicht nur politisch geprägt“, ergänzt Anette Meier, die heute Gleichstellungsbeauftragte der Rostocker Universität ist. Dafür präge vieles, was sie als Kind erlebt hat, sie bis heute: „Zum Beispiel, dass in der DDR die allermeisten Frauen arbeiten gingen. In meiner Klasse hatten zwei Kinder Mütter, die Hausfrauen waren – die waren absolute Exoten“, erzählt Anette Meier, für die es immer noch selbstverständlich ist, dass Frauen nicht nur als Mütter, sondern auch im Beruf anerkannt werden wollen.

Auch Katja Kochs Tochter kennt das nicht anders. Sie studiert mittlerweile – an einer Universität in den alten Bundesländern. „Aber sie kann von allen Kommilitonen sagen, ob sie aus dem Osten oder dem Westen kommen“, weiß die Mutter. „Da hab ich sie wahrscheinlich geprägt.“ Denn auch wenn die Wissenschaftlerin als amtierende Institutsdirektorin weit oben in der Hochschul-Hierarchie angekommen ist – viele andere in der DDR Geborene gibt es dort nicht. „Man freut sich immer, wenn man bei neuen Kollegen den Geburtsort liest und weiß, sie oder er hat die gleichen Wurzeln“, gibt Katja Koch zu. Denn die Verständigung sei einfacher, man benutze die gleichen Codes – und man wisse, was die oder der andere weiß. Lange hätte man doch nicht einmal laut sagen können, dass man in Thüringen geboren worden sei, ohne gleich gefragt zu werden, ob man denn überhaupt ein „richtiges“ Abitur hat. „Das hat sich inzwischen zum Glück geändert“, betont Katja Koch. Auch dank namhafter bundesdeutscher Politiker, die ihre Wurzeln in Ostdeutschland haben: Angela Merkel, Joachim Gauck, Manuela Schwesig.

Die DDR-Schul-Dias hat Katja Koch übrigens immer noch nicht weggeworfen. Im Gegenteil: Mittlerweile hat sie schon fast 1000 zusammengetragen – für spannende Abende im Freundeskreis.

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