Datenschützer empört : Gesichtserkennung im Supermarkt

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Bei Real und Post werden Kunden eingescannt

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12. Juni 2017, 21:00 Uhr

Während in der Politik monatelang über den Einsatz von Überwachungskameras auf dem Schweriner Marienplatz und an anderen öffentlichen Orten mit hoher Kriminalität diskutiert wird, sind Supermärkte und Postfilialen bei Kamera-Aufzeichnungen weit weniger zimperlich. Wer als Kunde bei der Supermarktkette Real an der Kasse steht, muss in einigen Bundesländern damit rechnen, von einer Kamera mit Gesichtserkennung erfasst zu werden. Andere Unternehmen haben ähnliche Ambitionen.

In 40 Real-Märkten bundesweit scannen kleine Kameras über den Werbebildschirmen an den Kassen die Gesichter der Kunden ein und zeichnen deren Blickkontakte zum Bildschirm auf. Die Testphase läuft seit vergangenem Herbst.

Noch ist der Nordosten der Republik nicht einbezogen. „In Mecklenburg-Vorpommern wird in keinem Markt diese Software genutzt“, sagte gestern Ilka-Nadine Mielke, Pressereferentin der Kette auf Anfrage unserer Redaktion. Installiert wurden diese Kameras dagegen beispielsweise in den Real-Märkten Hannover und Hildesheim in Niedersachsen.

Das neue System gilt der Marktforschung. Werbung soll effektiver und zielgenauer an den Kunden gebracht werden. Der Betreiber der Werbebildschirme, die Echion AG aus Augsburg, analysiert die Daten der Kamera nach Geschlecht und Alter des Kunden. Außerdem werden der Zeitpunkt des Blickkontakts mit dem Bildschirm und die Betrachtungsdauer ausgewertet. „Die Erkennung der Personen erfolgt komplett anonym. Das System weiß zu keinem Zeitpunkt, wer diese Person ist“, erklärte Frau Mielke. Die aufgenommenen Bilder würden rein automatisch ausgewertet und dann sofort wieder gelöscht. Die Dauer der Speicherung betrage lediglich 150 Millisekunden. Eine Information für die Kunden erfolge über eine gut sichtbare Hinweisbeschilderung „Dieser Markt wird videoüberwacht“, sagte die Pressereferentin. Ein Verstoß gegen den Datenschutz liege nicht vor und das Recht am eigenen Bild werde auch nicht berührt.

Datenschützer sehen das anders. Gesichtsscanner an der Supermarktkasse für personalisierte Werbung – mit dem neuen Verfahren der biometrischen Datenerfassung stehe man vor einem Paradigmenwechsel, ist sich Rolf Hellwig, Experte beim Landesdatenschutzbeauftragten in Mecklenburg-Vorpommern, sicher. Böse, erstaunt, glücklich, traurig: In der nächsten Stufe würden die Gefühle der Kunden analysiert, um noch zielgenauer Kaufentscheidungen zu beeinflussen – in einigen asiatischen Ländern längst praktiziert. Ein Milliardenmarkt, meinte Hellwig – je personenbezogener, desto wertvoller die Daten. Für Hellwig und Deutschlands Datenschützer ein generelles Problem: Schon das von der Supermarktkette Real und der Deutschen Post derzeit getestete Scanverfahren birgt Gefahren für Deutschlands Verbraucher. Die bisherige Videoüberwachung mit Warnhinweisen an der Eingangstür sei im Einklang mit den Datenschutzgesetzen, meinte Hellwig gestern. Für den Kamerascan reiche der Hinweis aber nicht. Es müsse gut sichtbar und eindeutig über den Test mit der Gesichtserkennungssoftware informiert werden. Und die Kunden müssten ausdrücklich einwilligen.

Das neue Verfahren gehe zu weit: Gesichtsvermessung an der Kasse – damit werde das Recht auf eigene Daten missbraucht. Das stehe gegen das Gesetz, meinte Hellwig. Daten zur Gesichtserkennung seien besonders geschützt. Das werde mit dem neuen Verfahren verletzt. Noch gebe es in Mecklenburg-Vorpommern keine entsprechenden Anfragen. Aber solche Anträge würden wir auch nicht genehmigen, sagte Hellwig.

Die Supermarktkette Real ist längst nicht das einzige Unternehmen. Auch die Deutsche Post erprobt derzeit Bildschirme mit Gesichtserkennung in etwa 100 Partnershops in Köln, Hamburg, München und Berlin, um Werbung zielgruppenorientierter steuern zu können. Die Mediamarkt/Saturn-Gruppe soll ähnliche Versuche planen.

„Haben Sie eine Payback-Karte?“

Die meistgestellte Frage an der Kasse und eine der nervigsten überhaupt: „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Um eine möglichst lückenlose Datensammlung zu gewährleisten, ist es für Unternehmen wichtig, dass die Kundenkarte bei jedem Kauf vorgelegt wird.   Was die Anbieter mit den Informationen machen dürfen, ist gesetzlich klar geregelt und wurde durch eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs 2008 präzisiert: Damals urteilten die Richter, dass die Kunden  aktiv einwilligen müssen, wenn sie der Nutzung ihrer Daten für Werbezwecke per Mail oder SMS zustimmen. Wer dies zulassen möchte, muss dies auf dem Anmeldeformular erklären, zum Beispiel ein Kästchen ankreuzen.

Diese Einwilligungserklärung ist aus Sicht von Datenschützern entscheidend. „Sofern eine solche eingeholt wird, bestehen aus datenschutzrechtlicher Sicht gegen solche Systeme grundsätzlich keine Bedenken“, erklärte die Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit . Denn damit sei es dem Kunden selbst überlassen, eine Entscheidung über die Verwendung seiner Daten zu treffen.  Payback erstellt nach eigenen Angaben auf  anonymisierter Basis spezifische Kundengruppen, die sich durch ein ähnliches Einkaufsverhalten auszeichnen und dadurch an bestimmten Angeboten interessiert sein können. Individuelle Kundenprofile gebe es nicht. Am meisten Informationen hat nach Angaben von Payback das Unternehmen, bei dem die Kundenkarte ausgestellt wird. Also kennt zum Beispiel Real  die Adresse der Kunden, die sich die Karte dort geholt haben. Diese Unternehmen haben jeweils auch die Produktdaten der Einkäufe, die in ihrem Unternehmen getätigt werden. Die anderen Partner kennen die Adresse jedoch nicht.

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