zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 14:54 Uhr

Gesellschaftskritiker auf Piraten-Kurs

vom

svz.de von
erstellt am 25.Jan.2010 | 08:10 Uhr

Greifswald | An ihm scheiden sich die Geister. Für die einen ist Sebastian Jabbusch "ein genialer Kommunikator", für die anderen ist er "ein genialer Selbstdarsteller". Seit 2003 studiert der gebürtige Stralsunder an der hiesigen Uni Politikwissenschaften, Öffentliches Recht und Geschichte. In dieser Zeit dürfte er sich wie kaum ein anderer Student unter den Kommilitonen und im Kreis der Hochschulleitung einen Namen gemacht haben. Aber auch außerhalb des Dunstkreises der Uni weiß man hierzulande von Jabbusch.

Jüngst erfuhr er Aufmerksamkeit, als er zum Landesvorsitzenden der Piratenpartei gewählt wurde. Zuvor hatte er als "Gauleiter" der deutschen Apfelfront mit einer Satiregruppe im Nordosten den Kampf gegen die NPD unterstützt. Doch diese Form öffentlicher Wirksamkeit wird von der Präsenz überboten, die Sebastian Jabbusch im Internet hat. Er ist Gründer und war dann lange Zeit Chefredakteur des studentischen Online-Magazins "webMoritz". Auf dieser Plattform wird er vielfach als Platzhirsch wahrgenommen. Wenn Jabbusch sich zu Wort meldet, kann er sicher sein, dass er einen Meinungsstreit entfacht. Das Selbstverständnis seiner umfangreichen Aktivitäten definiert er so: "Ich bin Student und freiberuflicher Gesellschaftskritiker". Die Meinungsfreiheit sei ihm ein hohes Gut, sagt er. Beim Einsatz dafür habe er erstmals mit dem umstrittenen Namenspatron der Uni, Ernst Moritz Arndt, Bekanntschaft gemacht.

Damals waren es im Studentenparlament andere, die eine kritische Auseinandersetzung mit dessen nationalistischen und antisemitischen Positionen forderten. "Die sind einfach kalt gestellt worden", erinnert sich Jabbusch. So könne Demokratie wohl nicht funktionieren, sagte er sich. Was nun folgte, ist an der Uni mit Erstaunen und Entsetzen wahrgenommen worden. Die Kampagne "Uni ohne Arndt" wurde gestartet. Das vielgestaltige Agieren des "freiberuflichen Gesellschaftskritikers" und seiner Mitstreiter mündete 2008 im offenen Konflikt mit der Universitätsleitung. Auslöser war die Einrichtung des Onlineportals "uni-greifswald-blog.de" durch Jabbusch. Das Rektorat sah die Namensrechte der Universität verletzt und forderte dazu auf, die Seite aus dem Netz zu nehmen sowie eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, mit der sich der Internet-Pirat verpflichten sollte, die Verwendung der "uni-greifswald"-Identifikation künftig zu unterlassen. Jabbusch reagiert auf seine Weise. Er verkaufte die Seite an die Studierendenschaft und machte daraus den mittlerweile etablierten "webMoritz". Die "Zur-Brust-Nahme" durch den Rektor hatte also zur Folge, dass der umtriebige Student bekannt wie ein bunter Hund wurde. Mittlerweile sitzt er in Schlüssel-Gremien der Hochschule, im Senat und im Studierenden Parlament.

Dort verfolgt Jabbusch das ehrgeizige Vorhaben, eine "Uni ohne Arndt als Namenspatron" durchzusetzen. Im Juni letzten Jahres stimmten auf einer Vollversammlung der Studierenden von 1200 Kommilitonen 1050 für dieses Ziel. Daraufhin kam auch der Senat nicht umhin, sich der Auseinandersetzung mit Arndt zu stellen. Es wurde eine "Namenskommission" gegründet. Mittlerweile hat es hochschulinterne und städtisch öffentliche Anhörungen in der Sache gegeben. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Arndt, die vor zehn Jahren noch in ihrer Resonanz beschränkt blieb, ist in vollem Gange. Der Internet-Auftritt der Uni spiegelt sie in einer Breite wider, an die seinerzeit nicht zu denken war.

Sebastian Jabbusch nimmt nicht für sich in Anspruch, der Motor dieser Debatte zu sein. Es gibt aber etliche, die das Datum, an dem er sich an der Greifswalder Uni einschrieb, schwarz eingekreist haben. Jabbusch kann damit offensichtlich umgehen. Das trifft auch auf jenen Freitag zu, als sich herausstellte, dass von den knapp 2500 Studenten, die zu einer Abstimmung über den Uni-Namen bereit waren, 1300 für Ernst Moritz Arndt und 1200 gegen ihn aussprachen. In seiner Interpretation des Ergebnisses zeigt sich, dass Jabbusch einiges im Fach Politikwissenschaft gelernt hat. Es sei doch lediglich darüber abgestimmt worden, die "Ernst-Moritz-Arndt-Universität" in "Universität Greifswald" umzubenennen, sagt er. Diese Variante ist durchgefallen, aber 2500 Kommilitonen hätten sich für die Problematik Uni-Namen interessiert. Das sei ein "toller Erfolg" und deshalb werde die Initiative das Verfahren der Umbenennung nicht stoppen. Das gilt wohl auch für den Fall, dass Jabbusch sein Studium demnächst erfolgreich abschließt. Wenn es der Arbeitsmarkt hergebe, bleibe er dem Nordosten erhalten, sagt er.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen